Europa plant still eine Verteidigung ohne Amerika – und die Strukturen dafür nehmen konkrete Form an.
Trumps jüngste außenpolitische Signale haben eine Frage in den Vordergrund gerückt, die in europäischen Sicherheitskreisen lange als undenkbar galt: Was, wenn Washington die Rolle des Kontinentalbeschützers schlicht nicht mehr übernehmen will? Die angekündigte Reduzierung der US-Militärpräsenz in Europa, wiederholte Kritik an Verbündeten und öffentliche Zweifel an der Beistandspflicht nach Artikel 5 des NATO-Vertrags haben unter europäischen Hauptstädten echte Beunruhigung ausgelöst. Besonders der teilweise Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland sowie die Absage geplanter Stationierungen – darunter jene in Polen, die den Ostflügel des Bündnisses absichern sollte – haben das Ausmaß dieser Unsicherheit deutlich gemacht.
Europäische Regierungen halten zwar öffentlich an der Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft fest, doch hinter den Kulissen wird ein Szenario zunehmend ernsthaft durchgespielt: Europa müsste die Verteidigung des Kontinents – zumindest in der Anfangsphase eines möglichen Konflikts mit Russland – selbständig organisieren. Das eigentliche Problem dabei ist nicht allein die Frage nach Truppenstärken oder Waffenbeständen. Jahrzehntelang war die gesamte Kommandoarchitektur des Bündnisses auf amerikanische Führung ausgerichtet. Die USA liefern Geheimdienstinformationen, Satellitenaufklärung, Logistik, Luftabwehrsysteme und die Koordination komplexer Militäroperationen. Ohne diese Unterstützung könnte die NATO formal weiterbestehen – ihre Fähigkeit zu rascher, koordinierter Reaktion wäre jedoch erheblich eingeschränkt.
Nordisch-Baltische Achse
Genau deshalb denken europäische Staaten heute nicht nur über höhere Verteidigungsbudgets nach, sondern auch über den Aufbau alternativer Kommandostrukturen, die auch dann funktionieren, wenn Washington sich heraushält. Wie der Economist berichtet, wird an der Schaffung einer nordisch-baltischen Achse gearbeitet, bestehend aus Großbritannien, den skandinavischen Staaten, den baltischen Ländern und Polen. Diese Staaten betrachten Russland als unmittelbarste Sicherheitsbedrohung und investieren bereits erheblich in ihre Verteidigungsfähigkeiten. Der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens hat das sicherheitspolitische Bild Nordeuropas zusätzlich verändert: Die Ostsee ist faktisch zu einem Binnenmeer des Bündnisses geworden, und die Zusammenarbeit der nordischen Länder hat eine neue Intensität erreicht.
Polen nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Warschau treibt die Aufstockung des Militärbudgets in einem Tempo voran, das in Europa seinesgleichen sucht, modernisiert die Streitkräfte und strebt eine führende Stellung in der Verteidigung der Region an. Im Falle eines nachlassenden amerikanischen Engagements könnte Polen gemeinsam mit den nordischen Staaten zum Rückgrat europäischer Abschreckung gegenüber Russland werden.
Strategischer Vorteil JEF
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Joint Expeditionary Force (JEF) – einer von Großbritannien geführten Militärkoalition. Der JEF gehören derzeit zehn europäische Staaten an: neben dem Vereinigten Königreich sind dies Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, die Niederlande, Norwegen und Schweden. Obwohl die JEF formal als Ergänzung zur NATO konzipiert ist, wird sie zunehmend als möglicher Handlungsrahmen für europäische Verteidigung in Krisensituationen betrachtet. Im Unterschied zur NATO, wo ein einzelnes Mitglied gemeinsame Entscheidungen blockieren kann, ermöglicht die JEF schnelleres politisches und militärisches Handeln unter Staaten mit weitgehend deckungsgleichen Sicherheitsinteressen.
Die Joint Expeditionary Force ist als schnell einsetzbarer Verband mit Land-, See- und Luftstreitkräften konzipiert, der von humanitären Einsätzen bis zu Kampfeinsätzen ein breites Spektrum militärischer Aufgaben abdecken kann. Ihre Einsatzschwerpunkte liegen insbesondere im nördlichen Europa, im Ostseeraum und im Nordatlantik – genau jenen Regionen, in denen eine mögliche Konfrontation mit Russland am wahrscheinlichsten ist. Genau diese Flexibilität und geografische Fokussierung gilt heute als einer ihrer zentralen strategischen Vorteile.
Dennoch bleibt ein europäischer Plan B mit erheblichen Schwächen behaftet.
Die meisten europäischen Armeen verfügen nach wie vor nicht über die Kapazitäten, die für einen langanhaltenden Krieg hoher Intensität ohne amerikanische Logistik und technologische Unterstützung erforderlich wären.