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Kommentar

Wegen Teuerungen zurück zum Balkan?

(FOTO: iStockphoto/guruXOOX, Illustration)

Die Stromkosten erreichen astronomische Preise. Der Spritpreis pendelt zwischen Wahnsinn und Horror. Ein eigenes Auto wird zum Luxus. Die bevorstehenden Heizkosten, ein einziges Desaster. Die abnormen Mietpreise zwingen Familien an die Armutsgrenze.

Die Menschen sind verunsichert, inmitten einer Krise folgt eine weitere Krise, die mit der vorherigen kumuliert. „Bald fahre ich nach Hause in die Heimat, dort habe ich ein Haus, wo ich mir wenigstens die Mietkosten erspare. Mehr zum Leben habe ich hier bald auch nicht mehr, da bleibe ich gleich unten“. Unten ist das Synonym für die alte Heimat. Dies und viele weitere Kommentare dringen von den Menschen aus der EX-YU Community nun von allen Seiten durch. Manche überlegen auf Grund der Teuerungen nach Hause zurückzukehren. Viele für immer. Geht es wirklich zurück zum entvölkerten Balkanboden?

Undenkbares wird wahr

Die verstaubten Häuser, die ein bis maximal zwei Mal im Jahr in der alten Heimat genutzt werden, werden nun wieder zur Option. Nach einer langen Periode der Abweisung. Als die Blütezeit im Westen war, sprich vor der Pandemie und dem Ukraine-Krieg, wurde das Haus in welches man tausende von Euro für Bau, Erneuerungen und Erhaltung ausgegeben hat, bald nur mehr zur Urlaubsresidenz. In welchem man wenige glückliche Tage verbracht hat. Es hat sich im Westen einfach besser ausgezahlt zu leben, es wurde einem der ultimative Wohlstand versprochen und eingehalten. Man bekam einen ordentlichen Lohn, von dem man gut leben konnte. Mühe wurde geschätzt. Und man hatte Chancen. „Wenn ich hier bin, fühle ich mich sicher“, erzählt mir meine Freundin, die erst vor kurzem aus Zagreb nach Wien gezogen ist. „Ich muss mir in diesem sozialen Land keine Sorgen machen, dass ich von heute auf morgen ohne nichts da stehe. Ich habe studiert und bekomme in der alten Heimat entweder gar keine Arbeit oder nicht einmal die Hälfte für dieselbe Arbeit wie hier in Wien.“

Heute sieht das anders aus. Junge und ältere Menschen aus der EX-YU Community sind – wie der Rest der Bevölkerung – verunsichert und bangen um die Zukunft unseres Landes, unserer Welt. Die Vorteile des Kapitalismus verblassen – Auswärtsessen, Reisen und die fragwürdige Konsumgesellschaft werden nun zum Luxusgut. An ihre Stelle tritt eine Zeit, in der man jeden Cent umdrehen muss. Das blanke Überleben. Zu Hause kochen, Billigprodukte und Verzicht werden an der Tagesordnung stehen. So sehen zumindest die Prognosen aus. Viele packen bereits ihre Koffer oder planen dies zu tun und Österreich zu verlassen. Denn das Leben, welches bevorsteht, kann man ohnehin auf dem unsicheren EX-YU Territorium leben.

Regressiver Trend?

Diverse Statistiken und Berichte der letzten Jahre zeigten die Tragödie über die massive Auswanderung der jungen Menschen aus den ex-jugoslawischen Ländern. Auf Grund von ökonomischer Unsicherheit und Armut, trotz Ausbildung. Doch nun steht ein völlig neuer Trend bevor: die Flucht wird womöglich wieder in die andere Richtung gehen, ins alte Zuhause. Etwas unvorstellbares, vor allem für Menschen, die in Österreich geboren und aufgewachsen sind, droht nun Realität zu werden. Weil bald die Unterschiede verwischen. Und für viele der finanzielle Aspekt der größte Anreiz war, in den Westen zu ziehen. Um ein besseres Leben zu führen, wenn auch nicht immer glücklicher. Werden nun die Länder des EX-YU Territoriums nach der massiven Auswanderung in Folge des Krieges der neunziger Jahre und den ständigen Wirtschaftskrisen wieder bevölkert? Werden nun die leeren zwei- und dreistöckigen Luxushäuser der Diaspora wieder bewohnt? Wird man bald die teuren Autos mit den guten alten Fićos tauschen? Wird man bald Deutsch in allen möglichen Dialekten und Varianten in kroatischen, bosnischen oder serbischen Dörfern, Provinzen und Großstädten hören? Und was bedeutet dies für die Zukunft Österreichs? Gespannt sehen wir in die Zukunft. Große Veränderungen warten auf uns, außergewöhnliche Schritte und für viele ein neues Leben, mit positiven und negativen Folgen. Für viele wird die Rückkehr Balsam für eine offene, klaffende Wunde sein, die nie wirklich zugewachsen ist. Eine Heimat, die zurückgelassen wurde. Ein Leben, in dem die Nachkriegsgeneration geschuftet hat um sich ein Stückchen Land samt Residenz in der Heimat zu leisten. Und die Einsicht, dass man womöglich nie wieder zurückkehrt. Bis jetzt.

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