Drei Männer, drei Länder, eine Entscheidung. Warum jedes Jahr mehr als 130.000 Menschen aus Teilen Ex-Jugoslawiens ins Ausland ziehen, lässt sich nicht mit Geld allein erklären.
Mario ist 30, Mijat 29, Matija 22. Einer stammt aus Tuzla, der andere aus Negotin, der dritte aus Zagreb. Sie haben unterschiedliche Schulen besucht, arbeiten in verschiedenen Berufen und kennen einander nicht. Was sie verbindet: Sie stammen aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien – und sie leben bereits im Ausland oder denken darüber nach, ihre Heimat zu verlassen.
Damit stehen sie nicht allein. Laut einer Auswertung von OECD-Daten wurden zwischen 2019 und 2023 in 31 erfassten Zielländern mehr als 660.000 Zuzüge von Staatsangehörigen Serbiens, Kroatiens, Montenegros sowie Bosnien und Herzegowinas registriert. Im Durchschnitt entspricht das rund 133.500 Personen pro Jahr.
Die Zahlen geben einen wichtigen Hinweis auf das Ausmaß der Abwanderung, sind allerdings nicht mit einer vollständigen Auswanderungsstatistik oder dem tatsächlichen Bevölkerungsverlust der jeweiligen Länder gleichzusetzen. Denn die OECD erfasst in diesem Fall Zuzüge in ihre betrachteten Zielländer. Den höchsten Durchschnittswert innerhalb der Auswertung weist Kroatien mit rund 47.000 Personen jährlich auf. Bei einer Bevölkerung von knapp 3,9 Millionen Menschen entspricht das rechnerisch etwa einem von 80 Einwohnern. Serbien folgt mit durchschnittlich rund 43.000 Personen pro Jahr, Bosnien und Herzegowina mit etwa 40.000.
„Warum verlassen die Leute Kroatien? Weil dort nichts funktioniert. Kein öffentlicher Verkehr, keine Kindergartenplätze, keine Jobs, keine Wohnungen – und alles ist teuer. Die Menschen wollen in Ländern leben, in denen das System funktioniert. Es geht nicht nur ums Geld“, sagt Matija, der seit seinem 16. Lebensjahr in Mainz lebt.
Wandel der Motive
Abwanderung aus der Region ist kein neues Phänomen. Die Gründe dafür haben sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch teilweise verändert. Der Demograf Vladimir Nikitovic vom Institut für Sozialwissenschaften in Belgrad erklärt gegenüber der DW, dass neben klassischen wirtschaftlichen Faktoren zunehmend auch die allgemeine Zufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen eine Rolle spiele.
Lebensqualität, funktionierende Institutionen und gesellschaftliche Perspektiven gewinnen damit an Bedeutung – das Einkommen bleibt jedoch weiterhin ein zentraler Faktor. Wie stark einzelne Gründe ins Gewicht fallen, hängt laut Nikitovic unter anderem vom Beruf, der persönlichen Lebenssituation und den Möglichkeiten im jeweiligen Herkunftsland ab.
Auch politische Entwicklungen können die Bereitschaft zur Auswanderung beeinflussen. Nikitovic warnt allerdings davor, politische Unzufriedenheit unmittelbar mit einer tatsächlichen Auswanderungsentscheidung gleichzusetzen. Wenn junge Menschen die politische Lage als Grund nennen, sei das zunächst ein Ausdruck ihrer Unzufriedenheit mit dem Zustand der Gesellschaft – nicht zwangsläufig der Beweis dafür, dass sie das Land tatsächlich verlassen werden.
Rückkehrprogramme
Auch die Regierungen der Region versuchen zunehmend, Menschen aus der Diaspora zur Rückkehr zu bewegen. In Bosnien und Herzegowina gibt es auf gesamtstaatlicher Ebene bislang kein umfassendes Programm, das speziell auf die Rückkehr junger ausgewanderter Menschen ausgerichtet ist. Auf anderen Verwaltungsebenen bestehen allerdings verschiedene Unterstützungsmaßnahmen für Rückkehrer, Beschäftigung und Unternehmensgründungen.
Serbiens Präsident Aleksandar Vucic kündigte zuletzt bei einem Auftritt in Svilajnac zusätzliche Subventionen für Menschen an, die aus dem Ausland nach Serbien zurückkehren wollen. Konkrete Fördersummen nannte er zunächst nicht.
Bereits heute bestehen verschiedene Unterstützungsangebote. Dazu gehören unter anderem administrative Hilfe und Unterstützung bei der Jobsuche. Für bestimmte qualifizierte Rückkehrer beziehungsweise neu angesiedelte Arbeitnehmer gibt es zudem unter klar definierten Voraussetzungen eine fünfjährige steuerliche Begünstigung: Die Bemessungsgrundlage für Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge kann dabei um 70 Prozent reduziert werden. Die Regelung gilt allerdings nicht pauschal für jeden Rückkehrer.
Auch Kroatien setzt auf finanzielle Anreize. Unter bestimmten Voraussetzungen können Rückkehrer für einen Zeitraum von fünf Jahren von der auf ihr Arbeitseinkommen entfallenden Einkommensteuer entlastet werden. Zusätzlich gibt es über das Programm „Biram Hrvatsku“ finanzielle Unterstützung für Menschen, die nach Kroatien zurückkehren und dort wirtschaftlich Fuß fassen wollen.
In Kombination mit Förderungen für die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit können dabei – abhängig von den jeweiligen Voraussetzungen und der Art des Unternehmens – Unterstützungen von insgesamt bis zu 27.000 Euro möglich sein. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine pauschale Rückkehrprämie, die jeder Heimkehrer automatisch erhält.
Die Gesprächspartner der DW bezweifeln ohnehin, dass finanzielle Anreize allein eine größere Rückkehrbewegung auslösen können. Nenad Jovetic, Direktor des Instituts für Entwicklung und Innovation, sieht vor allem in einem funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystem einen entscheidenden Faktor.
„Gehalt und Einkommen sind wichtig – aber wenn es um die Gesundheit oder die Schulbildung der eigenen Kinder geht: Wenn man das jungen Menschen bieten kann, die einmal weggegangen sind, dann wäre das das wirklich Ausschlaggebende“, betont er.
Demograf Nikitovic geht noch weiter und betrachtet viele der bisherigen Maßnahmen eher als politisches Instrument denn als grundlegende Lösung des Problems. Der entscheidende Faktor sei das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen. Finanzielle Unterstützung könne zwar helfen, wichtiger sei für viele Menschen jedoch das Gefühl, langfristige Perspektiven zu haben und gesellschaftlichen Fortschritt erleben zu können.