Der Bahnhof der Verlierer dieser Gesellschaft

WESTBAHNHOF

Der Bahnhof der Verlierer dieser Gesellschaft

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FOTO: Diva Shukoor

Dieser Wiener Bahnhof gilt in den Medien vor allem als sozialer Brennpunkt, an dem sich junge Arbeitslose, Bettler, Dealer und Drogensüchtige treffen. Aber ist der Westbahnhof wirklich so schlimm, wie behauptet wird?

Nach dem Abschluss seiner Renovierung und der Neueröffnung 2010, erstrahlt der städtische Westbahnhof im Westen Wiens in neuem Glanz. Und doch ist er nicht nur größer und imposanter geworden. Aufgrund von Drogen, Bettlern, Betrunkenen und Zusammenstößen zwischen verfeindeten Jugendgruppen ist er in den vergangenen Jahren immer häufiger zum Thema der schwarzen Chronik in den lokalen Medien geworden.

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Am Dienstag gegen 3:00 Uhr haben sich eine 59-jährige und 24-jähriger in einem Linienbus kennengelernt. Als sie den Bus verlassen haben, wurde der junge Mann handgreiflich.

 

Das allein ist für einen Bahnhof in einer größeren europäischen Metropole nicht ungewöhnlich. Man erinnere sich nur an den Berliner Bahnhof Zoo als zentralen Treffpunkt der Berliner Drogenszene, dessen Bilder Europa bereits gegen Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts schockierten. Oder man lese die Frankfurter Lokalpresse, die täglich über die Probleme im übel beleumundeten „Bahnhofsviertel“ schreibt, in dem Drogensucht, Glücksspiel und Straßenprostitution zu Hause sind.

„Die Situation am Westbahnhof hat sich beruhigt, sie wird eigentlich immer besser“, sagt H. Pepp, der in der Trafik arbeitet. (FOTO: Diva Shukoor)

Treffpunk für die am Rande der Gesellschaft
Darum wundert es nicht, dass der Wiener Westbahnhof wie so viele andere Bahnhöfe europäischer Metropolen als zentraler Verkehrsknotenpunkt viele Menschen vom Rande der Gesellschaft anzieht. Aber in den letzten beiden Jahren wird auf den Titelblättern der österreichischen Boulevardpresse der Akzent vor allem auf die dort anwesenden Flüchtlinge gelegt. „Wieder Schlägerei zwischen jungen Afghanen und Tschetschenen“ war nur einer der Aufmacher der österreichischen Tageszeitung Österreich, die häufiger über Massenschlägereien zwischen jungen Flüchtlingen berichtete und die dafür bekannt ist, die neuen Wiener Migranten am häufigsten im Kontext von Kriminalität und Gewalt zu erwähnen.

Zahlreiche Artikel über „Chaos am Westbahnhof“ oder „Flüchtlingsgruppen von 60 bis 80 Personen vor dem Fastfood-Geschäft“ haben ihre Spuren am Image des Westbahnhofs hinterlassen: Heute ist er in der Wahrnehmung der Wiener Bürger vielleicht sogar schlechter beleumdet als der Bahnhof Praterstern. „Ist das berechtigt oder nicht?“, wollten wir von einem jungen Zeitungsverkäufer wissen, der jeden Tag am Westbahnhof steht und das Geschehen um sich herum, ob er will oder nicht, aufmerksam beobachtet. „Die Menschen reduzieren den Westbahnhof oft auf einen Ort der Flüchtlingskriminalität. Aber meiner Meinung nach sind das größte Problem hier die Drogen. Unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol habe ich auch Flüchtlinge gesehen, aber auch einheimische Österreicher und Slowaken und andere Ausländergruppen, die hier Probleme machen. Natürlich gibt es hier vielleicht am meisten Flüchtlinge, aber zu sagen, dass nur sie das Problem sind, wäre zu einfach“, sagt der 22-jährige Zeitungsverkäufer Farazi.

„Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern die Drogen und der Alkohol“, sagt der Zeitungsverkäufer Farazi (22). (FOTO: Diva Shukoor)

Er erzählt uns, dass es am Tag vor unserem Besuch vor seinen Augen zu einer Schlägerei zwischen zwei Personen gekommen ist, die aber durch die Intervention der ÖBB-Sicherheitskräfte beendet wurde, bevor dann auch die Polizei gekommen ist, die die zahlenmäßige Präsenz der „Männer in Blau“ am Westbahnhof seit 2015 verdoppelt hat. Aber Farazi wirkt nicht, als ob er sich an seinem Arbeitsplatz fürchtete. „In der letzten Zeit kommt es zu vereinzelten, kleineren Zwischenfällen, aber es gibt nicht so viele Massenschlägereien oder Ähnliches“, sagt Farazi, den die Betrunkenen und Drogensüchtigen bei seiner Arbeit eigentlich mehr stören. Die stellen sich nämlich gerne genau neben seinen Zeitungsstand, was, wie er sagt, „für die Kunden nicht gerade attraktiv wirkt“.

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