Serbien will Kernkraft – doch bevor ein Reaktor gebaut wird, fehlt es an etwas Entscheidendem.
Mit der Unterzeichnung eines Kooperationsmemorandums zwischen dem Institut für Nukleare Wissenschaften „Vinča“ und der Fakultät für Technische Wissenschaften in Novi Sad hat Serbien einen konkreten Schritt in Richtung eigener Kernkraft-Expertise gesetzt. Das Abkommen ebnet den Weg für ein Masterstudium, das künftige Nuklearingenieure ausbilden soll – und könnte bereits im kommenden Studienjahr starten.
Das Institut „Vinča“ wurde 1948 gegründet und gilt als größtes naturwissenschaftliches Forschungsinstitut Serbiens, eingestuft als Institution von nationaler Bedeutung. Zum Institut gehören zwei Forschungsreaktoren sowie zahlreiche Labore, die unter anderem für die Ausbildung von Fachpersonal und für Forschungszwecke genutzt werden können – eine Infrastruktur, die für das geplante Masterprogramm von zentraler Bedeutung sein dürfte.
Slavko Dimovic, Direktor des Instituts „Vinča“, machte im Gespräch mit RTS deutlich, wo er die größte Hürde auf dem Weg zur Kernenergie in Serbien sieht: nicht in der Technologie, sondern im Mangel an qualifiziertem Fachpersonal. Die Ausbildung von Expertinnen und Experten sei deshalb der entscheidende erste Schritt – noch vor der Wahl eines konkreten Reaktortyps oder eines strategischen Partners. Sobald das Akkreditierungsverfahren abgeschlossen ist, könnte die erste Studierendenkohorte das neue Programm aufnehmen.
Fachkräfte gewinnen
Doch Dimovic betonte, dass die bloße Einrichtung eines Studiengangs nicht genüge. Junge Menschen müssten aktiv für dieses Feld gewonnen werden – mit klaren Perspektiven und einem Verständnis dafür, welche Rolle sie bei der Energiewende Serbiens spielen könnten. „Es reicht nicht, einfach einen neuen Studiengang zu eröffnen. Die künftigen Studierenden müssen wissen, was sie erwartet, welche Karrierewege ihnen offenstehen und warum dieser Bereich für die Entwicklung Serbiens von Bedeutung ist“, so Dimovic.
Das geplante Masterprogramm soll theoretisches Wissen mit praktischer Ausbildung verbinden und damit die Grundlage für den Betrieb eines künftigen serbischen Kernkraftwerks legen. „Das ist ein Schritt, der vielleicht schon früher hätte gesetzt werden sollen – aber es ist nie zu spät“, sagte der Institutsdirektor. Nach dem Unterricht in Serbien sollen die Studierenden ihre praktische Ausbildung im Ausland absolvieren, in Kooperation mit renommierten europäischen Universitäten, Forschungsinstituten und Kernkraftwerken. Das Programm richtet sich an Absolventinnen und Absolventen verschiedener technischer Studienrichtungen – von Elektrotechnik über Maschinenbau bis hin zum Bauwesen.
Ungarn als Vorbild
Neben der Fachkräfteausbildung sieht Dimovic auch die Aufklärung der breiten Öffentlichkeit als dringende Aufgabe. Das Institut „Vinča“ plant dafür eine Reihe von Veranstaltungen: Tage der offenen Tür, Diskussionsforen und Workshops sollen Bürgerinnen und Bürgern sachliche Informationen über Kernenergie und die Sicherheitsstandards moderner Anlagen vermitteln. Dimovic plädiert dafür, mit dieser Aufklärungsarbeit bereits in Mittel- und Grundschulen zu beginnen, damit junge Menschen frühzeitig ein realistisches Bild dieses Fachbereichs entwickeln können.
Die energiepolitische Botschaft des Institutsdirektors ist unmissverständlich: Wer in Serbien eine verlässliche Stromversorgung und eine spürbare Reduktion von Schadstoffemissionen anstrebt, kommt an der Kernenergie nicht vorbei. „Wenn wir ausreichend elektrische Energie und sauberere Luft wollen, ist Kernenergie unerlässlich“, betonte Dimovic. Als Orientierungspunkt nennt er Ungarn – ein Land, das Serbien in Größe und geografischer Lage ähnelt und auf jahrzehntelange Erfahrung im Betrieb von Kernkraftwerken zurückblickt. Vertreter von „Vinča“ besuchten zuletzt das Kernkraftwerk Paks in Ungarn, um sich mit dessen Führung auszutauschen und Erkenntnisse für das serbische Programm zu gewinnen.