Aus dem Flüchtlingslager in die Walmart-Regale: Haris Reis hat einen Weg genommen, den kaum jemand für möglich gehalten hätte.
Haris Reis kam unter denkbar schwierigen Umständen zur Welt: in einem Flüchtlingslager in Deutschland, wohin seine Familie aus Banja Luka hatte fliehen müssen, als der Krieg über die Region hereinbrach. Was folgte, war eine Kindheit zwischen Entwurzelung und Neuanfang – zunächst in Europa, dann in Amerika. Und doch, oder vielleicht gerade deshalb, wurde aus diesem Kind ein Unternehmer, dessen Name heute in den Regalen von Walmart steht.
Die frühen Jahre im Lager haben ihn, wie er selbst sagt, im Kern geprägt. „Das hat fast alles in mir geformt. Obwohl ich sehr jung war, hat mir das Aufwachsen mit den Geschichten meiner Familie enormen Respekt vor Chancen, Freiheit und Stabilität gegeben. Meine Eltern mussten ihr ganzes Leben von null aufbauen, und das als Kind mitzuerleben hat mir sehr früh eine starke Arbeitsmoral eingeimpft“, so Reis im Interview mit „Bljesak.info“.
Wer erlebt, wie die eigene Familie Krieg, Vertreibung und Ungewissheit übersteht, entwickle eine andere Sicht auf Rückschläge, sagt Reis. „Stell dir vor, du musst ans andere Ende der Welt ziehen, die Sprache nicht sprichst, nur einen Koffer dabei hast. Das hat mich hungrig gemacht, etwas Bedeutendes aufzubauen – ein Leben, auf das meine Familie stolz sein kann.“
Neustart in Omaha
Die neue Heimat hieß Omaha, Nebraska. Eine Stadt im Mittleren Westen der USA, weit entfernt von allem, was die Familie kannte. „Es war aufregend und schwierig zugleich. Ich war zu jung, um wirklich zu begreifen, was gerade passierte. Ich hatte meine Spielzeugautos und ein Lächeln im Gesicht.“
Die Eltern arbeiteten je vier Jobs gleichzeitig, um der Familie Stabilität zu geben. Englisch eignete sich Haris mithilfe eines Wörterbuchs an. „Ich erinnere mich an die Opfer, die sie täglich brachten. Omaha wurde zur Heimat, aber es gab immer das Gefühl, dass wir die Chance, die uns gegeben wurde, voll ausschöpfen mussten.“
Was ihm am meisten fehlte, war das Vertraute – Menschen, die er kannte, eine Umgebung, in der er sich zugehörig fühlte. „Plötzlich wechselte ich aus einer Welt voller Familie und Freunde zu Menschen, die ich nicht verstand. Mit dem Namen Haris, großen Ohren und einer gewaltigen Sprachbarriere war ich nicht gerade der beliebteste Schüler in der Klasse“, erzählt er mit einem Schmunzeln.
Was ihn dennoch aufrecht hielt, waren seine Eltern und sein Glaube. „Meine Eltern zu sehen, wie sie weitermachten, egal wie schwer es war, war meine größte Inspiration. Ihre Opfer haben mich angetrieben, härter zu arbeiten und Chancen niemals als selbstverständlich zu nehmen.“
Mit zwölf Jahren hatte er seinen ersten Job. Mit vierzehn sein erstes eigenes Unternehmen. Der Funke war ein Mentor, der ihm die Welt des digitalen Marketings zeigte. „Ab da gab es kein Zurück mehr. Ich lernte alles, was ich konnte, hörte Marketing-Podcasts statt Schulvorlesungen. Ich bestand Tests kaum mit 65 Prozent, hatte aber bereits meine ersten Online-Kunden – und das wurde zu meiner eigentlichen Motivation.“
Erste ernsthafte Berufserfahrung sammelte er beim Fleischversandhändler Omaha Steaks, wo er im Outbound-Vertrieb arbeitete und rasch auffiel. „Sehr schnell war ich die Nummer eins im Training und im Verkauf als neuer Mitarbeiter, woraufhin ich zum Manager eines Teams von 140 Leuten befördert wurde.“ Die Erfahrung lehrte ihn Führung, Kommunikation und Arbeit unter Druck. Den endgültigen Anstoß zur Selbständigkeit lieferte schließlich ein Vorgesetzter, der ihn rügte, weil er „nur pünktlich“ erschienen war. „Seit 16 Jahren bin ich technisch gesehen arbeitslos“, sagt Reis – und meint es als Kompliment an sich selbst.
