Ein Schuss im Restaurant, gelöschte Kameras, schweigende Beamte – und ein Mann, der längst wegen Mordes sitzt.
Die Belgrader Oberstaatsanwaltschaft hat mehrere Angehörige der Interventionseinheit 92 sowie den Kommandanten dieser Polizeieinheit festnehmen lassen. Der Vorwurf: Sie sollen gezielt verhindert haben, dass Sasa Vukovic, in der Szene als Boske bekannt, für eine Schießerei in einem Belgrader Restaurant strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen wird. Bei dem Vorfall im November 2025 war es in dem Lokal „Steak and Wine Bar“ im Belgrader Stadtteil Autokomanda zu einem bewaffneten Zwischenfall gekommen – Auslöser war ein Streit zwischen Vukovic und Milos Nilovic, genannt Runjo, einem den Behörden bekannten Mann mit Verbindungen zum Skaljari-Clan.
Laut Mitteilung der Staatsanwaltschaft wurden im Zuge der von der Sonderabteilung zur Korruptionsbekämpfung angeordneten Maßnahmen insgesamt vier Polizeibeamte der Einheit 92 sowie der Direktor des betroffenen Gastronomiebetriebs festgenommen. Beamte der internen Kontrollsektion des serbischen Innenministeriums vollzogen die Festnahmen.
Absprache im Büro
Dem Kommandanten D.N. und seinem Stellvertreter J.S. wird gemeinschaftliche Einflussnahme vorgeworfen. Die beiden Teamleiter N.S. und N.K. stehen unter dem Verdacht des Amtsmissbrauchs. Der Restaurantdirektor D.Z. soll eine Straftat nicht angezeigt und dem Täter im Nachhinein aktiv geholfen haben.
Den Ermittlungen zufolge wurden Kommandant und Stellvertreter am Abend des 5. November 2025 – zwischen 18 und 19 Uhr – von einem unbekannten „Vorgesetzten“ darüber in Kenntnis gesetzt, dass es in dem Lokal zu einer Schlägerei mit Schussabgabe gekommen war. Noch während sie gemeinsam in einem Büro saßen, sollen sie sich darauf verständigt haben, die ihnen unterstellten Teamleiter telefonisch zu kontaktieren und ihnen klare Anweisungen zu erteilen: kein Spurensicherungsteam anfordern, den Tatort nicht absichern, keine Beweise sichern, die Staatsanwaltschaft nicht informieren – und den Vorfall schlicht als gewöhnliche Kneipenschlägerei zu den Akten legen. Der Kommandant soll darüber hinaus den Leiter der Polizeistation Belgrad-Vozdovac persönlich angerufen und ihm mitgeteilt haben, dass keinerlei polizeiliche Maßnahmen erforderlich seien – von der Schießerei kein Wort.
Die Teamleiter N.S. und N.K. sollen diesen Anweisungen Folge geleistet haben. Als sie am Tatort eintrafen, verständigten sie weder die Spurensicherung noch die zuständige Staatsanwaltschaft. Augenzeugen wurden nicht befragt, der Tatort nicht gesichert, der Vorfall nicht registriert. Durch dieses Unterlassen wurde Sasa Vukovic nach Ansicht der Ermittler ein erheblicher Vorteil verschafft: Eine Strafanzeige wegen Herbeiführung allgemeiner Gefahr sowie wegen unerlaubten Waffenbesitzes unterblieb. Dem Geschädigten Nilovic wurde dadurch die Möglichkeit genommen, seine Rechte in einem Gerichtsverfahren wahrzunehmen.
Auch der Restaurantdirektor D.Z. soll aktiv zur Vertuschung beigetragen haben. Obwohl er beim Vorfall anwesend war, verschwieg er gegenüber den eintreffenden Polizeibeamten die Schießerei und behauptete, ein Loch in der Glasscheibe stamme aus früherer Zeit. Er wies sein Personal an, den Tatort zu reinigen, ließ das beschädigte Glas am Folgetag austauschen und löschte bis zum 8. November sämtliche Videoüberwachungsaufnahmen aus dem Objekt. Den Polizeibeamten übergab er schließlich den Receiver mit den bereits gelöschten Aufnahmen – inklusive Bestätigung über die vorübergehend beschlagnahmten Gegenstände.
Schwerwiegendere Vorwürfe
Sasa Vukovic selbst wird beschuldigt, am fraglichen Abend nach einem Streit mit Nilovic eine Glock 17 der fünften Generation aus dem Gürtel gezogen und in dem voll besetzten Lokal abgefeuert zu haben – ohne gültige Trageerlaubnis. Das Projektil durchschlug dabei die Glastür des Restaurants.
Vukovic befindet sich bereits seit dem 14. Mai 2026 in Untersuchungshaft – in einem anderen, weitaus schwereren Verfahren. Er steht im Verdacht, am 12. Mai Aleksandar Nesovic, genannt Baja, erschossen und dessen Leiche anschließend gemeinsam mit Helfern in einem Fass versteckt sowie in der Nähe des Jarkovac-Sees vergraben zu haben. Im Zuge dieses Mordfalls wurde auch der mittlerweile abgesetzte Belgrader Polizeichef Veselin Milic zusammen mit zehn weiteren Personen festgenommen. Zunächst bestand der Verdacht, dass der Mord in Milics Anwesenheit begangen wurde und dass er sowie drei Polizisten aus seiner Leibwache an der Spurenbeseitigung beteiligt waren. Die Strafanzeige gegen die drei Beamten wurde jedoch am 3. Juni mangels ausreichender Beweise zurückgezogen.
Die nun Festgenommenen wurden für bis zu 48 Stunden in Gewahrsam genommen und sollen in dieser Frist einvernommen werden. Vukovic wurde im Zuge der neuen Ermittlungen zusätzlich wegen Herbeiführung allgemeiner Gefahr sowie unerlaubten Waffenbesitzes angezeigt – er bleibt weiterhin in Haft.
Nach einer weiteren verdächtigen Person wird noch gefahndet.