Italiens Küsten gehören dem Staat – doch lange sah es anders aus. Jetzt rollen die Bagger, und ein Umbruch nimmt Fahrt auf.
Ausgerechnet in der Hochsaison bringt Italien eine Entwicklung in Gang, die das vertraute Bild seiner Küsten nachhaltig verändern könnte. An ersten Strandabschnitten verschwinden private Badeflächen – und das mitten im August, dem touristisch bedeutsamsten Monat des Landes.
Besonders augenfällig ist dieser Wandel in Ostia, dem Stadtstrand der Hauptstadt Rom. Dort rücken derzeit Abrissbagger an das bekannte Strandbad „Shilling“ heran, das wegen Bauvergehen und weiterer Vorwürfe gegen den Betreiber behördlich beschlagnahmt worden war. Die gesamte Anlage wird dem Erdboden gleichgemacht.
An ihrer Stelle soll auf Initiative von Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri eine Spiaggia Libera entstehen – ein für alle frei zugänglicher Strandabschnitt. Auch der Strandclub „Village“ entging einem ähnlichen Schicksal nicht: Nach Ermittlungen wegen Mafia-Verbindungen wurde die Konzession entzogen und der Betrieb einer Genossenschaft übertragen.
Europäischer Druck
Der Fall „Shilling“ steht dabei nicht für sich allein. Entlang der rund 7.500 Kilometer langen Küstenlinie Italiens geraten die sogenannten Stabilimenti Balneari zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. In Ligurien und Apulien diskutieren die zuständigen Behörden bereits konkrete Schritte, um den freien Meereszugang für die Bevölkerung zu stärken.
Kritikpunkt ist seit Langem, dass weite Küstenabschnitte durch hohe Zäune und teures Eintrittsregime de facto privatisiert wirken – obwohl die Rechtslage eine andere Sprache spricht: Die italienische Küste ist Staatseigentum, der Zugang zum Meer muss grundsätzlich unentgeltlich möglich sein.
Hinter dem wachsenden Druck steckt auch eine europäische Dimension. Die EU fordert seit Jahren, dass Strandkonzessionen in regelmäßigen Abständen neu ausgeschrieben werden müssen. Rechtliche Grundlage dafür ist eine Richtlinie aus dem Jahr 2006, deren Umsetzung Italien über lange Zeit nur unzulänglich betrieben hat.
Neue Küstenpolitik
Ab 2027 sollen die Vergabeverfahren schrittweise reformiert werden, zahlreiche Gemeinden bereiten sich bereits auf die neuen Rahmenbedingungen vor. Etwa 28.000 bestehende Strandkonzessionen sollen spätestens bis Juni 2027 in ein neues Ausschreibungsverfahren überführt werden. Das erklärte Ziel: mehr Wettbewerb bei der Konzessionsvergabe und gleichzeitig eine Ausweitung frei zugänglicher Strandflächen.
Von einem generellen Ende der privaten Strandbäder kann freilich keine Rede sein. Die beliebten Beach-Clubs werden auch künftig das Bild vieler italienischer Küstenorte prägen.
Unverkennbar ist jedoch die Richtung, in die sich die Küstenpolitik bewegt: Der Anteil öffentlich zugänglicher Strandflächen soll wachsen.