Späte Anstoßzeiten, aufgeregte Kinder, schlaflose Nächte – ein Experte erklärt, wann eine Ausnahme mehr nützt als schadet.
Wenn große Fußballturniere die Wohnzimmer in Beschlag nehmen, geraten die gewohnten Abläufe in vielen Haushalten ins Wanken – vor allem dann, wenn eine Zeitverschiebung die Anstoßzeiten noch weiter nach hinten verschiebt. Späte Spiele, mitreißende Atmosphäre und das kollektive Mitfiebern machen es für Kinder schwer, einfach ins Bett zu gehen. Für Eltern hingegen drängt sich unweigerlich die Frage auf: Geht Schlaf vor – oder darf der Nachwuchs ausnahmsweise live dabei sein?
„Da gibt es kein richtig oder falsch“, sagt Erziehungsexperte Ulric Ritzer-Sachs im Interview. Der Sozialpädagoge, der für die Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung tätig ist, gibt trotzdem einige Hinweise für die Zeit der WM. Ritzer-Sachs betont, dass es von Kind zu Kind verschieden ist: Es gibt vermutlich 6-Jährige, die am nächsten Morgen trotzdem noch einigermaßen fit sind, obwohl sie bis Mitternacht Fußball gesehen haben – und auf der anderen Seite solche, für die langes Wachbleiben genau die falsche Entscheidung wäre, weil sie ohnehin häufig müde sind.
Individuelle Entscheidung
Ritzer-Sachs weist zudem auf eine Konstellation hin, die in der Diskussion oft übersehen wird: Nicht immer sind es die Kinder, die unbedingt zuschauen wollen – manchmal sind es die Eltern, die ihren Nachwuchs partout dabei haben möchten. „Wenn ein Kind daran aber gar kein großes Interesse hat, halte ich Schlaf tatsächlich für die sinnvollere Wahl.“ Eine feste Altersgrenze gibt es dafür nicht, doch ein kleines Kindergartenkind habe laut dem Experten eher wenig davon, bei einem solchen Spiel zuzuschauen – erst recht nicht, wenn Partien erst um 22 Uhr beginnen und beinahe bis Mitternacht dauern.
Wer glaubt, Kinder würden eine solche Ausnahme konsequent durchhalten, wird laut Ritzer-Sachs oft eines Besseren belehrt. „Das kennen viele Eltern schon von Silvester: Wenn sie sagen, du darfst heute so lange aufbleiben, wie du willst, schläft das Kind am Ende doch schon um 9 ein.“ Aus seiner Sicht ergibt es mehr Sinn, wenn Kinder ungefähr ab dem Grundschulalter länger wach bleiben dürfen – insbesondere dann, wenn sie selbst schon bei den Bambini oder in der F-Jugend spielen, Turniererfahrungen gesammelt haben und große Fußballer ihre Idole sind.
Auch das Argument, Kinder müssten am nächsten Tag fit für die Schule sein, lässt Ritzer-Sachs nur bedingt gelten. „Ich würde mir wünschen, dass Lehrkräfte das etwas entspannter sehen und am Tag nach einem Deutschlandspiel nicht unbedingt eine Arbeit ansetzen.“ Hilfreich sei außerdem, dass in einigen Bundesländern bereits die Sommerferien beginnen oder zumindest schon Notenschluss ist, wenn das Turnier in die entscheidende Phase geht.
Ausnahmen erlauben
Eltern, die grundsätzliche Bedenken hegen, ermutigt der Experte zu einem entspannteren Blick auf gelegentliche Ausnahmen. „Regelmäßiger und ausreichender Schlaf ist wichtig – gar keine Frage. Aber eine Ausnahme zerstört das nicht. Und auch fünf Ausnahmen zerstören das nicht.“ Er erinnert sich selbst daran, als Kind extra geweckt worden zu sein, um Mohammed Ali gegen George Foreman zu sehen – einen Kampf, den er damals inhaltlich kaum verstand, den er heute aber als prägendes Erlebnis empfindet.
Für Ritzer-Sachs geht es dabei um mehr als bloßen Unterhaltungswert – es geht um das Gefühl, Teil eines historischen Moments gewesen zu sein. „Wer so ein Ereignis live im Fernsehen gesehen hat, hat eben doch das Gefühl, dabei gewesen zu sein.“ Eltern, die sich aus guten Gründen dagegen entschieden haben, müssten den daraus resultierenden Ärger schlicht aushalten – so wie in vielen anderen Erziehungssituationen auch. Den Grund „Das machen wir immer so und wir machen nie eine Ausnahme“ hält er allerdings für schwach: Solche Eltern könnten es einfach einmal ausprobieren, sich den nächsten Tag gemeinsam mit dem Kind anschauen und anschließend besprechen, ob man das in Zukunft wieder so machen möchte.