Moskau erhöht den Druck auf Alexander Lukaschenko, belarussisches Territorium für eine umfassendere militärische Nutzung gegen die Ukraine freizugeben – und möglicherweise auch für hybride Operationen gegen NATO-Mitgliedstaaten. Das berichtet das Wall Street Journal unter Berufung auf amerikanische und europäische Regierungsvertreter. Seit Anfang Jänner 2026 versuche der Kreml demnach, die Rolle von Belarus im Krieg gegen die Ukraine auszuweiten, während das russische Vorrücken im Osten des Landes zunehmend ins Stocken gerät.
Konkret sei Russland daran interessiert, belarussisches Territorium für den Abschuss von Drohnen auf ukrainische Ziele zu nutzen, zusätzliche Bedrohungsszenarien entlang der Nordgrenze der Ukraine aufzubauen und Kiew damit zu zwingen, Teile seiner Streitkräfte von den aktiven Frontabschnitten im Osten abzuziehen. Die Ukraine wäre in diesem Fall gezwungen, erhebliche Ressourcen für den Schutz der Nordgrenze einzusetzen – auf Kosten ihrer Verteidigungskapazitäten an anderen Frontlinien.
Hybride NATO-Bedrohung
Wie das Wall Street Journal weiter berichtet, haben russische Regierungsvertreter auch die Möglichkeit erörtert, Belarus als Plattform für hybride Operationen in der Nähe der NATO-Außengrenzen einzusetzen. Westliche Beamte gehen davon aus, dass Moskau derartige Aktivitäten nutzen könnte, um die Reaktionsfähigkeit des Bündnisses auszuloten und die westliche Unterstützung für die Ukraine zusätzlich zu erschweren. In diesem Zusammenhang wird daran erinnert, dass russische Drohnen bereits in der Vergangenheit in den polnischen Luftraum eingedrungen sind. Gesprächspartner der Zeitung warnen, solche Vorfälle könnten sich häufen, sollte Belarus noch tiefer in russische Militärplanungen eingebunden werden.
Als wichtigstes Druckmittel gegenüber Minsk dient Moskau die wirtschaftliche Abhängigkeit des Landes. Laut dem Wall Street Journal setzt der Kreml finanzielle Hilfen und Subventionen gezielt als Hebel gegenüber den belarussischen Behörden ein. Eine zentrale Rolle in den bilateralen Beziehungen spiele dabei der russische Botschafter in Belarus, Boris Grislow. Quellen der Zeitung zufolge hat Russland signalisiert, die finanzielle Unterstützung zu kürzen oder gänzlich einzustellen, sollte Lukaschenkos Regime den Forderungen des Kremls nicht nachkommen.
Ukrainischer Gegendruck
Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem auch die Ukraine den Druck auf Minsk spürbar erhöht. Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte Belarus zuletzt auf, jene Infrastruktur zu beseitigen, die Kiew für die Unterstützung russischer Drohnenoperationen verantwortlich macht – andernfalls werde die Ukraine selbst Maßnahmen ergreifen. Darüber hinaus werfen die ukrainischen Behörden Belarus vor, die Treibstofflieferungen an Russland deutlich ausgeweitet zu haben. Den Angaben zufolge ist der belarussische Benzinexport nach Russland in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erheblich gestiegen.
Belarus hatte russischen Streitkräften zu Beginn der Invasion im Jahr 2022 sein Territorium als Aufmarschgebiet zur Verfügung gestellt, ohne dass die belarussische Armee selbst direkt an Kampfhandlungen beteiligt war. Dennoch warnte die demokratische Opposition, die im Vereinigten Übergangskabinett unter der Führung von Swetlana Tichanowskaja vereint ist, am 22. Juni vor einer möglichen Kursänderung. Es gebe Anzeichen dafür, dass sich das Lukaschenko-Regime auf eine direktere Kriegsbeteiligung vorbereite.
Als Belege führten die Oppositionsvertreter die Stärkung der Streitkräfte, die vertiefte Integration mit russischen Militärverbänden, die Verabschiedung neuer Kriegsgesetze sowie die Abhaltung groß angelegter Militärmanöver an.