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Tag der sprachen

Sprechen wir eine Sprache, die es längst nicht mehr gibt?

(FOTO: iStockphoto/stockce)
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Und jetzt bitte in richtigem Kroatisch: „listopad“, nicht „oktobar“. Es heißt „komplicirano“ und nicht „komplikovano“. Ich, eine gebürtige Wienerin mit kroatischen Wurzeln, inzwischen komplett verwirrt.

Ich kenne die (minimalen) sprachlichen Unterschiede, die seit der Unabhängigkeit der ex-jugoslawischen Staaten forciert werden. Doch, aufgewachsen in Wien kommt man da schnell durcheinander.

Jede Generation spricht eine andere Variante

Meine Großeltern aus Kroatien haben in ihrem Sprachgebrauch noch die sprachlichen Besonderheiten Slawoniens, welches im Osten Kroatiens liegt. Also sehr wohl Kroatisch, aber mit serbischen und bosnischen Einflüssen.

„Pendzer“, „avlija“ gehören da dazu, wie „flaša“ oder „oktobar“. Also so, wie es vor dem Krieg der 90er Jahre noch in Kroatien parallel zu „kroatischen“ Bezeichnungen gesprochen wurde. Nachdem sie nach Wien emigriert waren, hat sich an ihrer Sprache nichts geändert. Schon gar nicht nach dem Krieg in den 90er Jahren, als sie nur mehr zum Urlaub in die Heimat gefahren sind. Meine Mutter, die dieses Kroatisch mitbekommen hat, hat auch mir nur diese Sprache weitergeben können. Ergänzt wurde meine Sprache mit einem Mix an ex-jugoslawischem  Kroatisch mit den Merkmalen herzegowinischen Dialekts. In meinen Kroatienreisen werde ich in der Heimat dafür kritisiert oder belächelt, weil das nicht mehr Kroatisch wäre.

Sprache der Diaspora

In Wien hat das ex-jugoslawische Kroatisch, Serbisch und Bosnisch noch einmal seinen Höhepunkt erreicht, bis heute. Jede/r Sprecher:in kennt die Eigenheiten der Sprache, die der jeweiligen ethnischen Herkunft angehört, gemischt wird aber trotzdem. Weil man es nicht anders kennt und dich sowieso jeder versteht. Und weil sich die Diaspora nicht an einzelne Bezeichnungen und Begriffe klammert, um die Bestätigung für die eigene Herkunft zu untermauern. Die genaue Wort- und Sprachauswahl ist für die Menschen am Balkan nämlich ein Merkmal für die neue Unabhängigkeit des jeweiligen Staates. Soll auch in Ordnung so sein.

Doch für uns, die hier in der Diaspora leben, ist diese Sprachausrichtung sehr oft irrelevant. „Ich bin in ein Geschäft in Zagreb gegangen und habe einen Löffel kaufen wollen. Dort wurde ich schief angeschaut, ganz so als würde ich eine andere Sprachen sprechen weil ich statt „žlica“ (kroatisch ´Löffel´) einfach „kašika“ (serbisch, bosnisch ´Löffel´) gesagt habe. Die junge Verkäuferin hat mich nicht verstanden. Genauer gesagt wollte sie mich nicht verstehen.

Meine Freundin, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, hat kein anderes Kroatisch gelernt, als jednes, welches in Bosnien und Herzegowina bis vor dem Krieg gesprochen wurde und welches ihre Eltern nach der Flucht nach Deutschland gesprochen haben.
Haben die Menschen in der Diaspora eine alte Sprache aufrechterhalten oder eine neue erfunden?

Wenn man an der Universität Wien am Zentrum für Translationswissenschaften ein BKS Dolmetsch Studium inskribiert muss man ganz genau definieren, welche Sprache man spricht. Meine StudienkollegInnen und ich sitzen im großen Hörsaal und sind erstaunt über die Genauigkeit der Sprachauswahl, obwohl das Fach eigentlich BKS, also Bosnisch-Serbisch-Kroatisch heißt. Es wird als ein Fach geführt, innerhalb der Seminare muss man sich jedoch für eine Variante entscheiden. An dieser Entscheidung wird deine gesamte Dolmetsch-Qualität festhalten. Meine kroatischen und serbischen Freundinnen aus Bosnien und Herzegowina kommen ins Stocken. Viele Wörter würden sie ganz anders sagen und aussprechen.

Sie sprechen keine Standardsprache a lá Zagreb, Belgrad oder Sarajevo sondern die Sprache, die ihnen zu Hause beigebracht wurde. Innerhalb des Studiums lernt man die neue Standardsprache, die  nach der Sprachpolitik der neuen unabhängigen Staaten am Balkan verordnet wird.  

Außerhalb der Universität und des Balkans verlassen wir jedoch diese strengen Normen wieder. Es wird eine hybride Sprache gesprochen, in welcher parallele Bezeichnungen die Normalität sind.

Weil die Diaspora eine eigenen Weg geht.

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