Tief unter Bosnien schlummern Strukturen, deren Alter die Geschichtsbücher ins Wanken bringen könnte – wenn die Datierungen stimmen.
Neue Untersuchungen aus dem bosnischen Visoko erregen Aufmerksamkeit: Datierungen aus dem unterirdischen Ravne-Komplex reichen Forschern zufolge weit in die Eiszeit zurück. Sollten sich diese Schlussfolgerungen bewahrheiten, wäre das nicht nur für Bosnien und Herzegowina von außerordentlicher Bedeutung.
Seit über zwei Jahrzehnten ist die Debatte um die sogenannten Bosnischen Pyramiden bei Visoko nicht verstummt. Während manche Wissenschaftler darin eines der rätselhaftesten archäologischen Phänomene Europas erblicken, sehen zahlreiche Archäologen und Geologen in den markanten Erhebungen schlicht natürliche Hügelformationen, die irrtümlich als Pyramiden gedeutet werden. Neue wissenschaftliche Publikationen aus den Jahren 2025 und 2026 haben die Diskussion nun erneut entfacht.
Eiszeit-Datierungen
Im Zentrum der aktuellen Aufmerksamkeit steht diesmal nicht die weithin sichtbare Bosnische Sonnenpyramide, sondern eine Struktur tief im Erdinneren: der Tunnelkomplex Ravne 3. Dort wurde eine Trockensteinmauer entdeckt, über der sich im Laufe der Zeit Stalagmiten gebildet haben. Genau diese mineralischen Ablagerungen könnten Aufschluss darüber geben, wie weit die Geschichte dieser Anlage zurückreicht.
Eine mittels Uran-Thorium-Methode analysierte Stalagmitenschicht unmittelbar über der Mauer wurde auf 19.000 ± 1.000 Jahre datiert. Die Argumentation der Forscher: Wenn sich der Stalagmit erst bilden konnte, nachdem die darunterliegende Mauer bereits vorhanden war, müsste die Struktur selbst mindestens ebenso alt oder älter sein.
Für noch größere Aufmerksamkeit sorgt eine weitere Untersuchung. Eine radiokarbondatierte Probe aus einer Spelothem-Schicht im Ravne-3-Komplex ergab einen Bestwert von 26.200 ± 250 Jahren vor heute. Dieser Wert war bereits in früheren Untersuchungen vorgeschlagen worden und wird nun in neueren Arbeiten erneut aufgegriffen.
Zum Vergleich: Die Cheops-Pyramide von Gizeh entstand vor rund 4.500 Jahren. Sollte sich belegen lassen, dass Menschen in Ravne bereits vor 19.000 oder sogar mehr als 20.000 Jahren komplexe unterirdische Strukturen errichtet haben, läge zwischen beiden Anlagen eine Zeitspanne von vielen Jahrtausenden. Vor etwa 19.000 Jahren befand sich Europa noch am Ende der letzten Eiszeit, und die Menschen lebten überwiegend als Jäger und Sammler. Monumentale Architektur oder aufwendige unterirdische Bauwerke sind für diese Epoche in der etablierten Geschichtswissenschaft bislang nicht vorgesehen.
Der 2025 veröffentlichte Beitrag über Ravne 3 deutet die Befunde daher als möglichen Hinweis auf paläolithische Ingenieurskunst und spricht von einer potenziell völlig neuen Kategorie prähistorischer unterirdischer Architektur. Im Jänner 2026 wurde bekannt, dass Ergebnisse aus dem langjährigen Forschungsprojekt inzwischen in sechs verschiedenen internationalen Fachzeitschriften erschienen sind. Die Publikationen umfassen das Journal of Interdisciplinary History and Human Societies (2025), Acta Scientific Environmental Science (2025), Applied Journal of Earth and Environmental Research (2025), Journal of Environment and Biological Science (2025), Advances in Anthropology (2026) und Archaeological Discovery (2026). Osmanagic selbst betont jedoch, dass damit keineswegs das letzte Wort gesprochen sei – weitere Untersuchungen müssten die Ergebnisse erst noch bestätigen.
Wissenschaftlicher Streit
So beeindruckend die genannten Zahlen wirken mögen: Ein Alter von 26.200 Jahren bedeutet nicht automatisch, dass die untersuchten Strukturen von Menschenhand geschaffen wurden. Mineralische Ablagerungen allein gelten nicht als Beweis für das Alter der Bosnischen Pyramiden. Entscheidend ist die stratigraphische Beziehung: ob eine Mauer tatsächlich älter ist als die darüber entstandenen Mineralschichten, und ob sie überhaupt auf menschliche Tätigkeit zurückgeht.
Für 2026 wurden weitere archäologische und geophysikalische Untersuchungen im Raum Visoko angesetzt. Ende Juli stand beispielsweise eine mehrtägige geophysikalische Untersuchung des Tumulus von Vratnica durch die Belgrader Firma Geodron auf dem Forschungsprogramm der Stiftung.
Parallel dazu läuft die wissenschaftliche Auswertung der gesamten Landschaft weiter. Eine im Juli 2026 veröffentlichte GIS- und LiDAR-Analyse untersucht unter anderem geometrische Beziehungen zwischen mehreren markanten Erhebungen und Fundorten rund um Visoko. Bemerkenswert ist dabei eine ausdrückliche Einschränkung der Studie selbst: Bezeichnungen wie Sonnenpyramide, Mondpyramide oder Drachenpyramide würden dort lediglich als geografische Namen verwendet und seien kein Beweis dafür, dass diese Formationen von Menschen geschaffen wurden.
Die These, dass die markanten Hügel bei Visoko tatsächlich künstlich errichtete Pyramiden seien, wird von der etablierten Archäologie und Geologie seit Jahren weitgehend abgelehnt. Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Visocica eine natürliche geologische Formation aus Sedimentgesteinen sei. Auch die European Association of Archaeologists hatte die Pyramidenhypothese bereits früh scharf kritisiert.
Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass jeder Fund im Ravne-Tunnelsystem ohne Belang ist. Die entscheidende wissenschaftliche Frage bleibt, welche Befunde tatsächlich auf menschliche Eingriffe zurückzuführen sind – und aus welcher Zeit sie stammen.
Genau hier könnten die neuen Datierungen ansetzen.