Serbische Arbeiter zieht es seit Jahren nach Alaska – doch für viele brachte diese Saison weniger Arbeit, schwierige Unterkünfte und eine chaotische Heimreise.
Nach einem deutlichen Rückgang in den vergangenen Jahren sind diesen Sommer wieder größere Gruppen serbischer Saisonarbeiter nach Alaska gereist. Auslöser für das gestiegene Interesse war unter anderem eine Jobmesse im Mai, bei der zahlreiche Stellen in der Fischverarbeitung angeboten worden waren. Zwei Gruppen mit jeweils rund hundert Personen machten sich auf den Weg.
Unter ihnen war auch Bozidar Perovic, der seit rund zehn Jahren regelmäßig in der alaskischen Fischindustrie arbeitet. Gegenüber Forbes Srbija berichtet er, dass sich in diesem Jahr mehr Menschen um eine Stelle bemüht hätten als in den unmittelbar vorangegangenen Saisonen.
Doch an mehreren Standorten entsprach die Situation nicht den Erwartungen. Ein Teil der Beschäftigten kehrte vorzeitig nach Serbien zurück, weil deutlich weniger Arbeitsstunden anfielen als erhofft. Der Grund waren nach Angaben der Arbeiter schwache Fänge beziehungsweise geringe Fischmengen, die in einzelnen Betrieben zur Verarbeitung ankamen.
Besonders schwierig war die Lage offenbar in Valdez. Laut Perovic kehrte eine dort eingesetzte Gruppe bereits nach fünf Tagen zurück, weil kaum Arbeit vorhanden gewesen sei. „Das Problem sind der Fischmangel, schwächere Fänge und steigende Lebenshaltungskosten, während die Verdienste auf einem ähnlichen Niveau wie 2022 geblieben sind“, schildert er.
Offizielle Fangdaten zeigen tatsächlich, dass die Saison in einigen für die Arbeiter relevanten Regionen schwächer verläuft als im langjährigen Durchschnitt. Die Lage unterscheidet sich jedoch stark nach Standort, Fischart und Verarbeitungsbetrieb. Von einem Einbruch der gesamten alaskischen Fischereisaison kann daher nicht gesprochen werden.
Auf der Insel Kodiak, wo Perovic bereits in früheren Jahren tätig war, gibt es nach seinen Angaben weiterhin Arbeit. Dort verarbeiten einzelne Betriebe mehrere Fischarten und sind dadurch deutlich länger im Jahr aktiv als klassische Saisonstandorte. Dennoch seien die Arbeitsmöglichkeiten auch dort begrenzter als erwartet.
Perovic informiert über Instagram regelmäßig über die Situation vor Ort. Viele Interessierte wollen aus erster Hand erfahren, wie viele Arbeitsstunden tatsächlich angeboten werden und ob sich die Reise finanziell noch lohnt.
Probleme bei Visa und Ausreise
Zusätzlich zu den schwankenden Fischmengen kam es laut Perovic zu Schwierigkeiten bei der Visavergabe. Den beteiligten Vermittlern seien nur wenige Termine zur Verfügung gestanden. Perovic bringt die Engpässe mit dem erhöhten Andrang rund um die Fußball-Weltmeisterschaft in Verbindung. Eine offizielle Bestätigung der US-Behörden für diesen Zusammenhang liegt allerdings nicht vor.
Eine weitere Gruppe hätte ihren Visaprozess laut dem Bericht am 10. Juli absolvieren sollen. Die Betroffenen seien jedoch kurzfristig darüber informiert worden, dass sie nicht mehr anreisen sollten, da nicht ausreichend Arbeit vorhanden sei.
Gleichzeitig hat sich die Struktur der alaskischen Fischindustrie in den vergangenen Jahren verändert. Silver Bay Seafoods hat sein Netzwerk durch mehrere Übernahmen und Beteiligungen erweitert, darunter Anlagen von Trident Seafoods sowie Standorte von OBI Seafoods.
Dadurch stehen dem Unternehmen theoretisch mehr Einsatzorte zur Verfügung. Trotzdem können Arbeiter nicht immer kurzfristig von einem Standort mit wenig Fisch in eine besser ausgelastete Fabrik verlegt werden. Gründe dafür können fehlende Unterkünfte, Transportprobleme, unterschiedliche Verträge oder bereits vollständig besetzte Betriebe sein.
„Wir wissen nicht, ob beim Ankauf und bei der Verteilung des Fisches Fehler gemacht wurden oder ob die Saison an diesen Standorten einfach schlecht ist“, erklärt Perovic.
Einen stabileren Verlauf verzeichnet nach Aussagen der Beschäftigten der Standort Petersburg. Dort sollen Arbeiter teilweise weiterhin auf bis zu 16 Arbeitsstunden pro Tag kommen. Diese Angaben beziehen sich jedoch auf die Erfahrungen einzelner Beschäftigter und lassen sich nicht auf alle Betriebe übertragen.
Plötzlich keine Schichten mehr
Auch Milan, der im Juni nach Naknek reiste, berichtet von einer enttäuschenden Entwicklung. Er hatte bereits 2021 in Alaska gearbeitet und war diesmal zum dritten Mal für eine Saison in die USA gekommen.
