„Weitblick“ eines serbischen Künstlers als 10. Wiener Ringturmverhüllung

INTERVIEW

„Weitblick“ eines serbischen Künstlers als 10. Wiener Ringturmverhüllung

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Ringturmverhüllung Milunovic
(FOTO: Wiener Städtische Versicherungsverein/Robert Newald/Ludwig Schedl)

Auch heuer wird der Wiener Ringturm über den Sommer in ein Kunstwerk verwandelt. Die zehnte Verhüllung stammt vom serbischen Künstler Mihael Milunović. KOSMO traf ihn zum Interview.

KOSMO: Die Kunstinstallation am Ringturm hat eine langjährige Tradition. Wie kam es dazu, dass Ihr Werk als diesjährige Ringturmverhüllung ausgewählt wurde?
Mihael Milunović: Einige meiner Arbeiten wurden bereits vor ein paar Jahren für die Kunstsammlung der Wiener Städtischen Versicherung in Serbien ausgewählt. Mein Werk gewann dieses Jahr in Konkurrenz mit 16 anderen Künstlern. Das macht mich sowohl stolz als auch zufrieden! Für mich ist es auch besonders bedeutsam, dass sich mein Werk im Projekt „Ringturmverhüllung“ neben anderen Künstlern, wie Christian Attersee und Arnulf Rainer, befindet.

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Serbien und Österreich verbinden Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte. Wie hat sich das auf das Schaffen der Ringturmverhüllung ausgewirkt?
Dieses Werk wurde nicht speziell für den Ringturm erstellt. Es ist ein Bild, welches sich bereits seit einigen Jahren in der Kunstsammlung der Wiener Städtischen befindet und es hat sich als Motiv für den Ringturm einfach perfekt angeboten. In diesem Sinne besteht keine direkte Reflexion im historischen Kontext der Beziehung dieser zwei Länder. Österreich war meinem Schaffen immer zugetan, beginnend von der ersten Akquisition für das Museum Ludwig. Besonders wichtig ist für mich auch, dass eine so prestigeträchtige Sammlung, wie die der Wiener Städtischen, mein Werk für die diesjährige Ringturmverhüllung auswählte. Die Kunstsammlung der Wiener Städtischen in Serbien ist eine besonders wichtige Unterstützung für junge und aufstrebende Künstler, da sie die künstlerischen Qualitäten bekräftigt, bestehende Einstellungen verändert und die Kunstszene aus Serbien im Ausland reflektiert..

Sie haben mit „Weitblick“ einen sehr klingen Namen für Ihr Kunstwerk gewählt. Wie kamen Sie auf diesen Namen und welche Botschaft steckt dahinter?
Jeder ernsthafte Künstler ist ein Visionär, welcher die Dinge rund um sich, sowie jene die noch kommen werden, vorausahnt und vorhersieht. „Weitblick“ (serb. „Vizija“) erzählt ebenso von der Errungenschaft eines Einzelnen, seinem Bestreben und Wunsch nach Vervollkommnung, seinem Beitrag zur Gesellschaft sowie von der positiven Energie, welche den Bereich des Austauschs aller guten Menschen auf der Welt darstellen soll.

Ihre Kunst zeichnet vor allem Motive aus der Geo- und Kartographie aus. Wieso inspirieren Sie diese Bereich so sehr?
Ein großer Teil meines Opus, vor allem zwischen 1998 und 2016, wurde durch Arbeiten aus diesem Bereich gekennzeichnet und durch meine zwei monumentalen Werke „Tvrđava F“ und „Tvrđava I“ gekrönt. Beide stellen imaginäre und überproportionale Befestigungen, welche als Projekt die Staaten und Bereiche, welche ihr zu Grunde liegen, schützen sollen – da das Bild im Rahmen der aktuellen geographischen Karte entstanden ist. Ich spiele gerne mit bestehenden und gefestigten Stereotypen, Heucheleien – besonders wenn es um Grenzen geht, die tief in den mentalen Bereichen verwurzelt sind – und mit paranoiden protektionistischen Ideologien. Geographische Karten sind, wie sie anfangs genannt wurden, „Theater der Welt“, eine Bühne, auf welcher sich unsere Realität abspielt. Von Natur aus sind sie auch Bilder, da es sich um Vorführungen handelt. Bereits seit einigen Jahren male und zeichne ich ausschließlich. Nebenbei beschäftige ich mich auch mit der Bildhauerei. Dies sind definitiv die Bereiche, in welchen ich die größten Herausforderungen finde.

