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REPORTAGE

Ein Leben in den Fängen des Kokains

Kokain
FOTO: Mario Ilic

EXKLUSIV. Beherrscht das weiße Pulver das Wiener Nachtleben? KOSMO hat mit Dealern und Konsumenten von Kokain, Speed und anderen Psychostimulanzien gesprochen.

„Ganz Wien greift auch zu Kokain, überhaupt in der Ballsaison“, heißt es unter anderem im Lied „Ganz Wien“ des legendären Sängers Falco, in dem er die Expansion der Drogenszene in der österreichischen Hauptstadt Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts beschrieb. Falco könnte, wäre er noch am Leben, wahrscheinlich viele Insider-Geschichten über den Konsum von Kokain und anderen Drogen im damaligen Wiener Jet-Set erzählen. Aber auch ein Zitat seiner Worte 2006 im Prozess gegen Reinhard Fendrich, einen anderen gefeierten österreichischen Sänger, der vor Gericht zugegeben hat, dass er diese Substanz 15 Jahre lang regelmäßig konsumiert hat, hat seine Verliebtheit in das weiße Pulver sehr anschaulich illustriert.

„Ein Ferrari in der Nase“
Nach der Aussage Fendrichs vor Gericht wurden Falco und er auf den Wiener Straßen einmal Zeugen, wie ein schwarzer Ferrari von einem Abschleppwagen abtransportiert wurde. „Siehst du, das kann mir nicht passieren. Mein Ferrari ist in meiner Nase geparkt“, hat Falco Fendrich zugerufen, der sich seit seiner Entzugstherapie auf Mallorca 2006 ganz von seiner Kokainabhängigkeit kuriert hat. Gerade in der Künstlerszene ist Kokain, das die Wachheit, das Selbstbewusstsein und die Konzentration steigert, eine sehr beliebte Droge. Dennoch sind Falco und Fendrich sicher nicht die einzigen Wiener „Opfer“ der stärksten natürlichen Psychostimulanz, des weißen Pulvers, das eine starke psychische Abhängigkeit erzeugt und aus dem grünen Cocastrauch gewonnen wird, der in Südamerika und in einigen Teilen Afrikas, Indonesiens und auf Hawaii gedeiht.

ABHÄNGIGKEIT. „Ich verkaufe Drogen, um Geld für Drogen und Prostituierte zu haben.“

„In der Stadt steigt die Nachfrage nach Kokain ständig, aber auch nach allen anderen sogenannten „schnellen Drogen“ wie Ecstasy, Speed und Amphetaminen. Egal, ob es sich um Studentenfeiern, Technopartys, die Schauspielerszene oder den Wiener Jet-Set handelt: Kokain ist heute überall dabei“, sagt der 24-jährige „Rocky“, ein junger Wiener Drogendealer, der Herkunft nach bosnischer Serbe. Er hat uns exklusiv in seine Wohnung eingeladen unter der Bedingung, dass wir auf den Fotos sein Gesicht unkenntlich machen und seinen Namen in dem Artikel ändern. Daher haben wir ihm auf seinen Wunsch hin den Spitznamen „Rocky“ gegeben. Und beim Betreten des Wohnzimmers wird uns schon auf den ersten Blick klar, dass wir uns nicht nur in einer Junggesellen-, sondern auch in einer Dealerwohnung befinden: Kokainpakete, ein Gerät zur Vakuumverpackung von Marihuana, eine digitale Waage und ein Safe voller im Straßengeschäft verdienter Banknoten sind in dem Raum allgegenwärtig und liegen zum Drogenverkauf stets bereit.

Prostituierte, Partys und Kokain
Ein Gramm Kokain kostet in Wien heute zwischen 80 und 120 Euro, abhängig von der Qualität und Reinheit des Stoffs. „In einem Gramm für 80 Euro ist nicht so viel Kokain wie in einem für 120 Euro. Kokain ist die teuerste, die Königsdroge, aber die Klientel ist sehr unterschiedlich. Du hast zum Beispiel Studenten, die sich einmal im Monat am Wochenende ein Gramm leisten oder etwas für besondere Gelegenheiten wie einen Geburtstag, eine Feier oder so etwas kaufen, aber es gibt auch die anderen, die ständig kaufen, und das in größeren Mengen. Das sind natürlich die reichen, oft verwöhnten Söhnchen aus wohlhabendem Hause, die viel Geld zur Verfügung haben“, erklärt uns Rocky.

SPEED. „Das ist das Kokain der Armen“, sagt der Dealer Rocky.

„Natürlich gibt es auch die, von denen nicht einmal der Dealer etwas wissen darf. Meistens sind das Politiker, TV-Stars und Prominente. Darum ist im Deutschen auch das Wort „Drogenkurier“ entstanden. Diese Kuriere dealen nicht und sind keine Dealer, sondern sie kaufen von uns und geben den Stoff gegen eine Provision an den wahren Käufer weiter“, erklärt unser Gesprächspartner, der während des Interviews mehrere Linien schnupft. „Ehrlich gesagt habe ich so wie viele andere Dealer auch das Problem, dass ich die Substanz, die verkaufe, selber konsumiere“, bekennt Rocky, der den Großteil seines Verdienstes für Prostituierte, Partys und – Kokain ausgibt. Während Rocky es schafft, sich mit dem Drogenkonsum ein „High Life“ mit Prostituierten und Kokain zu finanzieren, nehmen diejenigen, die über eine weniger dicke Brieftasche verfügen, meistens „Speed“, eine andere Psychostimulanz aus der Gruppe der Amphetamine, die dem Konsumenten das Gefühl einer Belohnung und Befriedigung vermitteln und eine sehr ähnliche Molekülstruktur aufweisen wie auch Dopamin. „‘Speed‘ oder ‚Speck‘, wie er im Wiener Slang auch genannt wird, ist eigentlich das Kokain der Armen“, sagt Rocky, der gerne die Gesellschaft der Damen in seinem Lieblingsbordell im Wiener Zentrum genießt.

Speed zum Frühstück
Der Österreicher Thomas, Kellner in einem Innenstadtlokal, ist einer von denen, deren Brieftasche nicht dick genug ist, um sich Kokain zu leisten, und die daher das billigere Speed konsumieren. Bei ihm beginnt der Konsum schon am Morgen, wenn er die erste Linie nimmt, bevor er zur Arbeit geht. „Schon als Teenager bin ich mit Marihuana und Alkohol in Kontakt gekommen, und zwar als mein älterer Bruder begonnen hat, diese Dinge zu konsumieren. Zum ersten Mal habe ich mit 15 auch selbst diese Chemie ausprobiert, als mich ein Kellnerkollege nach einer durchgemachten Nacht gefragt hat: ‚Brauchst du auch etwas zum Aufwecken?‘ Damals habe ich eine drittel MDMA-Tablette genommen und mich danach, um Jay-Z zu zitieren, als echter Champion gefühlt“, erinnert sich der 27-Jährige Thomas, der heute neben Alkohol und Marihuana mehrmals pro Woche auch Speed-Linien nimmt, um, wie er sagt, „wach und fit für die Arbeit zu bleiben.“

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