Flirten, Annähern, Kennenlernen – was einst selbstverständlich war, löst heute bei vielen nur noch Unbehagen aus.
Wer heute auf Partnersuche ist, bewegt sich auf schmalem Grat. Das Flirten, das Kennenlernen, das vorsichtige Herantasten – all das ist komplizierter geworden, sagen Betroffene, Forschende und Therapeutinnen gleichermaßen. Gesellschaftliche Normen verschieben sich rasant, Online-Plattformen haben die Suche nach Nähe in etwas Transaktionales verwandelt, und das Misstrauen zwischen den Geschlechtern wächst. Was frühere Generationen als aufregendes Abenteuer erlebten, empfinden viele heute schlicht als Belastung.
Tristan Kresing hatte sich das Ende seiner Beziehung anders vorgestellt. Der 23-jährige Fotograf erhielt Anfang November 2025 eine Nachricht von seiner damaligen Freundin – eine penibel aufgelistete Abrechnung, die von der Länge seiner Shorts bis hin zu seiner Angewohnheit, Nachrichten prompt zu beantworten, reichte. „Im Grunde sagte sie mir, dass sie mich ein bisschen cringe findet“, erzählt er dem britischen Telegraph. Sieben Monate Beziehung, beendet per Textnachricht.
Zur selben Zeit wurde ein Artikel der Autorin Shante Joseph im Magazin Vogue millionenfach geklickt. Unter dem Titel „Ist es inzwischen peinlich, einen Freund zu haben?“ stellte Joseph nicht das Äußere von Männern infrage, sondern das Konzept heterosexueller Beziehungen an sich. Der Beitrag löste eine globale Debatte aus und rückte einen Begriff ins Rampenlicht, den die Autorin Asa Seresin geprägt hatte: Heteropessimismus – das öffentlich geäußerte Bedauern, die Scham oder die Hoffnungslosigkeit, die heterosexuelle Menschen, vor allem Frauen, gegenüber romantischen Beziehungen empfinden.
Männer unter Druck
„Ich glaube, viele von uns zahlen heute den Preis für das Fehlverhalten früherer Männergenerationen“, sagt Josh, 29, Grafikdesigner. „Sexistische Einstellungen, Männer, die sich zu Hause nicht einbringen, die Erwartung, dass die Partnerin alles managt – obwohl sie selbst arbeitet. Die meisten jungen Männer heute sind so nicht. Aber es ist schwer, das zu beweisen, wenn man gar nicht erst die Chance bekommt, eine Frau kennenzulernen.“
Christian, Mitte vierzig, Physiotherapeut und frisch geschieden, kennt das Gefühl. „Dating 2026 ist wie Seiltanzen – das war vor zwanzig Jahren, als ich zuletzt solo war, ganz anders. Ich hinterfrage ständig mein Verhalten. Aufmerksam sein, aber nicht aufdringlich. Locker, aber nicht albern. Gesprächsbereit, aber nicht verzweifelt. Verbindlich, aber nicht erdrückend. Und dazu noch beweisen, dass man nichts mit der Manosphäre zu tun hat.“
Dass es Singles derzeit besonders schwer haben, belegen auch Zahlen. Eine Erhebung des Pew Research Center aus dem Jahr 2020 ergab, dass die Mehrheit der Menschen auf Partnersuche – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Wohnort – das Gefühl hatte, ihr Liebesleben laufe nicht gut. Männer berichteten vor allem davon, dass es ihnen schwerfällt, Frauen anzusprechen; Frauen hingegen klagten, kaum jemanden zu finden, der dieselben Vorstellungen von einer Beziehung mitbringt und ihren Erwartungen entspricht.
Eine neuere Studie der Manchester Metropolitan University zeigt: Während das Singledasein für Frauen gesellschaftlich zunehmend positiv besetzt und als selbständig wahrgenommen wird, erleben Männer es ganz anders. Sie fühlen sich, so Soziologin Alysha Denby von der Manchester Metropolitan University, entweder als sorglose ewige Junggesellen abgestempelt oder als sozial dysfunktionale Incels.
Simon, 51, Analyst, schreibt mehrmals im Monat Frauen auf Tinder an – und bekommt kaum Antworten. Wenn doch, führt das selten zu einem echten Gespräch. „Ich habe es satt, mir den Kopf zu zerbrechen, was ich falsch mache. Singles in meinem Alter gelten offenbar pauschal als verdächtig – als wären wir alle Incels, die nie aus dem Haus kommen.“ Er war in einer neunjährigen Beziehung, die er noch im echten Leben, am Arbeitsplatz, begann. Seitdem läuft es auf den Apps nicht mehr.
Lee Chambers, Psychologe und Gründer der Organisation Male Allies UK, sieht einen strukturellen Grund dafür: Männer pflegen oft flachere Freundschaften, was zu sozialer Isolation führt. Das wiederum erschwert gesunde romantische Bindungen. Chambers beobachtet zudem ein wachsendes Interesse junger Männer an Künstlicher Intelligenz als Ersatz für menschliche Nähe – ein Phänomen, das ihn besorgt.
