Die zweimal jährliche Zeitumstellung könnte mehr Schaden anrichten als bisher bekannt. Eine Stanford-Studie liefert neue Erkenntnisse zu langfristigen Gesundheitsrisiken.
Am 26. Oktober 2025 werden die Uhren wieder um eine Stunde zurückgedreht – ein Ritual, das viele Menschen zunehmend in Frage stellen. Die halbjährliche Zeitumstellung, die uns im Frühjahr eine Stunde Schlaf raubt und im Herbst zurückgibt, steht seit Jahren in der Kritik. Nicht ohne Grund: Bereits bekannt ist, dass der Schlafmangel im März mit einer erhöhten Rate an Herzinfarkten und tödlichen Verkehrsunfällen in den Tagen nach der Umstellung einhergeht. Diese Zusammenhänge werden durch statistische Analysen von CDC-Daten und Verkehrsunfallstatistiken bestätigt, während interessanterweise die Rückstellung im Herbst diese negativen Akuteffekte nicht verursacht.
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Eine aktuelle Studie liefert nun weitere Argumente gegen den zweimal jährlichen Eingriff in unsere Zeitmessung. Wissenschaftler der medizinischen Fakultät der Stanford-Universität in Kalifornien haben nachgewiesen, dass die Zeitumstellung mit langfristigen Gesundheitsrisiken verbunden ist – insbesondere mit einem erhöhten Risiko für Fettleibigkeit und Schlaganfälle. Eine Abschaffung könnte demnach zehntausende Schlaganfälle verhindern und die Zahl übergewichtiger Menschen deutlich reduzieren.
Die Forscher verglichen drei Szenarien: dauerhafte Standardzeit (Winterzeit), dauerhafte Sommerzeit und das aktuelle System mit zweimaliger Umstellung. Im Fokus stand dabei der Einfluss auf den zirkadianen Rhythmus – die biologische Uhr des Körpers, die zahlreiche physiologische Prozesse wie Hormonausschüttung, Stoffwechsel und Herzfunktion steuert. Diese innere Uhr wird hauptsächlich durch Lichteinfall reguliert und von einem speziellen Bereich im Gehirn gesteuert.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die derzeitige Praxis der halbjährlichen Zeitumstellung schneidet aus gesundheitlicher Sicht am schlechtesten ab. Am vorteilhaftesten wäre laut Studie die dauerhafte Beibehaltung der Winterzeit. Aber selbst eine ganzjährige Sommerzeit würde weniger gesundheitliche Nachteile mit sich bringen als das aktuelle System. Für ihre Untersuchung simulierten die amerikanischen Wissenschaftler die typische Lichtexposition der Bewohner aller Bezirke der kontinentalen USA über das gesamte Jahr und nutzten Gesundheitsdaten des Centers for Disease Control and Prevention (CDC).
Gesundheitliche Vorteile
„Unsere Ergebnisse zeigen klar, dass sowohl die dauerhafte Winter- als auch die Sommerzeit gesundheitlich vorteilhafter wären als die zweimalige Umstellung im Jahr“, erläutert Dr. Jamie Zeitzer, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Stanford University sowie Hauptautor der Studie. Trotz dieser Erkenntnisse waren bisherige Versuche, die Zeitumstellung in der EU und den USA abzuschaffen, nicht von Erfolg gekrönt. In den USA scheiterten in den vergangenen Jahren mehrere Gesetzesvorschläge zur Einführung einer dauerhaften Sommerzeit. „Es gibt auf beiden Seiten Menschen mit starken Überzeugungen und sehr unterschiedlichen Argumenten“, so Zeitzer.
Selbst unter Befürwortern einer Abschaffung herrscht Uneinigkeit über die beste Alternative. Die Verfechter einer dauerhaften Sommerzeit führen an, dass mehr Licht in den Abendstunden Energie sparen, die Kriminalitätsrate senken und mehr Freizeit nach Feierabend ermöglichen könnte. Als die USA jedoch 1974 während der Ölkrise vorübergehend eine ganzjährige Sommerzeit einführten, kam es zu massiven Protesten: Kinder mussten morgens im Dunkeln zur Schule gehen, und die Unfallzahlen stiegen. Die Maßnahme wurde nach weniger als einem Jahr wieder zurückgenommen.
