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ABWANDERUNG

Wie schnell stirbt Bosnien aus?

(FOTO: Balkan stories)

„Balkan Stories“ veröffentlichte einen Artikel über die hohe Abwanderung aus Bosnien-Herzegowina und die Folgen für das Land selbst – sowohl politisch, wirtschaftlich als auch gesellschaftlich.

Bosnien hat seit 2014 ein Sechstel seiner Bevölkerung verloren. Zu diesem Ergebnis kommt die bosnische Seite InfoRadar nach Recherchen beim Statistischen Zentralamt des Landes. Demnach gibt es heute um fast 600.000 Einwohner weniger als noch vor sieben Jahren und die Tendenz beschleunigt sich. Die Zahlen sind vermutlich zu hoch gegriffen. Und dennoch ist die Lage wahrscheinlich noch viel schlimmer.

Bosnien stirbt aus. Das geht klar aus den Zahlen hervor, die Demograf Aleksandar Čavić in einem Recherchegespräch für die kritische Seite InfoRadar aufbereitet. 2019 starben erstmals um 10.000 Menschen mehr als geboren wurden. 2020 stieg diese Zahl vor allem durch die Corona-Pandemie auf 16.500. 2021 dürfte kaum besser werden. Der Corona-Winter war katastrophal. Insgesamt erlagen seit Ausbruch der Pandemie fast 9.800 Menschen in Bosnien Covid-19. Dazu kommt die Emigration.

Im ersten Halbjahr hat Bosnien insgesamt 85.000 Einwohner verloren – alle Ursachen zusammengerechnet, sagt Aleksandar Čavić gegenüber InfoRadar. Gemäß seinen Daten dürfte die Bevölkerungsanzahl seit 2014 von etwa 3,5 Millionen auf 2,9 Millionen gesunken sein. Anzeichen, dass der Aderlass aufhört, gibt es keine. Die Jungen wandern aus. Die Alten sterben.

Das große Mysterium oder: Wie viele Menschen leben in Bosnien?
Dennoch: Die Entwicklung in den vergangenen sechseinhalb Jahren dürfte nicht ganz so dramatisch gewesen. Die aktuelle Lage könnte freilich um einiges schlimmer sein als Čavić anhand der offiziellen Zahlen errechnen kann. Seit geraumer Zeit weiß niemand wirklich, wie viele Menschen in Bosnien leben. Die letzte systematische Erhebung war die Volkszählung 2013. Laut der lebten damals 3,51 Millionen Menschen im Land.

Das waren um fast 900.000 weniger als bei der Volkszählung 1991, knapp vor Kriegsausbruch. Bei der Volkszählung gab es schwere methodische Mängel. Die sind vor allem politischen Interessen geschuldet. Serbische und kroatische Politiker hatten ein Interesse, das Ausmaß der Auswanderung seit dem Krieg drastischer darzustellen als es war.

Bosnjakische Vertreter hatten ein Interesse, die Bevölkerungszahl möglichst hoch aussehen zu lassen. Diese Interessen taten der Verlässlichkeit der Volkszählung nicht gut, die politischen Debatten verhinderten die Veröffentlichung der Zahlen mehrere Jahre lang. Anekdotische Erzählungen legen nahe, dass die Volkszählung 2013 die Bevölkerung in Bosnien deutlich überschätzte. So erhielten etwa auch bosnische Staatsbürger in der Dijaspora die Fragebögen zugeschickt.

Wie die Dijaspora seriöse Volkszählungen unmöglich macht
Es ist ein offenes Geheimnis, dass längst nicht alle bosnischen Auswanderer ihre Hauptwohnsitze in der alten Heimat offiziell aufgeben.

Am Hauptwohnsitz hängt etwa die Möglichkeit, später den Mietvertrag der Eltern zu übernehmen, das Wahlrecht vor Ort, und sonst einige Dinge, die Menschen verständlicherweise nicht so ohne weiteres aufgeben wollen. Bei eventuellen Erbschaftsstreiten hat man mit Hauptwohnsitz unten bessere Karten.