Beziehungstherapeutin Rachel New ergänzt: Männer ohne Freundinnen neigen dazu, Frauen als Gruppe zu betrachten – als „mysteriös“, „unberechenbar“ oder „fordernd“. „Das ist umso leichter, wenn genau dieses Bild in den sozialen Medien ständig bestätigt wird.“
Annäherungsangst wächst
Chambers beschreibt, wie unter jungen Männern die Überzeugung wächst, Frauen hätten beim Dating schlicht mehr Auswahl – eine Theorie, die die frühe Manosphäre vor zehn bis fünfzehn Jahren popularisiert hat. Die Logik dahinter: Eine stille Hierarchie, in der Frauen allein aufgrund ihres Aussehens die Macht halten, während nur eine kleine Elite von Männern wirklich begehrt wird. „Diese Theorien behaupten, Frauen wollten ausschließlich reiche, finanziell abgesicherte Männer – und für alle anderen gebe es keine Hoffnung“, erklärt Chambers.
Hayley Quinn, Partnervermittlerin mit Fokus auf Coaching in realen sozialen Situationen in London und New York, sieht das Internet als Verstärker dieser Dynamiken. „Die Manosphäre lässt Männer glauben, es gebe eine große Verschwörung der Frauen gegen sie. Wenn Männer ihre Frustration online teilen und als Antwort darauf Manosphären-Inhalte konsumieren, verfestigt sich eine Opferhaltung – und die Überzeugung, dass Frauen gegen sie sind, wächst.“
Gleichzeitig räumt Quinn ein, dass Männer sich in westlichen Gesellschaften tatsächlich stark eingeschränkt fühlen. Eine Studie der Universität Toronto aus dem Jahr 2024 zeigt: Viele Männer kämpfen damit, die widersprüchlichen Erwartungen moderner Männlichkeit in Beziehungen zu navigieren. „Es gibt diese Vorstellung, dass ein ‚echter Mann‘ Frauen verführt – das gilt als Statussymbol“, erklärt Forscherin Elaine Hoan.
Quinn spricht von einer weit verbreiteten „Annäherungsangst“: Männer fürchten, eine Frau in der Gegenwart ihrer Freundin anzusprechen. Sie sorgen sich, als Belästiger zu gelten. Sie meiden Gespräche im Fitnessstudio, weil ein Hausverbot drohen könnte. Sie schweigen gegenüber Kolleginnen, weil ein Missverständnis den Job kosten könnte. „Das Ergebnis: Sie fühlen sich nur noch online in der Lage, Menschen kennenzulernen. Jede organische Begegnung im echten Leben wirkt auf sie zu riskant.“
George, 31, Koch, bringt es auf den Punkt: „Ich will eine Beziehung. Aber ich bin ohnehin ein ängstlicher Mensch – und die ungeschriebenen Regeln des Datings machen mir ehrlich gesagt Angst. Ich will Frauen keine Schuld geben. Aber ich habe das Gefühl, für das Fehlverhalten aller Männer vor mir geradestehen zu müssen.“ Er schildert einen Abend, an dem seine Verabredung beleidigt war, weil er ihr Getränk bezahlt hatte, während sie kurz weg war. Das Angebot, sie sicher nach Hause zu bringen, kam ebenfalls nicht gut an.
Dass Frauen mit Vorsicht in Begegnungen gehen, hat handfeste Gründe. Laut Pew Research haben die meisten Frauen – und immerhin 35 Prozent der Männer – im Rahmen von Dates übergriffiges Verhalten erlebt: unerwünschte sexuell explizite Nachrichten, Druck zu körperlicher Nähe oder das unerlaubte Weitergeben intimer Bilder.
Christopher, 18, berichtet, dass seine Eltern ihm und seinen Freunden beim Studienstart rieten, Einverständniserklärungen per SMS einzuholen – aus Angst vor späteren Vorwürfen. „Ich würde nie etwas tun, das jemand nicht will. Aber die Idee, vor einem Kuss eine schriftliche Genehmigung anzufordern, ist irgendwie abstoßend. Vielleicht war das auch die Absicht meiner Eltern“, sagt er mit einem Schmunzeln. Er und seine Freunde betrachten Teenagerbeziehungen inzwischen als „ein bisschen beängstigend“ – zumal in sozialen Medien selbst kleinste Missgeschicke öffentlich werden können. „Und selbst wenn man jemanden kennenlernt und denkt, es läuft gut – meistens hört es einfach auf, ohne Erklärung.“
Quinn plädiert dafür, Männern aller Altersgruppen mehr soziale Kompetenz zu vermitteln – einen ausgewogeneren, differenzierteren Umgang mit Kommunikation, der echte Begegnungen wieder möglich macht. Chambers sieht erste Zeichen der Hoffnung: „Ich würde sagen, wir stehen am Beginn einer Trendwende. Singles-Abende erleben eine Renaissance, Menschen suchen wieder reale Verbindungen. Vielleicht gelingt es uns, die Kluft zu überbrücken – und Männer und Frauen finden wieder eine gemeinsame Sprache.“