Auf der anderen Seite argumentieren Befürworter der dauerhaften Winterzeit, dass mehr Morgenlicht gesundheitlich optimal sei. Mehrere Fachorganisationen, darunter die American Academy of Sleep Medicine und die American Medical Association, sprechen sich für eine ganzjährige Standardzeit aus. „Diese Empfehlung basierte bisher auf der theoretischen Annahme, dass frühes Morgenlicht gesundheitlich vorteilhafter ist“, erklärt Zeitzer. „Das Problem war, dass diese Theorie nicht durch Daten gestützt wurde – und genau diese Daten liefern wir jetzt.“
Der natürliche zirkadiane Rhythmus des Menschen beträgt nicht exakt 24 Stunden, sondern ist bei den meisten Menschen etwa 12 Minuten länger. Licht kann diesen Zyklus synchronisieren. „Morgenlicht beschleunigt den zirkadianen Rhythmus, während Abendlicht ihn verlangsamt“, erläutert Zeitzer. „Für eine optimale Synchronisation mit dem 24-Stunden-Tag benötigt der Körper mehr Licht am Morgen und weniger am Abend.“
Konkrete Auswirkungen
Ein nicht synchronisierter zirkadianer Rhythmus kann erhebliche gesundheitliche Folgen haben. „Je mehr Licht zur falschen Zeit auf uns einwirkt, desto schwächer wird unsere innere Uhr. Das beeinträchtigt das Immunsystem, den Energiehaushalt und viele weitere Gesundheitsaspekte“, warnt der Experte. Die Forscher entwickelten ein mathematisches Modell, um die Auswirkungen der Lichtexposition in den drei verschiedenen Zeitsystemen zu berechnen. Dabei berücksichtigten sie lokale Sonnenauf- und -untergangszeiten und ermittelten die sogenannte „zirkadiane Belastung“ – also wie stark sich die innere Uhr anpassen muss, um mit dem 24-Stunden-Tag Schritt zu halten.
Die Analyse ergab, dass die meisten Menschen über das Jahr hinweg die geringste zirkadiane Belastung bei einer dauerhaften Winterzeit erfahren würden, die für mehr Morgenlicht sorgt. Die Vorteile variieren allerdings je nach Standort innerhalb der Zeitzone und dem individuellen Chronotyp – also ob jemand eher zu frühem Aufstehen, spätem Zubettgehen oder etwas dazwischen neigt. Interessanterweise würden Frühaufsteher, etwa 15 Prozent der Bevölkerung, die typischerweise zirkadiane Zyklen von weniger als 24 Stunden haben, von einer dauerhaften Sommerzeit profitieren, da das zusätzliche Abendlicht ihren Zyklus näher an die 24-Stunden-Marke bringen würde.
Um konkrete gesundheitliche Auswirkungen zu ermitteln, analysierten die Forscher CDC-Daten zur Häufigkeit verschiedener Erkrankungen wie Arthritis, Krebs, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, koronarer Herzkrankheit, Depression, Diabetes, Fettleibigkeit und Schlaganfall. Ihre Modellrechnungen zeigen, dass eine dauerhafte Standardzeit die Häufigkeit von Fettleibigkeit in den USA um 0,78 Prozent und die von Schlaganfällen um 0,09 Prozent reduzieren würde. Diese scheinbar geringen Prozentsätze hätten in einem Land mit rund 340 Millionen Einwohnern beachtliche Auswirkungen: etwa 300.000 weniger Schlaganfälle pro Jahr und 2,6 Millionen weniger Menschen mit Fettleibigkeit. Bei Einführung einer dauerhaften Sommerzeit würden immerhin noch etwa zwei Drittel dieser Vorteile erzielt.
Wie zu erwarten, sagten die Modelle keine signifikanten Unterschiede bei Erkrankungen wie Arthritis voraus, die nicht direkt mit dem zirkadianen Rhythmus zusammenhängen. Laut Zeitzer ist diese Studie vermutlich die bisher umfassendste Analyse der langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen verschiedener Zeitregelungen. „Dennoch ist dies nicht das letzte Wort zu diesem Thema“, räumt er ein. Die Forscher berücksichtigten viele Faktoren nicht, die die tatsächliche Lichtexposition beeinflussen könnten, wie Wetter, geografische Gegebenheiten und individuelles Verhalten. In ihren Berechnungen gingen sie von gleichbleibenden Gewohnheiten aus – Schlaf zwischen 22 und 7 Uhr, Aufenthalt im Freien vor und nach der Arbeit sowie am Wochenende, Exposition gegenüber Innenlicht von 9 bis 17 Uhr und nach Sonnenuntergang. In der Realität haben jedoch viele Menschen unregelmäßige Schlafgewohnheiten und verbringen deutlich mehr Zeit in geschlossenen Räumen.
„Die tatsächlichen lichtbezogenen Gewohnheiten der Menschen sind wahrscheinlich viel schlechter als in unseren Modellen angenommen“, gibt Zeitzer zu bedenken. „Selbst in Kalifornien mit seinem hervorragenden Wetter verbringen die Menschen weniger als fünf Prozent ihrer Tageszeit im Freien.“ Der Wissenschaftler hofft, dass die Studie auch Forscher aus anderen Disziplinen wie Wirtschaft und Soziologie dazu anregen wird, die Auswirkungen der Zeitumstellung zu untersuchen.
Er weist jedoch auch darauf hin, dass mit der Zeitpolitik lediglich festgelegt wird, „welche Uhrzeit den Sonnenauf- und -untergang darstellt, ohne die Gesamtmenge an Tageslicht zu beeinflussen“ und dass „keine Politik den dunklen Wintermonaten mehr Licht hinzufügen kann“.