Eine nicht ganz irrelevante Überlegung, wenn man sich die Übersterblichkeit in Bosnien ansieht. Wie groß die Zahl der Melderegisterleichen ist, weiß niemand. „Ich gehe davon aus, dass kaum mehr als zwei Millionen Menschen im Land leben“, erzählte mir ein Wiener Bosnier vor zwei Jahren.

Er selbst hat seinen Hauptwohnsitz in Bosnien nie aufgegeben und in Wien seinen zweiten, eigentlichen. Die Chance, dass das auffliegt, geht gegen Null. Seine Schätzung erscheint reichlich pessimistisch. Sie stützt sich nur auf Anekdotik.

Dennoch darf man davon ausgehen, dass Bosnien 2014 keine 3,5 Millionen Einwohner mehr hatte.

Wie Corona die Auswanderung auf dem Papier beschleunigte
Insofern könnte die Entwicklung seit diesem Zeitpunkt etwas weniger dramatisch gewesen als das Statistische Zentralamt für Bosnien und Herzegovina annimmt. Dazu kommt, dass die Covid-Pandemie einiges beschleunigt hat.

So werden sehr viele Bosnier ihre Hauptwohnsitze in Bosnien endgültig aufgegeben haben. Corona brachte und bringt vermehrte Kontrollen. Schlampige Wohnverhältnisse sind nicht das, was man in so einer Situation braucht. Zudem haben die kroatischen und serbischen Impfprogramme diese Entwicklung verstärkt.

Viele Bosnier haben eine kroatische oder serbische Doppelstaatsbürgerschaft. Kroatische oder serbische Coronaimpfungen kriegten sie zu Beginn der Impfkampagnen nur, wenn sie im Nachbarland auch ihren Hauptwohnsitz hatten.

Eine attraktive Option für viele. Das bosnische Impfprogramm funktioniert bis heute nicht. Gleichzeitig werden wie in Serbien tausende, wenn nicht zehntausende, illegal ausgewanderte Bosnier gerade zu Beginn der Lockdowns in der EU in die Heimat zurückgekehrt sein.

Viele ihrer – schwarzen – Jobs fielen mit dem Lockdown weg, Anspruch auf Sozialleistungen hatten sie keine. Ihnen blieb kaum eine Wahl als die Rückkehr. Mir sind mehrere solcher Fälle bekannt.

Mit Verbesserungen rechnet niemand
Es erscheint realistisch, davon auszugehen, dass in Bosnien deutlich weniger Menschen leben als die 2,9 Millionen, die Aleksandar Čavić nach sicher wissenschaftlich einwandfreien Methoden mit den besten ihm zur Verfügung stehenden Zahlen berechnet hat.

Nur waren auch die besten Zahlen in der Regel keine belastbaren Zahlen. Gut abgesichert sind einzig und allein die Geburten und Todesfälle in Bosnien. Dass in Bosnien um gut 10.000 mehr Menschen sterben als geboren werden, sagt alles über die Zukunft des Landes aus.

Es ist deutlich schlimmer noch als in den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens, selbst als in Serbien und Kroatien, die ebenfalls mit Massenauswanderung zu kämpfen haben. Wenn nicht in den nächsten zehn, spätestens 20 Jahren entscheidende Veränderungen erfolgen, die viele Menschen zur Rückwanderung bewegen, wird die bosnische Gesellschaft aus rein demografischen Gründen kollabieren.

Mit diesen Veränderungen rechnet niemand. Die Frage, die sich im Land stellt, lautet nur mehr: Wie schnell stirbt Bosnien aus? Dieser Fatalismus hält die Negativspirale in Gang, die das Aussterben Bosniens zur selbsterfüllenden Prophezeiung machen könnte.

Keine Veränderung – mehr Auswanderung – kein Potential für Veränderung – mehr Auswanderung – noch weniger Potential für Veränderung. Die Zeit, diese Spirale aufzuhalten, wird immer knapper.

Quellen & Links: