Milliarden aus Brüssel oder Gas aus Amerika – Bosnien steht vor einer Weichenstellung mit weitreichenden Folgen.
Während in Bosnien und Herzegowina die Debatte über amerikanische Investitionsinteressen in die Gasinfrastruktur zunehmend an Fahrt gewinnt, bleibt die Botschaft aus Brüssel zwar zurückhaltend im Ton, aber unmissverständlich in der Sache: Die EU wird keine Projekte finanzieren, die das Land langfristig an fossile Brennstoffe binden. Diese Position leitet sich direkt aus der europäischen Energie- und Klimastrategie ab, die den Übergang zu sauberen Energieträgern und das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 in den Mittelpunkt stellt. Die EU-Delegation in Sarajevo betonte, dass dieser Transformationsprozess nicht nur einen zentralen Bestandteil des europäischen Integrationspfades darstelle, sondern für Bosnien und Herzegowina zugleich eine reale Chance zur Modernisierung des Energiesektors, zur Gewinnung von Investitionen und zur Stärkung der langfristigen Versorgungssicherheit biete.
Amerikanische Gasinteressen
Dem gegenüber steht das konkrete Interesse amerikanischer Unternehmen – darunter der Baukonzern Bechtel – am Bau der sogenannten südlichen Gasinterkonnektion. Dieses Projekt würde die Lieferung von verflüssigtem Erdgas vom LNG-Terminal auf der kroatischen Insel Krk nach Bosnien und Herzegowina ermöglichen. Die Baukosten werden auf rund 200 Millionen US-Dollar geschätzt. Im Inland wird es als Instrument zur Diversifizierung der Energieversorgung und zur Verringerung der Abhängigkeit von russischem Gas gehandelt.
Aus europäischer Sicht greift dieses Argument jedoch zu kurz: Es geht Brüssel nicht um kurzfristige Versorgungssicherheit, sondern um die langfristige Kompatibilität mit den Klimazielen. Projekte, die die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zementieren oder den vereinbarten Klimazielen zuwiderlaufen, sind von einer EU-Finanzierung grundsätzlich ausgeschlossen.
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Konkret bietet die EU Bosnien und Herzegowina im Rahmen des Wachstumsplans und der Reformagenda erhebliche finanzielle Mittel an – allerdings an klar definierte Bedingungen geknüpft. Der Schwerpunkt liegt auf erneuerbaren Energiequellen, Energieeffizienz und Digitalisierung. Für nachweisliche Fortschritte bei der Umsetzung vereinbarter Reformschritte könnte das Land bis zu 976,5 Millionen Euro erhalten.
Regulatorischer Druck
Neben finanziellen Anreizen führt die EU auch neue regulatorische Instrumente ein, die Länder außerhalb der Union unmittelbar betreffen werden. Eines davon ist der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM), mit dem kohlenstoffintensive Produktionen beim Export in den EU-Binnenmarkt mit zusätzlichen Abgaben belastet werden.
Für Bosnien und Herzegowina bedeutet das: Wer wettbewerbsfähig bleiben will, muss Emissionen senken und in sauberere Energie investieren. Die Energiewende hört damit auf, eine rein ökologische Frage zu sein – sie wird zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. Dass die EU derzeit noch Gas importiert, darunter auch amerikanisches LNG, ändert nichts an der strategischen Ausrichtung: Langfristig soll die Importabhängigkeit sinken und ein Energiesystem entstehen, das auf eigenen erneuerbaren Ressourcen fußt.
Bosnien und Herzegowina befindet sich damit in einem Spannungsfeld zwischen zwei Realitäten: dem unmittelbaren Bedarf nach einer stabilen und diversifizierten Energieversorgung einerseits und der Verpflichtung zur Anpassung an die europäische Klima- und Energiepolitik andererseits.
Gas gilt in Brüssel nach wie vor als Übergangsenergieträger – akzeptabler als Kohle, aber mit einer klar begrenzten Zukunftsperspektive.