Ab dem 10. April gilt an Europas Grenzen ein neues System – doch Experten warnen bereits vor stundenlangen Staus und drohendem Chaos.
Ab dem 10. April soll das europäische Ein-/Ausreisesystem – kurz EES – flächendeckend in Betrieb gehen. Doch während Brüssel die Uhr ticken lässt, häufen sich die Warnungen: Experten sprechen von drohendem „totalem Chaos und Zusammenbruch“ an den Grenzen – verursacht durch fehlende Infrastruktur und akuten Personalmangel. Das kroatische Innenministerium gibt sich derweil gelassen und versichert, die Grenzübergänge seien sowohl technisch als auch personell auf das neue System vorbereitet.
Spezielle Fahrspuren und mobile Registrierungsgeräte sollen dazu beitragen, die Wartezeiten in Grenzen zu halten. Luftfahrtanalyst Alen Scuric sieht das deutlich skeptischer. Schon jetzt komme es an den Grenzen zu stundenlangen Wartezeiten – und mit dem Inkrafttreten des neuen Systems drohe sich die Lage weiter zu verschärfen.
Warnendes Beispiel Lissabon
Als warnendes Beispiel verweist er auf den Flughafen Lissabon: Dieser hatte das EES im Dezember vorübergehend aussetzen müssen, nachdem „schwerwiegende Unregelmäßigkeiten“ Wartezeiten von bis zu sieben Stunden verursacht hatten. „Das zeigt deutlich, wie chaotisch die Situation ist“, so Scuric.
Die Europäische Kommission hat darauf reagiert und angekündigt, dass Mitgliedstaaten nach dem 10. April die Möglichkeit erhalten, den EES-Betrieb dort, wo es nötig ist, für weitere 90 Tage teilweise auszusetzen. Diese Flexibilitätsklausel soll schwerwiegende Störungen im Flugverkehr abfedern. Scuric bleibt dennoch skeptisch: Er rechnet mit massiven Problemen, langen Schlangen und mehrstündigen Wartezeiten an stark frequentierten Übergangspunkten.
Als zentrale Hürden bei der Umsetzung des EES nennt er die unzureichende Infrastruktur sowie den Mangel an Kontrollkabinen und Grenzbeamten. „Die Infrastruktur lässt sich nicht von heute auf morgen ausbauen, und neue Polizistinnen und Polizisten sind nicht so schnell verfügbar“, sagt Scuric. Die EU habe zwar die Ziele des Systems klar kommuniziert, aber keinen praktikablen Weg zu deren Umsetzung gefunden – was er als grundlegenden Widerspruch bewertet.
Zoran Bibanovic, Präsident des Verbandes der Reisebüros Bosnien-Herzegowinas, teilt diese Einschätzung. Auch er sieht in der EES-Einführung eine erhebliche Erschwernis für Grenzüberquerungen und befürchtet massive Staubildungen. Besonders kritisch bewertet er, dass die neuen Regelungen das bestehende System biometrischer Dokumente in seiner Wirksamkeit untergraben könnten.
Chronischer Personalmangel
Das kroatische Innenministerium hält dagegen: Alle internationalen Grenzübergänge seien vorbereitet, größere Staus als in den Vorjahren seien nicht zu erwarten. Das Ministerium verweist darauf, dass Kroatien als Transitland traditionell mit hohem Grenzverkehr umgehe. Dennoch räumt es ein, dass infrastrukturelle Gegebenheiten einer vollständigen Vermeidung von Kolonnen bei erhöhtem Verkehrsaufkommen Grenzen setzen.
Auch Luftverkehrsorganisationen schlagen Alarm: Sie warnen vor deutlich längeren Wartezeiten an Flughäfen im Sommer und fordern dringende Schritte zur Behebung des „chronischen Personalmangels an den Grenzen“ sowie zur Lösung „ungelöster technologischer Probleme“. Laut einem Bericht des Internationalen Flughafenrats Europa hat die Einführung des biometrischen Systems die Abfertigungszeit an Grenzübergängen um bis zu 70 Prozent verlängert.
Markus Lamert, Sprecher der Europäischen Kommission, verteidigte die Entscheidung zur verlängerten Flexibilitätsoption: Sie gebe den Mitgliedstaaten die nötigen Instrumente, um auf Probleme reagieren und ein Chaos im Sommerreiseverkehr verhindern zu können. Der Schritt folgte auf scharfe Kritik von ACI Europe (Internationaler Flughafenrat), wegen der „erheblichen Unannehmlichkeiten für Reisende“. Dessen Generaldirektor Olivier Jankovec warnte unmissverständlich: Die vollständige Ausweitung des Systems werde zu ernsthaften Engpässen führen – die Möglichkeit, das EES vorübergehend zu pausieren, sei daher von entscheidender Bedeutung.