Zu Beginn habe es noch sehr viel Arbeit gegeben. „Wir schafften es kaum, eine 15-minütige Pause zu machen“, erzählt er. Nach rund zwei Wochen sei die Auslastung jedoch plötzlich eingebrochen. Aus langen Schichten seien zunächst Arbeitszeiten von vier bis sechs Stunden geworden. Später seien manche Beschäftigte überhaupt nicht mehr in den Dienstplan aufgenommen worden.
Für Milan stellt sich daher die Frage, ob sich die Reise weiterhin lohnt. „Wegen der geringeren Zahl an Arbeitsstunden und Arbeitstagen ist es nicht mehr das Geld von früher“, sagt er.
Nach seiner Darstellung gab es zudem erhebliche Mängel bei der Unterbringung. In einem Teil der Unterkunft habe es keine funktionierende Heizung gegeben, die Sanitäranlagen hätten sich außerhalb des Gebäudes befunden. Diese Vorwürfe stammen aus dem persönlichen Erfahrungsbericht des Arbeiters und wurden vom betroffenen Unternehmen bislang nicht öffentlich bestätigt.
Laut Milan kehrten rund 50 Personen aus seiner Gruppe vorzeitig zurück, während ungefähr zehn Beschäftigte vor Ort blieben.
Auch die Organisation der Heimreise sei teilweise chaotisch verlaufen. Manche Arbeiter hätten ihre Flugtickets erst per E-Mail erhalten, als sie bereits auf dem Weg zum Flughafen gewesen seien. Das aufgegebene Gepäck sei in einzelnen Tickets nicht enthalten gewesen. Die zusätzlichen Kosten beim Umstieg in Frankfurt hätten die Betroffenen daher selbst bezahlen müssen.
„Sie können sich vorstellen, welche Ungewissheit und welcher Stress das ist“, sagt Milan.
Wie das H-2B-Programm funktioniert
Die Beschäftigung erfolgt in der Regel über das amerikanische H-2B-Programm für befristete, nichtlandwirtschaftliche Saisonarbeit. US-Unternehmen können damit ausländische Arbeitskräfte beschäftigen, wenn sie einen vorübergehenden zusätzlichen Personalbedarf haben und nicht genügend geeignete Bewerber in den Vereinigten Staaten finden.
Der Arbeitgeber muss zunächst eine arbeitsrechtliche Genehmigung beantragen und anschließend eine Petition bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde einreichen. Erst danach können die ausgewählten Beschäftigten ihr Visum beantragen.
Der Stundenlohn liegt bei den betreffenden Stellen häufig bei rund 18 US-Dollar, kann aber je nach Betrieb, Region und Vertrag abweichen. Überstunden werden nach den geltenden gesetzlichen und vertraglichen Bestimmungen zusätzlich bezahlt.
Unterkunft und Verpflegung werden von vielen Fischverarbeitungsbetrieben angeboten. Sie sind jedoch nicht automatisch bei jeder H-2B-Stelle kostenlos. Welche Leistungen übernommen werden, muss im jeweiligen Arbeitsangebot beziehungsweise Vertrag festgehalten sein.
Auch bei den Reisekosten gelten bestimmte Voraussetzungen. Arbeitgeber müssen unter anderem vorgeschriebene Visa- und Anwerbekosten übernehmen. Kosten für die An- und Rückreise sind je nach Verlauf und Dauer des Arbeitsverhältnisses zu erstatten. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass sämtliche Flug- und Gepäckkosten bereits im Voraus vollständig bezahlt werden.
Inflation schmälert den Verdienst
Perovic berichtet, dass seine persönlichen Bedingungen in Kodiak diesmal teilweise besser seien als in früheren Jahren. Er teile sich ein kleineres Zimmer mit weniger Mitbewohnern, außerdem sei die Kantine renoviert worden.
Trotzdem habe die Arbeit finanziell an Attraktivität verloren. Nach seiner Einschätzung seien die Einkommen weitgehend gleich geblieben, während viele Preise deutlich gestiegen seien. Auch die höheren Lebenshaltungskosten in Serbien würden den Vorteil des in Alaska verdienten Geldes schmälern.
Die Belgrader Vermittlungsagentur Work Abroad hatte bereits im vergangenen Jahr auf ein sinkendes Interesse hingewiesen. In dieser Saison seien vor allem Personen gereist, die bereits früher in Alaska gearbeitet hätten und mit dem Ablauf vertraut seien. Neue Ausschreibungen für zusätzliche Bewerber gebe es derzeit offenbar nicht.
Der frühere Hauptvorteil der Saisonarbeit – viele Überstunden, vergleichsweise hohe Einnahmen und häufig gestellte Unterkunft und Verpflegung – hat sich durch schwankende Arbeitszeiten und die Inflation deutlich relativiert.
In früheren Jahren berichteten Arbeiter je nach Zahl der Schichten und Überstunden von monatlichen Einnahmen zwischen 2.000 und 7.000 US-Dollar. Dabei handelte es sich jedoch nicht um garantierte Beträge. Ob die Angaben Brutto- oder Nettoeinkommen darstellen, wurde in den Berichten zudem nicht immer eindeutig ausgewiesen.
Für viele serbische Arbeiter bleibt Alaska damit weiterhin eine Möglichkeit, innerhalb weniger Monate mehr zu verdienen als zu Hause. Die Erfahrungen dieser Saison zeigen jedoch, wie stark das tatsächliche Einkommen von den Fängen, dem jeweiligen Betrieb und der Zahl der verfügbaren Arbeitsstunden abhängt.