Ein bosnischer Flüchtling hütet heute das wertvollste Saatgutarchiv der Welt – seine Geschichte ist so außergewöhnlich wie sein Auftrag.
Fuad Gasi ist 46 Jahre alt, Genetikprofessor aus Bosnien und Herzegowina – und seit diesem Sommer verantwortlich für eines der bedeutendsten Schutzprojekte der Menschheit. Als neuer Koordinator des Svalbard Global Seed Vault hütet er auf dem Svalbard-Archipel im hohen Norden Norwegens mehr als 1,4 Millionen Saatgutproben, die als genetische Sicherheitskopie für Genbanken auf der ganzen Welt dienen.
Gasins Weg dorthin
Sein Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Als Jugendlicher floh Gasi während des Krieges in den 1990er-Jahren nach Schweden – ein Schicksal, das er mit Hunderttausenden seiner Landsleute teilte. Doch er kehrte zurück, baute sich eine akademische Karriere auf und gründete 2008 die erste Pflanzengenbank Bosniens und Herzegowinas.
Darüber hinaus engagierte er sich im SEEDnet-Projekt, das den Aufbau von Genbanken in Südosteuropa vorantreibt. Zwischenzeitlich arbeitete er beim Pharmariesen Novo Nordisk, ehe ihn sein Vorgänger Åsmund Asdal auf die Stelle in Svalbard aufmerksam machte.
Globaler Auftritt
Erst kürzlich trat Gasi als Sprecher beim ftalks Food Summit in Valencia auf, einem internationalen Forum über die Zukunft der Ernährungssysteme. Dort machte er unmissverständlich klar, worum es bei seiner Arbeit geht: Die Vielfalt landwirtschaftlicher Kulturen sei kein abstraktes Gut, sondern eine handfeste Lebensversicherung. Gehe sie verloren, würden Ernährungssysteme weltweit fragiler und krisenanfälliger.
„Wir bewahren die Geschichte der Landwirtschaft“, sagte er – und fügte hinzu, dass jeder einzelne Samen das Ergebnis von Generationen menschlicher Arbeit und Anpassung sei.
Der Svalbard-Tresor, der insgesamt bis zu 4,5 Millionen Proben aufnehmen kann, versteht sich als letzte Absicherung gegen den Verlust pflanzengenetischer Vielfalt – sei es durch Klimawandel, Konflikte oder schlichte Vernachlässigung. „Wir wollen nicht alle Samen in einen Korb legen“, bringt Gasi das Prinzip auf den Punkt.
Für ihn ist die Faszination seiner Arbeit vor allem in ihrer Vielschichtigkeit begründet: Wissenschaft, Diplomatie, Geschichte und Zukunftsvorsorge greifen täglich ineinander. „Das Interessanteste an dieser Arbeit ist, wie vielfältig sie ist“, sagt er. Und: „Wir befinden uns in einer Phase der Zivilisation, in der wir unserem Lebensraum großen Schaden zufügen können.“