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REPORTAGE

Die Geheimnisse der Wiener Bordelle

Christoph Lielacher ist der leitende Geschäftsführer des Funpalast, des größten Sex- und Saunaclubs in diesem Teil Europas. (FOTO: Erich Reismann)

Warum ist die Straßenprostitution so zurückgegangen?
Seit dem Jahr 2000 ist es in Wien zu einer starken Verringerung der Straßenprostitution gekommen. Während die Prostitution früher Verkehrsachsen wie die Linzer Straße, die Äußere Mariahilferstraße und das Stuwerviertel im zweiten Bezirk beherrschte, steht dort heute keine einzige Bordsteinschwalbe mehr. Auf der einen Seite können die meisten Frauen in der Prostitution heute in den Laufhäusern und den Sex- und Saunaclubs ihr eigener Chef sein, denn die Bordellchefs verdienen ihren Teil an der Gastronomie, und auf der anderen Seite hat sich dieser kleine Rest an Straßenprostitution in die Industriezonen verlagert, weit weg vom großen Treiben und den Augen der Touristen…

Die Nichtregierungsorganisation „Sophie“ ist ein Informationszentrum für Prostituierte in Wien, das den Prostituierten in Wien und Niederösterreich bereits seit 14 Jahren Unterstützung, Rat und Hilfe bietet. Im Gespräch mit KOSMO verrät uns die Leiterin der Organisation, Eva van Rahden, wie es zur Verminderung der Straßenprostitution gekommen ist, auf welche Probleme Prostituierte in Österreich am häufigsten stoßen und ob Österreich für diese Art von Arbeit ein sicheres Land ist.

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Prostitution ist wohl eines der größten Tabuthemen unserer Gesellschaft – vor allem, wenn Männer dieser nachgehen. Auf meiner Suche nach einem Interviewpartner aus dieser Szene traf ich zufällig in einem Schwulen-Café auf Dragan S.*, welcher mich an seiner Geschichte teilhaben ließ. (*Name von der Redaktion geändert)

 

 

Die Prostitution wurde in Österreich sowohl im Freien wie auch in geschlossenen Räumen legalisiert. Gegenwärtig gibt es etwa 300 registrierte Bordelle, aber aufgrund des Gesetzes von 2015 stehen viele bekannte Straßenplätze unseren Klientinnen nicht mehr zur Verfügung. Der Grund: die hohe Konzentration der „Anbahnungsplätze“, d.h. von Orten, an denen die Kunden das Geschäft mit den Prostituierten vereinbarten, was zu zahlreichen Beschwerden geführt hat. Außerdem musste eine große Zahl von Bordellen zusperren, denn das neue Gesetz schreibt auch einen neuen Registrierungs- und Lizenzierungsprozess vor. Da viele Bordelle es nicht geschafft haben, diese Bedingungen zu erfüllen, wurden sie geschlossen. Auf der offiziellen Internetseite der Organisation findet man eine Liste aller registrierten Bordelle.

FOTO: Igor Ripak

Was sich hinter dem neuen Gesetz verbirgt, ist in Wahrheit der Versuch, die Arbeitsplätze der Prostituierten auf politischer Ebene zu regulieren. „Mit diesem Gesetz wurde die Prostitution in die Industriezonen verlagert und darum sind die Frauen in registrierte Studios ausgewichen, die jetzt viel sicherer sind. Nach der Verbannung der Prostitution in abgelegene und finstere Teile der Stadt, sind die Prostituierten schutzloser geworden, aber auf der anderen Seite sind deswegen viele von ihnen in geschlossene Studios gewechselt, die durch das neue Gesetz anders und besser geregelt sind und wo die Prostitution auf ein höheres Niveau gehoben wurde“, erklärt die Leiterin der Organisation. Das Sicherheitsproblem der Prostituierten auf der Straße besteht jedoch weiter, denn mit der Anhebung des Prostitutionsstandards in den Bordellen hat die Straßenprostitution nicht aufgehört. Viele Plätze wie Auhof sind sehr unsicher und gegen solche Plätze kämpft auch die Organisation „Sophie“.

Eva van Rahden weist darauf hin, dass das größte Problem darin liegt, dass Anbahnungsstellen für Kunden und Prostituierte in der Stadt erlaubt sind, dass aber an diesen Orten keine sexuellen Aktivitäten zulässig sind. Das heißt, dass die Frauen ihre sexuellen Dienste entweder illegal an diesen Orten erbringen oder dass sie zu dem Kunden ins Auto steigen und sich an Orte fahren lassen, wo das erlaubt ist, denn die einen Orte sind von den anderen ziemlich weit entfernt. „Viele Frauen wollen nicht in Autos einsteigen, denn sie haben Angst. Früher lagen die Orte, an denen der Sex stattfinden durfte, in Gehdistanz zu den Kontaktstellen und vielen Frauen passte das gut, denn so fühlten sie sich sicherer.“

Eva van Rahden leitet die Organisation Sophie, ein Informationszentrum für Prostituierte. (FOTO: Igor Ripak)

Obwohl es unsicher klingt, kommen Gewaltverbrechen nicht sehr häufig vor. Meisten stellen jüngere Männer ein Problem dar, wenn sie die Frauen, die auf der Straße arbeiten, verspotten und beleidigen. Natürlich kommt es manchmal sowohl in den geschlossenen Arbeitsplätzen als auch auf der Straße zu körperlicher Gewalt, aber das passiert sehr selten. Und wenn es passiert, dann handelt es sich meistens um interne Streitereien und die Aufteilung der Arbeit. „Was häufiger passiert, ist Gewalt in Ehen und Beziehungen. Aber das passiert nicht nur Frauen, die in dieser Branche arbeiten. Die Ermittlungszahlen der letzten Zeit zeigen, dass das auch andere Frauen betrifft“, betont van Rahden. Auf die Frage, wie sich Prostituierte am besten schützen können, antwortet van Rahden: „Ich glaube, dass es sehr von der Persönlichkeit der jeweiligen Prostituierten abhängt.

Eine selbstbewusste Frau ist in einem offenen und in einem geschlossenen Raum gleichermaßen sicher. Eine Frau, die Unsicherheit ausstrahlt, ist in beiden Räumen gleichermaßen gefährdet.“ Das Thema des Selbstbewusstseins kommt bei den Beratungsgesprächen der Organisation häufig auf. Hier bemühen sich die Beraterinnen immer, bei den Prostituierten ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass sie die Situation bestimmen und kontrollieren müssen, nicht ihre Kunden. „Am wichtigsten ist es, dass die Frauen, die nach Österreich kommen und dieses Geschäft betreiben, wissen, dass die Prostitution in Österreich legal ist und dass sie Rechte haben. Nur eine Frau, der das bewusst ist, ist eine sichere Frau“, schließt die Leiterin Eva van Rahden.

Auf der nächsten Seite geht’s weiter mit einem Interview mit einer Prostituierten

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