Sieben tote Jugendliche in Wien, gezielte Ansprache von Mädchen und eine dramatische Zunahme der Drogenvergiftungen – die Drogenszene bedroht Minderjährige mit neuen Methoden.
In Österreich wächst die Bedrohung für Minderjährige durch die Drogenszene dramatisch an, mit teilweise tödlichen Konsequenzen. Allein in Wien sind im laufenden Jahr sieben Jugendliche unter 18 Jahren, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) betreut wurden, nach Drogenkonsum verstorben. Fachleute beobachten mit Sorge, dass Drogenhändler gezielt weibliche Jugendliche einsetzen, um weitere Mädchen in die Abhängigkeit zu locken.
Ein aktueller Fall erschüttert die Hauptstadt: Eine 16-Jährige wurde leblos in einem Hotelzimmer aufgefunden, wie ZIB2-Recherchen belegen. Experten weisen darauf hin, dass besonders Mädchen aus instabilen Familienverhältnissen, die häufig in Fremdbetreuung leben, ins Visier der Drogenszene geraten. Nach der ersten Kontaktaufnahme folgt oft sexueller Missbrauch durch die Täter.
Belinda Plattner, die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Salzburg, berichtet im ORF-Gespräch von einer alarmierenden Entwicklung: „Zu uns kommen derzeit deutlich mehr Jugendliche, die Drogen konsumieren. Zumindest in Salzburg war das in diesem Ausmaß noch nie der Fall.“ Besonders beunruhigend sei die gezielte Ansprache von Mädchen aus problematischen Verhältnissen, meist im Alter zwischen 14 und 16 Jahren.
„Die Mädchen erzählen, dass sie am Salzburger Hauptbahnhof von arabischstämmigen jungen Männern angesprochen werden, die ihnen Drogen anbieten und noch mehr Drogen in Wien versprechen. Und viele dieser Mädchen fahren dann auch mit“, erklärt Plattner.
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Systematische Ausbeutung
Mehrere Patientinnen Plattners berichten übereinstimmend von einer Wohnung in Wien-Brigittenau, wohin sie gebracht wurden. Dort erhielten sie zunächst kostenlos Substanzen wie Kokain oder Crystal Meth. „Die Mädchen werden dann aber oft überredet, mehrere Tage zu bleiben. Sie servieren den Männern Tee und leben mit ihnen zusammen. Zunächst vermitteln ihnen die Männer noch Anerkennung, oft kommt es dann aber zu sexuellem Missbrauch und zu sehr entwertendem Verhalten gegenüber den Mädchen“, schildert die Psychiaterin.
Plattner selbst erstattete bei der Wiener Polizei Anzeige. Die Landespolizeidirektion Wien bestätigte auf Anfrage laufende Ermittlungen, verweigerte jedoch aus ermittlungstaktischen Gründen weitere Details. Die Behörde fügte hinzu: „Ein konkreter Sachverhalt beziehungsweise eine Anzeige eines mutmaßlichen Opfers liegen bis dato nicht vor.“
Dies deckt sich mit Plattners Erfahrungen – ihre Patientinnen scheuen aus Angst vor einer Anzeige zurück. „Die Mädchen erzählen mir, dass ihnen in der Wohnung teilweise ihre Ausweise abgenommen wurden – dass sie gefragt wurden, wo sie wohnen. Die Sorge ist, dass die Personen auf freiem Fuß bleiben nach einer Anzeige.“
Die tragischen Konsequenzen zeigt der Fall der 16-jährigen Selma (Name geändert). Sie wurde in der Halloween-Nacht nach einer Überdosis in einem Hotel nahe der Wiener Stadthalle tot aufgefunden. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, wie die Landespolizeidirektion Wien mitteilt: „Insbesondere ist derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen, ob die Einnahme der tödlichen Suchtmitteldosis allein oder mit Hilfe einer weiteren Person erfolgt ist. Auch die Auswertung der vorliegenden Spuren ist noch im Gange.“
Die Verstorbene lebte in einer Wohngemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe Wien, kehrte am Abend ihres Todes jedoch nicht dorthin zurück, sondern mietete stattdessen ein Hotelzimmer in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus an.
Alarmierende Zahlen
Ingrid Pöschmann, Sprecherin der MA 11, bestätigt den Todesfall und weist auf die Grenzen der Betreuungsmöglichkeiten hin: „Jedes Kind, das stirbt, ist eines zu viel. Nichtsdestotrotz ist es so, dass wir Kinder und Jugendliche in unseren Wohngemeinschaften nicht einsperren. Wir setzen auf gelingende Beziehungsarbeit. Viele Kinder nehmen das an, andere wiederum nicht.“
Die betreuten Jugendlichen hätten oft traumatische Erfahrungen gemacht, bevor sie in die Obhut der MA 11 kamen. Der Beziehungsaufbau brauche Zeit – die in manchen Fällen nicht ausreiche.
Selma ist nur eine von sieben Minderjährigen in Wien, die 2025 unter Betreuung der Kinder- und Jugendhilfe standen und an den Folgen von Drogenkonsum starben. Die Gesamtzahl der minderjährigen Drogentoten in Wien und österreichweit ist derzeit nicht bekannt; diese Daten werden erst im kommenden Jahr im Epidemiologiebericht der Gesundheit Österreich veröffentlicht.
Aktuelle Statistiken der Wiener Berufsrettung verdeutlichen den besorgniserregenden Trend: 2025 wurden 372 Einsätze wegen Verdachts auf Drogenvergiftung bei Minderjährigen verzeichnet – ein deutlicher Anstieg gegenüber den 297 Fällen im Vorjahr. Auch die Sucht- und Drogenkoordination Wien registriert mehr Krankenhausaufenthalte von Minderjährigen nach Drogenkonsum: 2025 wurden in 164 Fällen Sozialarbeiter hinzugezogen, verglichen mit 120 Fällen im Jahr 2024 und nur 88 im Jahr 2023.
Mitarbeiter im Wiener Sozialbereich beobachten eine Verschärfung der Situation. Die MA 11 stellt seit August fest, dass besonders in der Umgebung von Krisenzentren minderjährige Mädchen von Gleichaltrigen angesprochen und mit Drogen versorgt werden. „Der Verdacht liegt nahe, dass es hier Hintermänner gibt und die minderjährigen Mädchen nicht selbst auf die Idee kommen, gezielt rund um die Krisenzentren Mädchen zu kontaktieren“, so Pöschmann.
Gegenwärtig betreue man in Wien etwa 30 Jugendliche mit riskantem Drogenkonsum – mit steigender Tendenz. Rauschgifte sind deutlich günstiger und leichter erhältlich als in früheren Jahren.
Ewald Lochner, Koordinator für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, betont, dass nicht eine bestimmte Substanz im Vordergrund steht. Die Jugendlichen konsumieren vielmehr, was gerade verfügbar ist – oft in großen Mengen und in gefährlichen Kombinationen mit anderen Drogen und Alkohol, was häufig tödliche Folgen hat.