Erstklässler als politische Versuchskaninchen: Mina (7) und Sofija (3)

REPORTAGE

Erstklässler als politische Versuchskaninchen: Mina (7) und Sofija (3)

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(FOTO: Amel Topčagić)

Die Grundlage des Bildungssystems ist die Sprache, und seit Jahren wird darüber diskutiert, dass die Schüler in Österreich in diesem Unterrichtsfach nicht gerade brillant sind. Seit diesem Schuljahr gilt ein neues Gesetz für Erstklässler.

Das österreichische Bildungssystem wird häufig als mangelhaft kritisiert, und die Säbel werden über den Köpfen der Schüler mit Migrationshintergrund gekreuzt, die angeblich aufgrund fehlender Deutschkenntnisse die Lernprozesse behindern. Wenn sich jemand erinnert: Damit wurden Ende des letzten Jahrzehnts auch die nicht gerade glänzenden Ergebnisse Österreichs bei den internationalen PISA-Studien gerechtfertigt. Um ehrlich zu sein, hat sich der Staat bemüht, für die Bürger ausländischer Herkunft zahlreiche Programme für eine erfolgreiche Integration zu konzipieren, von denen ein besonders wichtiges auch die Kinder betraf.

Die Kindergärten wurden kostenlos und es wurde ein verpflichtendes Vorschuljahr eingeführt, aber dennoch gab es Eltern, die diese Vergünstigungen nicht in Anspruch nahmen. Allerdings hat die neue Migrationswelle Kinder in die österreichischen Schulen gebracht, die nach Meinung der Zuständigen nicht genügend Zeit hatten, um die Sprache zu erlernen und dem Unterricht leicht folgen zu können. Darum gilt seit Beginn dieses Schuljahrs ein neues Gesetz, das die Erstklässler betrifft und zusätzliche Deutschstunden verordnet. Allerdings gab es auch bisher schon die Möglichkeit, diese in geringerem Umfang zu organisieren, wenn es in einer Schule mehr als acht Kinder gab, die Mängel in der Sprachbeherrschung aufwiesen. Für diese Fälle wurden zusätzliche Finanzmittel aus dem Budget zur Verfügung gestellt, die einige Direktoren missbrauchten, indem sie im Zeugnis von Kindern, die Deutsch sogar besser sprachen als ihre Muttersprache, den Vermerk „außerordentlich“ eintrugen.

Was sagt das Gesetz?


Für Kinder, die aufgrund eines Mangels an deutschen Sprachkenntnissen dem regulären Unterricht nicht folgen können, wird zusätzlicher Deutschunterricht angeboten. Nach dem ersten Halbjahr findet eine Testung statt, und wenn ein deutlicher Fortschritt erkennbar ist, können die Kinder im Weiteren den regulären Unterricht besuchen, wobei sie mit je sechs zusätzlichen Deutschstunden in der Woche unterstützt werden können. Die übrigen Kinder wiederholen den Test am Ende des Schuljahres. Der Zusatzunterricht in Deutsch kann maximal vier Semester bzw. zwei Schuljahre andauern. Das Bildungsministerium hat Lehrpläne für die Volks- und Mittelschule erstellt, deren Ziel es ist, dass die Schüler zur Beherrschung der mündlichen und schriftlichen Kommunikation in deutscher Sprache geführt werden.

Die neue österreichische Regierung hat zu Beginn ihres Mandats Änderungen im Bildungsgesetz bzw. eine Intensivierung des Deutschunterrichts angekündigt, und die angekündigten Veränderungen wurden von vielen Schuldirektoren und Lehrern als unfair gegenüber den Kindern und als übertriebener Eingriff in die Schulautonomie kritisiert, und es gab scharfe politische Kommentare, für die in diesem Text kein Platz sein soll. Es ging so weit, dass 300 Direktoren eine Petition gegen die Gesetzesänderung einreichten, aber vergebens. Die Erstklässler trugen am 3. September auf ihrem Rücken auch die Last, die erste Generation zu sein, an der das neue Gesetz erprobt wird.

Im Wunsch zu erfahren, was Eltern unserer Herkunft davon halten und wie ihre Erfahrungen in den ersten Schultagen waren, hat KOSMO drei Familien besucht. Ihre Geschichten sind sehr unterschiedlich, was darauf hinweist, dass das neu verabschiedete Gesetz in seiner elementaren Form nicht in allen Schulen umgesetzt wird.

