Europa erwärmt sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt – und bestimmte Regionen trifft es noch weitaus härter.
Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent – und innerhalb des Kontinents trifft es Ost- und Südosteuropa besonders hart. Während die globale Durchschnittstemperatur laut Daten des EU-Klimadienstes Copernicus in den vergangenen drei Jahrzehnten um etwa 0,27 Grad Celsius pro Jahrzehnt gestiegen ist, lag der Wert für Europa bei rund 0,56 Grad – also mehr als doppelt so hoch. Gemessen an der vorindustriellen Referenzperiode von 1850 bis 1900 beträgt die Erwärmung in Europa mittlerweile rund 2,5 Grad, während der weltweite Anstieg bei etwa 1,4 Grad liegt.
Innerhalb Europas verläuft diese Entwicklung jedoch sehr ungleichmäßig. Den stärksten Temperaturanstieg verzeichnen Copernicus-Daten zufolge Ost- und Südosteuropa sowie Teile Mitteleuropas und der Alpenregion – dort lagen die Werte in den vergangenen 30 Jahren zwischen 0,5 und 1 Grad pro Jahrzehnt. West- und Südwesteuropa hingegen blieben mit Anstiegen zwischen 0,2 und 0,5 Grad vergleichsweise moderat.
Ursachen der Erwärmung
Für die überdurchschnittliche Erwärmung des Kontinents nennen Wissenschaftler mehrere Ursachen. Zum einen besteht Europa überwiegend aus Landflächen, die sich grundsätzlich rascher aufheizen als Ozeane – denn Wasser kann große Wärmemengen speichern und durch Verdunstung teilweise wieder abgeben, was trockenen Böden kaum möglich ist. Zum anderen spielen Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation eine wesentliche Rolle: Blockierende Hochdrucksysteme können dazu führen, dass heiße Luftmassen über Europa verharren und lang anhaltende, intensive Hitzewellen entstehen.
Dazu kommt die geografische Ausdehnung des Kontinents bis in hohe nördliche Breiten. Die Arktis erwärmt sich noch deutlich schneller – mit einem Anstieg von rund 0,75 Grad pro Jahrzehnt. Wenn helles Eis schmilzt, treten darunter dunkle Meeres- oder Landflächen zutage, die weniger Sonnenlicht zurückwerfen und stattdessen mehr Wärme aufnehmen. Dieser Mechanismus verstärkt sich selbst: Steigende Temperaturen lassen mehr Eis schmelzen, weniger Eis wiederum beschleunigt die weitere Erwärmung.
Ein vergleichbarer Rückkopplungseffekt zeigt sich beim Schnee. Weiße Schneedecken reflektieren einen erheblichen Teil der Sonnenstrahlung zurück in die Atmosphäre. Taut der Schnee früher oder fällt weniger davon, können Boden und Vegetation mehr Sonnenenergie aufnehmen. Wie ausgeprägt dieser Wandel bereits ist, verdeutlichen Zahlen aus dem März 2025: Die schneebedeckte Fläche Europas lag zu diesem Zeitpunkt rund 1,32 Millionen Quadratkilometer beziehungsweise 31 Prozent unter dem Mittelwert der Jahre 1991 bis 2020.
Ein weiterer Faktor erscheint auf den ersten Blick paradox: Auch die deutlich verbesserte Luftqualität in Europa trägt zur stärkeren Erwärmung bei. Jahrzehntelange Umweltschutzmaßnahmen haben den Ausstoß von Schwefeldioxid und anderen Schadstoffen erheblich gesenkt – ein unbestreitbarer gesundheitlicher Fortschritt. Allerdings hatten die dabei entstehenden Aerosole in der Atmosphäre einen gewissen Kühlungseffekt, weil sie Sonnenstrahlung reflektierten und die Wolkenbildung beeinflussten. Mit dem Rückgang der Luftverschmutzung gelangt heute mehr Sonneneinstrahlung bis zur Erdoberfläche, wodurch dieser Kühlungseffekt teilweise entfällt und die durch Treibhausgase verursachte Erwärmung stärker zum Tragen kommt.
Messbare Folgen
Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind bereits messbar. Im Jahr 2025 lagen die Jahrestemperaturen in mindestens 95 Prozent Europas über dem langjährigen Durchschnitt. Alle europäischen Gletscherregionen verloren Eis, und rund 1,03 Millionen Hektar fielen Wald- und Vegetationsbränden zum Opfer – der höchste bisher erfasste Wert.
Für Europa bedeutet die besonders rasche Erwärmung weit mehr als nur heißere Sommer: Sie erhöht das Risiko von Hitzewellen, Dürren und Waldbränden.
Gleichzeitig kann eine wärmere Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen, was bei entsprechenden Wetterlagen zu extremen Niederschlägen und Überschwemmungen führt.