Im KOSMO-Interview spricht FPÖ-Wien-Chef Dominik Nepp über leistbares Wohnen, Integration, Sozialleistungen und seine Kritik am politischen System der Stadt. Er erklärt, welche Veränderungen die Wienerinnen und Wiener im Alltag zuerst spüren sollen und fordert einen Kurswechsel.
KOSMO: Sie sprechen derzeit häufig von einem „Kurswechsel“ für Wien. Welche Veränderungen würden die Wienerinnen und Wiener Ihrer Meinung nach im Alltag als Erstes bemerken?
Dominik Nepp: Wir brauchen diesen Kurswechsel, weil das System Ludwig sichtbar bröckelt. In den vergangenen Monaten ist eine Affäre nach der anderen bekannt geworden – vom Marktamt über die Volkshochschulen und die Ruck-Files bis zu den Aussagen über den Wiener Gemeindebau. Immer wieder geht es um politische Netzwerke, Freunderlwirtschaft, Postenbesetzungen, mangelnde Kontrolle und viel Steuergeld. Und wenn etwas schiefläuft, will am Ende niemand verantwortlich gewesen sein.
Genau davon müssen wir weg: weg von Postenschacher und Hinterzimmerpolitik, hin zu Transparenz, Leistung und Fairness. Es darf in Wien nicht darauf ankommen, wen man kennt oder welches Parteibuch man hat. Die Stadt muss wieder für die Menschen arbeiten und nicht für ein politisches System, das sich über Jahrzehnte eingerichtet hat.
Und diesen Kurswechsel sollen die Wiener auch im Alltag spüren: weniger Gebühren und Belastungen, die Öffi-Jahreskarte wieder um 365 Euro, günstigere Gemeindebaumieten, mehr Sicherheit und eine Stadt, die bei Schulen, Spitälern, Pflege und Infrastruktur funktioniert. Wien braucht wieder klare Prioritäten. Das Geld der Steuerzahler gehört zuerst für jene Aufgaben eingesetzt, für die eine Stadt verantwortlich ist – und nicht für politische Netzwerke, Versorgungsposten und Prestigeprojekte.
KOSMO: Sie haben Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien mehrfach als Beispiel für Integration in Österreich genannt. Was bedeutet gelungene Integration für Sie heute und welche Rolle spielt dabei die Politik?
Dominik Nepp: Ich kenne viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in den 1990er-Jahren nach Wien gekommen sind. Viele haben hier gearbeitet, Familien gegründet, Deutsch gelernt und sich ein Leben aufgebaut. Gelungene Integration bedeutet für mich: die deutsche Sprache beherrschen, arbeiten und selbst für den eigenen Lebensunterhalt sorgen, unsere Gesetze respektieren und die Grundwerte unserer Gesellschaft akzeptieren. Integration ist keine Einbahnstraße. Die Politik muss Möglichkeiten schaffen, sie muss aber ebenso klare Erwartungen formulieren. Entscheidend ist, dass für alle dieselben Regeln gelten und Integration nicht nur angeboten, sondern auch eingefordert wird.
KOSMO: Sie fordern seit Monaten niedrigere Mieten im Wiener Gemeindebau und kritisieren einen hohen Sanierungsbedarf. Was müsste sich bei Wiener Wohnen konkret ändern, damit Wohnen in der Stadt wieder leistbarer wird?
Dominik Nepp: Beim Gemeindebau geht es um zwei Dinge: Leistbarkeit und Qualität. Meine Position ist, dass bei ausfinanzierten Gemeindebauten die Mieten nach dem Vorbild gemeinnütziger Genossenschaften sinken müssen. Gleichzeitig muss die Sanierung wesentlich schneller vorangetrieben werden. Wiener Wohnen verwaltet rund 220.000 Wohnungen.
Ich habe darüber hinaus vorgeschlagen, Wiener Wohnen organisatorisch neu aufzustellen: Der Wohnungsbestand bleibt im Eigentum der Stadt, Wiener Wohnen wird zu einer Besitzgesellschaft, während Verwaltungsleistungen nach klaren Qualitäts- und Effizienzkriterien organisiert werden. Privatisierungen des Gemeindebaus lehne ich ab. Entscheidend ist am Ende, was beim Mieter ankommt: niedrigere Wohnkosten, raschere Gebrechensbehebung und eine deutlich höhere Sanierungsgeschwindigkeit und vor allem Vorrang bei Wohnungen für Österreicher und nicht für Asylanten.
„Unser Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen“, sagt Nepp.
KOSMO: Sie kritisieren das Wiener System der Mindestsicherung und möchten Sozialleistungen stärker an bestimmte Voraussetzungen knüpfen. Wie müsste ein System aussehen, das aus Ihrer Sicht gleichzeitig fair und sozial treffsicher ist?
