Mitch Moffit, ein Biologe, und Greg Brown, ein Naturwissenschaftslehrer, beide wissenschaftliche YouTuber und schwul, haben den sprachlichen Besonderheiten der sogenannten „schwulen Stimme“ nachgespürt. Die beiden betreiben den YouTube-Kanal AsapSCIENCE und untersuchten, welche Charakteristika die Stimmen homosexueller Männer auszeichnen könnten, die über kulturelle und erzieherische Einflüsse hinausgehen.

In ihren Untersuchungen, die auf Studien bis in die frühen 1990er Jahre zurückgehen, betonen Moffit und Brown, dass homosexuelle Männer oft eine größere Tonhöhenvariation aufweisen. Diese reicht von tiefen bis zu hohen Tönen und ist stärker ausgeprägt als bei ihren heterosexuellen Pendants. Zudem neigen schwule Männer dazu, Vokale wie „a“, „i“ und „u“ länger zu halten. Bemerkenswert ist, dass diese Eigenschaften keineswegs auf eine spezifische Sprache beschränkt sind; sie treten in Englisch, Französisch und Niederländisch gleichermaßen auf.
Hintergründe und Theorien
Zunächst wurde vermutet, dass Testosteron eine Rolle spielen könnte. Die Theorie besagte, dass homosexuelle Männer möglicherweise weniger Testosteron produzieren, was ihre Stimme beeinflusst. Diese Annahme konnte jedoch in Studien nicht bestätigt werden. Nachdem die internen Faktoren ausgeschlossen wurden, richteten die Forscher ihren Blick auf externe Einflüsse.
Interessanterweise passen sowohl schwule als auch heterosexuelle Männer ihre Stimme je nach Zuhörerschaft an. Heterosexuelle Männer sprechen in Autoritätspositionen und in Gegenwart attraktiver Frauen oft mit tieferer Stimme. Schwule Männer hingegen verändern ihre Stimmlage, wenn sie sich in einer vertrauten Umgebung befinden oder mit Gleichgesinnten kommunizieren.
Besonders aufschlussreich ist eine Studie über schwule YouTuber, die zeigt, dass sie nach ihrem Coming-out oft „schwuler“ klingen. Hieraus lässt sich schließen, dass die „schwule Stimme“ nicht nur ein genetisches Phänomen, sondern auch eine Form sozialer Anpassung ist. Diese kann modifiziert oder unterdrückt werden, je nachdem, ob das Signal gewünscht ist oder nicht.
[crp box=“1″ limit=“3″ heading=“1″ offset=“0″]
Die Forschung zu lesbischen Stimmen ist bislang nicht so umfangreich, und die Unterschiede in der Sprechweise zwischen homosexuellen und heterosexuellen Frauen sind weniger markant als bei Männern. Wichtig ist, dass solche Unterschiede nicht universell sind und individuell variieren. Es kommt vor, dass heterosexuelle Männer „schwul“ und schwule Männer „hetero“ klingen können. Dennoch zeigt sich häufig ein Zusammenhang zwischen der Art der Sprechweise und dem sozialen Kontext des Zuhörers.