Zollfreiheit mit Millioneneffekt: Das neue EU-Indien-Handelsabkommen verspricht Österreichs Industrie einen Wertschöpfungsschub von 650 Millionen Euro und 5.000 neue Arbeitsplätze.
Das kürzlich beschlossene Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien könnte der österreichischen Industrie erheblichen Auftrieb verleihen. Eine aktuelle Studie der UniCredit Bank Austria prognostiziert, dass die Beseitigung von Zollschranken und Handelsbarrieren die heimische Wertschöpfung aus dem Indien-Geschäft mittelfristig auf das Doppelte ansteigen lassen könnte. Die Wirtschaftsexperten erwarten einen jährlichen Zuwachs bei der Wertschöpfung von etwa 650 Millionen Euro sowie die Entstehung von rund 5.000 neuen Arbeitsplätzen im Industriesektor.
Die Entlastung durch den Wegfall von Zöllen beziffern die Analysten auf 160 Millionen Euro für die heimischen Unternehmen. Besonders technologieorientierte Sektoren wie Maschinenbau, Elektronik und die Automobilindustrie würden davon profitieren. „Der Wegfall dieser Belastungen wäre für viele heimische Industriebetriebe ein klarer Impuls, insbesondere in den technologieintensiven Branchen“, so Robert Schwarz, Ökonom der Bank Austria. Gerade diese Hightech-Bereiche spüren die bestehenden Handelshürden derzeit am stärksten.
Die regionalen Auswirkungen des Abkommens verteilen sich unterschiedlich stark auf die Bundesländer. Oberösterreich, das bereits jetzt mit Exporten im Wert von 445 Millionen Euro und einer Wertschöpfung von 220 Millionen Euro an der Spitze steht, könnte seinen Wertschöpfungsanteil auf 450 Millionen Euro ausbauen. Ähnlich vielversprechend sind die Aussichten für die Steiermark, wo die gegenwärtige Indien-Wertschöpfung von 120 Millionen Euro auf voraussichtlich 250 Millionen Euro anwachsen könnte. Auch Vorarlberg dürfte seinen Anteil deutlich steigern – von aktuell 70 Millionen auf künftig 150 Millionen Euro.
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Wachstumsmarkt Indien
Am 27. Jänner 2026 haben sich die EU und Indien auf den weitreichenden Handelsvertrag geeinigt. Für österreichische Exporteure stellt der indische Markt mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern ein Zukunftsfeld mit enormem Wachstumspotenzial dar. Die Wirtschaftsanalyse differenziert dabei genau zwischen dem reinen Exportvolumen und der tatsächlich im Land verbleibenden Wertschöpfung. Im Jahr 2024 lieferte Österreich Waren im Wert von 1,3 Milliarden Euro nach Indien. Nach OECD-Berechnungen verblieben davon etwa 650 Millionen Euro als tatsächliche industrielle Wertschöpfung in Österreich.
Angesichts der österreichischen Stärkefelder hält die Bank Austria eine Verdoppelung der Ausfuhren für ein durchaus realistisches Szenario. Dies würde bedeuten, dass zur bestehenden Wertschöpfung weitere 650 Millionen Euro hinzukämen.
Indien zählt 1,45 Milliarden Einwohner, während die EU 450 Millionen Menschen umfasst. Mit einem nominellen Bruttoinlandsprodukt von rund 3,9 Billionen US-Dollar (3,3 Billionen Euro) ist Indien die sechstgrößte Volkswirtschaft weltweit. Die EU erreicht mit ihren 27 Mitgliedstaaten laut Weltbank ein Volumen von etwa 19,5 Billionen Dollar.
Für Indien ist die EU nach China und vor den USA der zweitwichtigste Handelspartner. In umgekehrter Richtung nimmt Indien mit einem Anteil von 2,4 Prozent den neunten Platz unter den Handelspartnern der EU ein. Zum Vergleich: Die USA führen mit 17,3 Prozent die Liste der wichtigsten EU-Handelspartner an, gefolgt von China mit 14,6 Prozent und Großbritannien mit 10,1 Prozent.
Handelsbeziehungen stärken
Im Jahr 2024 importierte die EU indische Waren im Wert von 71,3 Milliarden Euro, während Exporte nach Indien 48,8 Milliarden Euro erreichten. Der bilaterale Handel hat sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt, wobei die Einfuhren in die EU um 140 Prozent zunahmen und die Ausfuhren nach Indien um 58 Prozent stiegen. Die EU liefert hauptsächlich Maschinen, Fahrzeuge sowie Pharmazeutika und andere Chemikalien nach Indien, während in der Gegenrichtung neben Maschinen und Chemikalien vor allem Treibstoffe, Erze und Textilien importiert werden.
Europäische Unternehmen haben 2024 rund 132 Milliarden Euro in Indien investiert, was die EU zum größten ausländischen Investor macht. Über 6.000 Firmen aus der EU sind auf dem indischen Markt aktiv.
Zu den bedeutendsten österreichischen Unternehmen mit Präsenz in Indien zählen AT&S, Andritz, Fronius, Wienerberger und RHI. AT&S fertigt seit 25 Jahren Leiterplatten in Nanjangud, Plansee aus Tirol betreibt ebenfalls ein Werk dort, und RHI Magnesita übernahm 2023 das Feuerfestgeschäft des indischen Zementkonzerns Dalmia Bharat. Eine besonders enge Verbindung nach Indien pflegt der Motorradhersteller KTM: In Indien werden nicht nur Zweiräder der Marke produziert, seit der Insolvenz gehört KTM auch dem indischen Partner Bajaj.
Bislang behindern hohe Einfuhrzölle den Warenverkehr erheblich. Die durchschnittliche Zollbelastung für österreichische Produkte beträgt über 12 Prozent, was die heimische Wirtschaft im Jahr 2024 rund 160 Millionen Euro kostete.
Der erwartete Exportboom dürfte unmittelbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Gegenwärtig sind bereits etwa 5.000 heimische Industriearbeitsplätze von der Nachfrage aus Indien abhängig. Bei einer Verdoppelung der Exporte rechnet Ökonom Schwarz mit einem entsprechenden Zuwachs an Arbeitsplätzen.
Den größten Anteil der neuen Stellen würde Oberösterreich mit einem Plus von 1.800 Arbeitsplätzen verzeichnen, gefolgt von der Steiermark mit 1.000 neuen Jobs. In Vorarlberg, Niederösterreich und Tirol könnten jeweils rund 500 neue Stellen entstehen.