Dominik Nepp: Fair ist ein Sozialsystem dann, wenn es jene auffängt, die tatsächlich Hilfe brauchen, aber gleichzeitig jene respektiert, die jeden Tag arbeiten gehen und dieses System finanzieren. Genau diese Balance ist in Wien verloren gegangen. Die Wiener Mindestsicherung ist über Jahre zu einem Magneten geworden, weil hier Leistungen gewährt wurden, die weit über das hinausgehen, was andere Bundesländer zahlen. Für mich braucht es deshalb einen grundlegenden Systemwechsel. Die volle Mindestsicherung muss österreichischen Staatsbürgern vorbehalten sein. Wer zu uns kommt, kann nicht vom ersten Tag an Anspruch auf dieselben umfassenden Sozialleistungen haben wie jemand, der hier jahrelang gearbeitet, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlt hat. Gleichzeitig müssen arbeitsfähige Bezieher verpflichtet werden, alles dafür zu tun, wieder in Beschäftigung zu kommen. Wer eine zumutbare Arbeit oder Integrationsmaßnahmen verweigert, muss mit klaren Konsequenzen bei den Leistungen rechnen.
Es geht nicht darum, Menschen im Stich zu lassen. Aber unser Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen. Er kann auf Dauer nur funktionieren, wenn Leistung, Eigenverantwortung und Solidarität zusammengehören. Und eines muss immer gelten: Wer morgens aufsteht und arbeiten geht, darf am Monatsende nicht der Dumme sein.

„Wer morgens aufsteht und arbeiten geht, darf am Monatsende nicht der Dumme sein“, sagt Nepp.
KOSMO: Sie sehen in der Wiener Bildungspolitik großen Reformbedarf und haben zuletzt auch die schulische Inklusion kritisiert. Wo würden Sie konkret ansetzen, damit Kinder und Lehrkräfte besser unterstützt werden?
Dominik Nepp: Für mich muss zuerst wieder die Frage gestellt werden, was das einzelne Kind tatsächlich braucht. Inklusion kann für viele Kinder gut funktionieren, aber sie darf nicht zum Dogma werden. Wenn ein Kind aufgrund einer schweren Beeinträchtigung in einer spezialisierten Klasse oder Schule besser gefördert werden kann, muss auch dieses Angebot vorhanden sein. Entscheidend sind die Bedürfnisse des Kindes und nicht eine ideologische Vorgabe.
Gleichzeitig brauchen die Wiener Schulen mehr Unterstützungspersonal. Lehrer sollen unterrichten können und nicht gleichzeitig Sozialarbeiter, Psychologen, Integrationsmanager und Verwaltungsmitarbeiter sein müssen. Ein indiskutabler Schwerpunkt ist für mich Deutsch. Wer dem Unterricht sprachlich nicht folgen kann, startet mit einem massiven Nachteil. Deshalb fordere ich weiterhin eine Sprachstandsfeststellung ab drei Jahren für alle Kinder.
KOSMO: Öffi-Tickets, Energie, Gebühren und Wohnen sind für viele Wienerinnen und Wiener spürbar teurer geworden. Wo hätte die Stadt aus Ihrer Sicht den größten Spielraum, um Haushalte tatsächlich zu entlasten?
Dominik Nepp: Dort, wo die Stadt selbst Preise festlegt oder über ihre Unternehmen unmittelbar Einfluss hat. Die Jahreskarte wurde 2026 von 365 auf 467 Euro erhöht, Parkgebühren wurden um 30 Prozent angehoben. Meine Forderung ist deshalb: Jahreskarte zurück auf 365 Euro, städtische Gebühren senken, bei Wien Energie günstige Tarife ermöglichen und die Mieten im Gemeindebau reduzieren. Das sind Bereiche, in denen die Stadt nicht auf den Bund oder die EU verweisen kann, sondern selbst Handlungsmöglichkeiten besitzt.
Natürlich kostet Entlastung Geld. Deshalb gehört für mich zur Debatte auch die Frage, wofür Wien sein Budget verwendet. Eine Stadt kann nicht gleichzeitig immer neue Ausgaben beschließen und dann erklären, ausgerechnet bei Gebühren, Öffis und Wohnen müsse die Bevölkerung die Budgetprobleme ausgleichen. Allerdings hätten wir sofort ein Einsparungspotential von über einer Milliarde Euro, würden wir die Mindestsicherung für Völkerwanderer streichen. Auch müssen endlich die Subvention an die obskursten Vereine und Projekte gestrichen werden. Hier gehen immer noch hunderte Millionen Euro jährlich flöten.
KOSMO: Wien hat 2026 einen Rekordsommer mit außergewöhnlich vielen Hitzetagen erlebt. Was müsste die Stadt aus Ihrer Sicht konkret verändern, damit Wien auch bei zunehmender Hitze lebenswert bleibt?
Dominik Nepp: Ich halte dabei pragmatische Maßnahmen für sinnvoll, statt immer neuer ideologischer Grün-Projekte. Besonders wichtig sind außerdem Pflegeeinrichtungen, Kindergärten und Schulen, die mit Klimageräten ausgestattet werden müssen. Gerade dort muss der Hitzeschutz verbessert werden. Klimaanpassung darf für mich aber nicht bedeuten, jede Maßnahme automatisch gegen Autofahrer auszuspielen. Eine Millionenstadt braucht Bäume und Grünflächen ebenso wie funktionierende Öffis, ausreichend Parkmöglichkeiten und einen flüssigen Wirtschafts- und Individualverkehr. Gute Stadtplanung muss diese Interessen miteinander verbinden und darf sie nicht gegeneinander ausspielen.