Begegnung mit Vaynerchuk
Die Begegnung mit Gary Vaynerchuk, einem der bekanntesten Unternehmer und Marketing-Vordenker der USA, kam nicht durch Zufall, sondern durch eine Mischung aus Obsession und Dreistigkeit. Reis flog regelmäßig nach San Diego, um sich in unternehmerischen Kreisen zu bewegen – übernachtete dabei in einem 20-Dollar-Zimmer ohne Bad und lief mehrere Kilometer, um duschen zu können. Als Vaynerchuk auf einer Konferenz sprechen sollte, erschien Reis um drei Uhr morgens am Veranstaltungsort, gab sich als Techniker aus und sicherte sich so einen Platz in der ersten Reihe vor mehr als 6.000 Besuchern. Nach der Rede lief er auf die Bühne und fragte Vaynerchuk direkt, ob er für ihn arbeiten könne. Die Antwort war Ja.
„Die Arbeit mit Garys persönlicher Marke und seinem Team in New York hat meine Sichtweise von Grund auf verändert. Alles ging schnell, die Erwartungen waren hoch, Kreativität war entscheidend. Ich lernte, was Personal Branding, Tempo, Beständigkeit und Anpassungsfähigkeit im Geschäftsleben wirklich bedeuten.“ In diesem Umfeld begegnete er Persönlichkeiten wie Mike Tyson, Fat Joe oder Hulk Hogan. Was ihn am meisten beeindruckte, war die Disziplin hinter den Kulissen. „Die Öffentlichkeit sieht den Ruhm, aber nicht die Jahre der Arbeit, des Drucks und der Beständigkeit, die nötig waren, um auf dieses Level zu kommen.“
Auf die Frage, welches Geschäft ihn am meisten gefordert habe, antwortet Reis ohne zu zögern: keines davon – zumindest nicht in dem Sinne, den man erwarten würde. „Der schwierigste Teil ist nie nur das Geschäft. Am härtesten ist das persönliche Wachstum, das nötig ist, um es aufzubauen. Unternehmertum zwingt dich, dich mit Unsicherheit, Einsamkeit, Druck und ständiger Anpassung auseinanderzusetzen.“
Den Weg in die Regale von Walmart beschreibt Reis als zähen Prozess aus Ausdauer, Positionierung und – wie er es nennt – einem Schuss bosnischen Trotzes. „Große Handelsketten wollen Produkte, die echte Probleme lösen und eine starke Marke dahinter haben. Es gab viele Gespräche, viele Absagen und viele Anpassungen, bevor die Dinge funktionierten.“ Sein Produkt adressiert eines der verbreitetsten Probleme weltweit: Handschmerzen. Dass das Walmart-Team selbst von dem Problem betroffen war und das Produkt aus eigener Erfahrung schätzen lernte, half dabei erheblich.
Als wichtigste Faktoren für unternehmerischen Erfolg nennt Reis Anpassungsfähigkeit und Geschwindigkeit. „Die Geschäftswelt verändert sich ständig, besonders heute, wo sich Technologie und Verbraucherverhalten mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickeln. Die Unternehmen, die gewinnen, sind meist jene, die sich am schnellsten anpassen und dabei weiterhin echten Mehrwert liefern.“ Langfristig seien aber auch Beziehungen, Vertrauen und Integrität entscheidend. „Die richtigen Werte zu haben und auf ehrliche Weise Geld zu verdienen – das ist ebenfalls ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg.“
Was er seinem jüngeren Ich heute sagen würde? Dass der Weg hart wird. Dass Menschen ihn enttäuschen, betrügen und verletzen werden. Dass er Einsamkeit kennenlernen wird. „Aber er ist die einzige Person, die alles erreichen kann, was er sich wünscht – mit Gott an seiner Seite.“ Gleichzeitig mahnt er: Erfolg bedeute nichts, wenn man unterwegs Gesundheit, inneren Frieden oder die Menschen verliert, die einem wichtig sind.
Die Verbindung zu Bosnien und Herzegowina ist für Reis bis heute lebendig. „Die Kultur, die Mentalität, der Humor, die Widerstandsfähigkeit und die Geschichte sind Teil von mir. Ich bin stolz auf meine Wurzeln.“ Eines seiner erklärten Ziele ist es, ein Haus auf der Bascarsija zu kaufen und es in ein Unternehmerzentrum umzuwandeln – einen Ort, an dem junge Menschen aus Bosnien und Herzegowina Zugang zu Laptops, Mentoren und Bildung bekommen sollen.
Misserfolge hat Reis reichlich erlebt: ein schwerer Verkehrsunfall, der ihn beinahe gelähmt hätte, Herzprobleme und der Verlust eines Unternehmens im Wert von 64 Millionen Dollar. Die wichtigste Lektion daraus: die eigene Identität nicht vollständig an Erfolg und Arbeit zu knüpfen.