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Ärztemangel

Ärzte wandern aus Bosnien aus – Privatsektor zahlt bis zu 500 % mehr

Ärzte wandern aus Bosnien aus – Privatsektor zahlt bis zu 500 % mehr
(Symbolbild FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Bosniens Ärzte packen die Koffer – und das Gesundheitssystem kämpft um sein Überleben. Die Zahlen dahinter sind alarmierend.

Jedes Jahr kehren Dutzende Fach- und Allgemeinmediziner der Föderation Bosnien und Herzegowina den Rücken – und der anhaltende Aderlass droht das ohnehin fragile Gesundheitssystem an seine Grenzen zu bringen. Davor warnt die Gewerkschaft der Ärzte und Zahnärzte der FBiH mit wachsender Dringlichkeit. Wie das Portal Vecernji list BiH unter Berufung auf Daten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) berichtet, haben allein in den vergangenen fünf Jahren rund 1.200 Allgemein- und Fachärzte das Land verlassen. Die IOM-Untersuchung, die sich auf die Abwanderung von Gesundheitsfachkräften konzentrierte, kommt zu einem ernüchternden Befund: Die Emigration hat ein Rekordniveau erreicht und nimmt von Jahr zu Jahr weiter zu.

Verlässliche, offizielle Zahlen über die Zahl der bosnisch-herzegowinischen Staatsbürger im Ausland existieren nicht – die verfügbaren Angaben beruhen auf Schätzungen. Was jedoch als gesichert gilt: Gemeinsam mit Albanien weist Bosnien und Herzegowina laut Weltgesundheitsorganisation die niedrigste Ärztedichte im Verhältnis zur Bevölkerung in ganz Europa auf. In der Föderation BiH sind derzeit zwischen 5.000 und 7.000 Ärzte tätig – doch um auch nur annähernd das Versorgungsniveau eines modernen europäischen Staates zu erreichen, bräuchte es mindestens ebenso viele zusätzliche Mediziner. Der Mangel betrifft dabei nahezu alle Fachrichtungen: Mal sind es Kinderärzte, mal Neurologen oder Neurochirurgen, die am dringendsten fehlen – die Lage verändert sich von Woche zu Woche.

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Anhaltender Exodus

Das Problem ist nicht neu. Seit dem Ende des Krieges kämpft Bosnien und Herzegowina mit der Abwanderung von Ärzten und Pflegepersonal. Bessere Bezahlung im Ausland ist dabei nicht zwingend der einzige Beweggrund – auch Arbeitsbedingungen, Perspektivlosigkeit und strukturelle Mängel im heimischen System spielen eine Rolle. Besonders die Jahre 2015 bis 2017 gelten als Phase eines regelrechten Exodus. Für Mediziner mittleren Alters in ihren produktivsten Berufsjahren verlangsamte sich die Abwanderung 2018 und 2019 zwar etwas, doch bei jungen Ärzten – jenen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, auf eine Facharztausbildung warten oder diese gerade absolvieren – hält der Trend unvermindert an.

Die häufigsten Zielländer sind Kroatien, Deutschland und Slowenien, gefolgt von Österreich und Italien. In jüngerer Zeit zieht es auch eine wachsende Zahl von Medizinern nach Tschechien, Norwegen und Schweden. Deutschland bleibt dabei das mit Abstand beliebteste Ziel – vor allem für junge Krankenpflegekräfte, aber auch für Ärzte, Zahnärzte und Apotheker, wie aus der IOM-Publikation hervorgeht.

Allein im vergangenen Jahr haben laut Ärztekammer zwischen 30 und 40 Fachärzte sowie 25 Allgemeinmediziner die Föderation BiH verlassen. Dr. Rifat Rijad Zaid, der Vorsitzende der Kammer, betont jedoch, dass diese Zahlen unvollständig sind: Zwei Kantone – der Kanton Herzegowina-Neretva und der Westherzegowinische Kanton – sind nicht Mitglied der Föderalen Ärztekammer und liefern daher keine Daten. „Es handelt sich um rund 65 Ärzte – wobei auch diese Zahl nicht vollständig präzise ist, da die Föderale Kammer ihre Daten auf Basis der Abmeldungen von den kantonalen Kammern erhält. Es gibt aber Allgemeinmediziner, die sich gar nicht erst registrieren lassen und das Land unmittelbar nach dem Studienabschluss verlassen, um im Ausland zu arbeiten“, erklärte Zaid gegenüber dem Portal Faktor.

Warum die beiden Kammern bislang keinen Beitritt zur Dachorganisation vollzogen haben, ist Zaid nach eigenen Angaben nicht nachvollziehbar. Er gibt sich dennoch optimistisch: „Ich hoffe, dass die Leitungen dieser beiden Kammern in diesem Jahr erkennen werden, welchen Mehrwert eine gemeinsame Arbeit für das Gesundheitssystem der Föderation bringen kann. Ich habe bereits Gespräche mit den Kollegen geführt und bin zuversichtlich, dass wir das bald zum Abschluss bringen werden.“

Privater Sektor lockt

Neben der Abwanderung ins Ausland bereitet Zaid ein weiterer Trend zunehmend Sorgen: der Wechsel von Fach- und Allgemeinärzten aus dem öffentlichen in den privaten Sektor. Höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen machen private Einrichtungen für immer mehr Mediziner attraktiv. „Das ist ein ernstes Problem. Wenn die besten Ärzte aus öffentlichen Gesundheitseinrichtungen abwandern, verändert sich die Versorgungsrealität für die Versicherten grundlegend“, so Zaid. In manchen Teilen der Föderation liegen die Einkommen im öffentlichen Gesundheitswesen weit unter dem, was als angemessen gelten würde – während der private Sektor nicht zögert und sofort Konditionen bietet, die für bosnisch-herzegowinische Verhältnisse mehr als konkurrenzfähig sind.

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Die Gehaltsunterschiede zwischen öffentlichem und privatem Sektor beziffert Zaid auf 200 bis 500 Prozent.