Ein 21-jähriger Hamburger muss sich wegen Mordes und fünffachen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft Shahriar J., der unter dem Pseudonym „White Tiger“ agierte, vor, Kinder im Internet systematisch gequält und einen 13-jährigen Amerikaner in den Suizid getrieben zu haben. Seine Verteidigerin Christiane Yuksel bestreitet die juristische Haltbarkeit dieser schwerwiegenden Anklage.
Die Ermittlungen förderten verstörende Details zutage. Auf der Festplatte des Beschuldigten entdeckten Fahnder eine Darstellung, die seine Gedankenwelt offenbart: Das Bild einer Raubkatze mit einem verängstigten Rehkitz und dem Text „verlorenes, süßes Kind“ sowie der bedrohlichen Frage „Begreifst du, wie schlimm es um dich steht?“
Der Vorwurf wiegt schwer: Der junge Mann soll nicht nur den Tod eines Teenagers verursacht, sondern dessen Todeskampf per Livestream verfolgt haben. Zusätzlich werden ihm fünf weitere Fälle zur Last gelegt, in denen er versucht haben soll, Minderjährige zum Suizid zu drängen.
Die Sonderkommission „Mantacore“ hat insgesamt 204 Straftaten dokumentiert, die der Deutschiraner teilweise noch als Jugendlicher begangen haben soll. Die Ermittler gehen davon aus, dass er zwischen 2021 und 2023 mehr als 30 Kinder und Jugendliche im Internet missbraucht hat. Dabei fungierte er als zentraler Akteur des internationalen Netzwerks „764″, einer Gruppe von Personen, die gezielt junge Menschen quälen.
Perfides Vorgehen
Die Vorgehensweise der Täter folgt einem perfiden Muster: Auf beliebten Spieleplattformen wie „Roblox“ und „Minecraft“ suchen sie nach emotional instabilen Minderjährigen. Mit vorgetäuschtem Mitgefühl erschleichen sie sich deren Vertrauen und fordern später kompromittierendes Material, das zur Erpressung dient – ein Vorgehen, das als „Sextortion“ (sexuelle Erpressung) bekannt ist.
Der Angeklagte soll von seinen Opfern verlangt haben, sich seinen Spitznamen in die Haut zu ritzen. In der Gruppe „764″ genießt besondere Anerkennung, wer Opfer zu solchen Handlungen bringen kann. In einem dokumentierten Fall zwang er offenbar eine Jugendliche, sich mit einer Klinge am Unterleib zu verletzen – und zeichnete dies auf, um weiteren Druck auszuüben.
Ermittlungsverlauf
Die Lebensgeschichte des Beschuldigten beginnt 2004 in Kermanshah im Iran. 2013 kam er nach Deutschland, wo er Schwierigkeiten hatte, soziale Kontakte zu knüpfen und unter Mobbing litt. Während der Pandemie geriet er in Kontakt mit dem Netzwerk „764″, das 2021 vom texanischen Teenager Bradley Cadenhead gegründet wurde.
Die Ermittlungen begannen 2021 mit einem Hinweis aus den USA. Ein Bericht des National Center for Missing and Exploited Children (US-Zentrum für vermisste Kinder) führte zu ersten Untersuchungen gegen J., die jedoch wegen „Geringfügigkeit“ nicht weiterverfolgt wurden. Erst nach weiteren Hinweisen des FBI im Februar 2023 kam es zur Anklage.
Im September 2023 durchsuchten LKA-Beamte das Zimmer des Verdächtigen und stellten 13 Terabyte Datenmaterial sicher. Seit seiner Festnahme im Juni 2025 befindet sich Shahriar J. in Untersuchungshaft.
Die Mordanklage betritt juristisches Neuland, da die Taten ausschließlich über digitale Medien begangen wurden. Die Staatsanwaltschaft muss nachweisen, dass der Angeklagte seine Opfer durch Zwang, Täuschung oder Drohung zum Suizid veranlasste und sich ihrer psychischen Verletzlichkeit bewusst war.