(v.l.n.r.:) Künstler Mihael Milunović, Ivica Dačić (amtierender Premierminister und Außenminister der Republik Serbien), Günter Geyer (Vorstandsvorsitzender Wiener Städtische Versicherungsverein), Sebastian Kurz (Bundesminister für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich) (FOTO: Wiener Städtische Versicherungsverein/Richard Tanzer)

In der Kunst gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen bzw. möglichen Interpretationsmöglichkeiten. Wie können wir Ihr Bild vom roten Zug, welcher einen großen blauen Berg hinauffährt und auf dessen Gipfel sich eine Antenne, umgeben von einem weißen Band befindet, verstehen?
Mit all meinen Werken gebe ich eine Richtung vor, jedoch niemals die komplette Lösung, da ich als Künstler sonst das Publikum meiner Werke zu sehr verhätscheln würde. Ich bin der Meinung, dass es in der Kunst niemals eine eindeutige Lösung bzw. Deutung gibt. Wenn man der Meinung ist, dass der Zug ein ideologisches Fahrzeug ist, so hat man bereits die Absicht, das Werk auf eine bestimmte Weise zu interpretieren. Auf der anderen Seite strebt der Zug nach oben, auf einen blauen Berg, dem Unzugänglichen und Hohem, sowie nach einem vereinsamten Motiv, das bereits von anderen großen Künstlern, wie Cézanne, Caspar Friedrich u.v.m. verwendet wurden… ein Zusammenprall mit der mächtigen Natur…und auf dem Gipfel befindet sich vielleicht eine Art Tesla-Sendeanlage. Was Sie als Band erkennen, sind in Wirklichkeit Wellen. Was mich betrifft, muss man jetzt nur noch die Dinge verbinden. Auf jeden Fall sind die Botschaften, die sich in den Wellen befinden, erhaben und edel und das ist das Wichtigste.

Ihr Großvater und ihre Eltern sind sehr bekannte Namen der Kunstszene, sowohl in Serbien als auch international. Ist es ein Fluch oder ein Segen, aus einer angesehenen Künstlerfamilie zu stammen?
Ich bin sehr stolz auf meinen Background, vor allem auf meinen Großvater Milo, welcher einer der Gründer der ersten Kunstakademie in unserer Region, 1937 in Belgrad, im damaligen SHS-Staat, war. Dies geschah auf Einladung des Prinzen Pavle Karađorđević, der ein großer Kunstliebhaber, Sammler und der erste Direktor war. Meine Eltern sind bedeutende Bildhauer, wobei meine Mutter am meisten für meine künstlerische Berufung verantwortlich ist, da sie mich immer unterstützt und angefeuert hat. Gerade weil ich aus dieser Familie stamme, musste ich immer mehr als andere arbeiten und mich mehr beweisen.

Wann haben Sie zum ersten Mal festgestellt, dass die Kunst ihr Weg ist?
Ich habe immer gezeichnet und gemalt. Seitdem ich denken kann. Jedoch habe ich als Kind noch nicht verstanden, was Kunst bedeutet. Dass ich ein Teil der Kunst bin, habe ich in jenem Moment festgestellt, als meine Werke begonnen haben, die Realität, in welcher ich mich befand, zu ändern und Menschen zu bewegen.

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Was verbindet sie persönlich mit Wien und welche Dinge fallen Ihnen zuerst ein, wenn sie an die österreichische Hauptstadt denken?
Wien kenne ich sehr gut, hier hat meine internationale Karriere im Jahr 1999 begonnen. Damals wurden meine Werke in die Dauerausstellung des Museums MUMOK Ludwig aufgenommen. Weiter ging es mit der Kunstsammlung der SIEMENS AG, Esterhazy Stiftung in Eisenstadt, zahlreichen privaten Sammlungen, Ausstellungen in der Secession, Graz, Salzburg, den künstlerischen Residenzen im MQ21, Kulturkontakt und vielem mehr. Ich habe hier viele Freunde und Menschen mit denen ich zusammenarbeite. Daher sind Menschen das Erste, woran ich denke, wenn ich Wien höre, gefolgt von der Atmosphäre der Stadt, der Kultur, Kunst, Architektur, Geschichte und Gastronomie.

Sie sind der erste serbische Künstler, dessen Werk für die Ringturmverhüllung ausgewählt wurde. Wie bedeutsam ist das für Sie als Künstler und für ihr Herkunftsland.
Interessant ist, dass dies genau beim 10. Jubiläum dieses Kunstprojektes und noch dazu mit meinem Werk „Weitblick“ passierte. Ich glaube, dass dieses Ereignis vielleicht eine Ankündigung für zukünftige epochale Veränderungen in der Sichtbarkeit der gegenwärtigen serbischen Kunst in der europäischen und internationalen Szene ist.

Weitere Fotos von der Eröffnungsfeier findet ihr auf der offiziellen Homepage der Wiener Städtischen.