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Jelena Stanisavljević: „Zu Hause sprechen wir Serbisch, aber Mina braucht für manche Begriffe eine zusätzliche Erklärung auf Deutsch.“ (FOTO: Amel Topčagić)

Jelena Stanisavljević: Mama von Mina und Sofija

Jelena, eine Angestellte in der Gastronomie, ist Mutter zweier Mädchen: Mina (7) ist gerade in die erste Klasse gekommen, und Sofija (3) geht in den Kindergarten.

„Meine Töchter sind schon im vergangenen Jahr in den Kindergarten gekommen und sprechen perfekt Deutsch, sogar besser als Serbisch. Leider hatte Mina, als sie ganz klein war, Hörprobleme, daher hat die Erzieherin auf Rat des Arztes beim Sprechenlernen eine besondere Methode bei ihr angewendet. Obwohl wir zu Hause aufgrund des gesundheitlichen Problems und der Arbeitsweise im Kindergarten Serbisch sprechen, hat sie leichter Deutsch gelernt. Zum Glück hat sich alles gut gefügt und Mina hört jetzt ganz normal. Daher konnte ich sie auch ohne Probleme in die Schule einschreiben“, erzählt uns Jelena.

STANDPUNKT:

Der Beginn ist für den Erwerb der Arbeitshaltung am wichtigsten.

Im Schulreifetest hat das Mädchen außerordentliche Resultate erzielt und die Mama meint, dass das gerade an der Sprachbeherrschung lag. „Wir sprechen zu Hause Serbisch, aber es kommt vor, dass Mina für gewisse Begriffe und Situationen Erklärungen auf Deutsch braucht. Natürlich kann sie nicht lesen und schreiben, aber ich glaube nicht, dass sie Probleme haben wird, das zu lernen. Auf der Elternversammlung im Juni hat uns die Lehrerin erklärt, dass sie in den ersten drei Monaten die Fortschritte der Kinder in der Alphabetisierung beobachten wird und dass diejenigen, denen das besonders schwer fällt, bis zum Ende des Schuljahrs nach dem Vorschullehrplan weiterarbeiten werden“, betont die zweifache Mutter.
Mina haben die Eltern in eine Privatschule im 10. Bezirk eingeschrieben, weil sie glauben, dass das für ihre Tochter das Beste ist.

„Zu diesem Schritt haben wir uns entschlossen, weil wir der Meinung sind, dass die ersten vier Schuljahre die wichtigsten sind, um eine Beziehung zum Lernen und zu den Pflichten aufzubauen. Wir glauben, dass die Lehrerin in einer Privatschule mehr Raum hat, sich jedem Kind einzeln zu widmen. Diese Schule bietet viele zusätzliche Zweige in Kunst, Wissenschaft und Sport an, was zu unserer Entscheidung zusätzlich beigetragen hat, ebenso wie auch die Beobachtung vieler unserer Freunde, dass man ein Kind nach einer Privatschule leichter ins Gymnasium einschreiben kann. Es ist unser Wunsch, ihr zu Beginn eine gute Grundlage zu bieten. Dann wird sie ihre Entscheidungen selber treffen, wenn es dafür Zeit ist“, unterstreicht Jelena und fügt hinzu, dass die Lehrerin zu Beginn des Schuljahres für jedes Kind einen individuellen Termin für ein besseres Kennenlernen vereinbart hat. Sollte eines der Kinder Schwierigkeiten beim Lernen haben, wird ihm auch in der Schule Hilfe angeboten.

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Die Erstklässler trugen neben der Schultasche auch die Last auf ihrem Rücken, die erste Generation zu sein, an der das neue Gesetz erprobt wird. (FOTO: Amel Topčagić)

Auf die Frage, ob den Eltern etwas über das Deutschlernen nach dem neuen Gesetz gesagt wurde, antwortet Frau Stanisavljević: „Die Direktorin hat uns bei der ersten Elternversammlung mitgeteilt, dass alle Kinder durch Experten getestet werden, die ihre Deutschkenntnisse bewerten sollen. Angeblich werden acht oder neun Kinder herausgenommen, die eine eigene Klasse bilden werden, in der der Unterricht wie in den anderen abläuft. Ein Vorteil wird die kleine Zahl von Schülern sein, mit denen intensiv Deutsch und Kommunikation geübt wird, damit sie die anderen Schüler nicht behindern. Auch wenn ich das nicht erwarte, würde ich mich nicht wehren, wenn meine Mina eines dieser Kinder wäre, denn gute Deutschkenntnisse sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Leben in diesem Land.“