Über 200 Scheinfirmen, gefälschte Identitäten und erschlichene Staatsbürgerschaft – ein Betrugsnetz mit System flog auf.
Den österreichischen Ermittlungsbehörden ist ein empfindlicher Schlag gegen ein weitverzweigtes Betrugsnetzwerk gelungen, das seit 2024 das heimische Sozial- und Steuersystem systematisch ausgenützt haben soll. Der entstandene Schaden wird auf rund 4,8 Millionen Euro beziffert. Mitglieder der Gruppe, die aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Marokko stammen sollen, bedienten sich dabei eines Geflechts aus mehr als 200 Scheinfirmen.
Der aufgedeckte Fall reiht sich in eine besorgniserregende Entwicklung ein: Scheinfirmen verursachten der öffentlichen Hand 2025 einen Schaden von rund 500 Millionen Euro. Das Amt für Betrugsbekämpfung schloss im selben Jahr 411 Fälle zu Scheinfirmen ab – mehr als doppelt so viele wie 2024, als 197 Fälle bearbeitet wurden. Die Dimension des aktuellen Netzwerks zeigt das zunehmende Ausmaß organisierter krimineller Strukturen in diesem Bereich.
Diese Unternehmen wurden von Strohmännern aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Bulgarien gegründet, um fingierte Beschäftigungsverhältnisse und Einkommen vorzutäuschen und auf diesem Weg Vorsteuer geltend zu machen. Auf die Machenschaften aufmerksam wurden die Behörden Mitte 2024 durch auffällige Geldflüsse.
Erschlichene Leistungen
Zehn Hintermänner aus Pakistan, Syrien, Afghanistan und Marokko sollen die auf diese Weise erschlichenen Steuergelder in bar abgehoben oder auf eigene Konten umgeleitet haben. Darüber hinaus soll die Gruppe auch Sozialleistungen widerrechtlich bezogen haben – etwa durch gefälschte Unterlagen oder Scheinehen, um den Familiennachzug zu ermöglichen.
In einem Fall soll eine junge Mutter ihren Wochengeldbezug auf diesem Weg erheblich aufgestockt haben, in einem anderen wurde eine Frau ohne bestehende Krankenversicherung für einen kostspieligen chirurgischen Eingriff angemeldet. Besonders gravierend: Ein syrischer Staatsangehöriger soll sich mithilfe gefälschter Lohnzettel die österreichische Staatsbürgerschaft erschlichen haben – ein Aberkennungsverfahren wurde daraufhin eingeleitet.
Großangelegte Razzia
Am 25. März führten Ermittler in Wien und Niederösterreich eine großangelegte Razzia durch. Dabei wurden vier Personen festgenommen – zwei pakistanische Staatsangehörige, ein Inder sowie ein Deutscher mit irakischem Migrationshintergrund. Sechs weitere Beschuldigte wurden einvernommen.
Im Zuge von 16 Hausdurchsuchungen stellten die Beamten Bargeld in Höhe von 186.000 Euro, rund 100 Mobiltelefone, IT-Geräte, Bankkarten sowie umfangreiches Aktenmaterial sicher. Insgesamt sind mehr als 200 Personen in den Fall verwickelt. Bundeskriminalamts-Direktor Andreas Holzer kommentierte die Ermittlungsergebnisse mit den Worten: „Die Strukturen waren hochprofessionell organisiert.“
Innenminister Gerhard Karner würdigte die Arbeit der Spezialisten des Bundeskriminalamtes und verwies auf deren international anerkannte Expertise bei der Aufdeckung des Netzwerks. Finanzminister Markus Marterbauer unterstrich die Bedeutung des Themas für sein Ressort: Steuerbetrug schade der gesamten Gesellschaft und insbesondere den ehrlichen Steuerzahlern, weshalb die Bekämpfung solcher Delikte im Finanzministerium hohe Priorität genieße. Nina Bussek von der Staatsanwaltschaft Wien hob hervor, dass die enge Zusammenarbeit zwischen Staatsanwaltschaft, Polizei und Steuerfahndung ausschlaggebend für die erfolgreiche Zerschlagung des Netzwerks gewesen sei.