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REPORTAGE

Frauen für Frauen gegen Gewalt

Neva Tolle,
Autonomes Frauenhaus Zagreb
KOSMO: Was macht AŽKZ genau?

Neva Tolle: Wir sind ein feministisches Projekt und bieten Frauen als wichtigste Aktivität direkte Unterstützung und Hilfe an, z.B. durch den Betrieb von Frauenhäusern und Beratungsstellen für Frauen, die verschiedene Formen männlicher Gewalt erlebt haben. Wir garantieren den Frauen völlige Diskretion und Anonymität. Der Aufenthalt im Frauenhaus ist für die Frauen (und für ihre Kinder) vollkommen kostenlos. Das Frauenhaus hat mit sieben Zimmern für Frauen (und für ihre Kinder, sofern sie Kinder haben) nur eine sehr bescheidene Kapazität. Durchschnittlich wird es pro Jahr von 35 bis 40 Frauen und Kindern in Anspruch genommen.

Unter welchen Umständen findet eine Frau im Frauenhaus Aufnahme?
Wir fordern von den Frauen keine Einweisung durch ein Zentrum für Sozialfürsorge und keine polizeiliche Anzeige gegen den Gewalttäter als Voraussetzung für eine Aufnahme in unser Frauenhaus. Der Aufenthalt im Frauenhaus kann 12 – 18 Monate dauern, abhängig von verschiedenen Faktoren: dem Grad der Traumatisierung der Frau, dem Prozess des Wiederaufbaus des Selbstbewusstseins, das durch die erlebte Gewalt ganz oder teilweise untergraben wurde, der Schwere der körperlichen Verletzungen, der Komplexität der persönlichen Problematik der Frau, der potentiellen oder bereits bestätigten Behinderung einer Frau, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gemeinschaft, der Komplexität und Dauer von Gerichtsverfahren…

„Unser Anwaltsteam schreibt Klagen, hilft bei Scheidungsklagen und der Einforderung von Unterhalt.”

Neva Tolle

Unterhalten Sie im Rahmen Ihrer Organisation auch eine Beratungsstelle?
Unsere Beratungsstelle bietet den Frauen ebenfalls qualifizierte und komplett kostenlose Leistungen an. Von Informationen bis zu telefonischen oder persönlichen Beratungsgesprächen. Leider kennen viele Frauen ihre Rechte nicht, die ihnen das Gesetz oder der Staat garantieren. Im Durchschnitt rufen uns täglich sieben oder acht Frauen an, die aufgrund erlittener Gewalt durch gegenwärtige oder ehemalige Partner Hilfe brauchen. Unser Anwaltsteam schreibt Klagen, Rekurse, Einsprüche, hilft bei Scheidungsklagen und der Einforderung von Unterhalt und bei vielen verschiedenen anderen Arten rechtlicher Eingaben für die Frauen.

Ist der Gang zum Gericht für die Frauen traumatisch?
Sie wissen ja nicht einmal, wie ein Gerichtssaal in Wirklichkeit aussieht, aber ihre Anwältinnen bereiten sie darauf vor. Dieses Vorgehen, die Empathie und das Verständnis für ihre Probleme reduzieren ihre Angst vor den Gerichtsverhandlungen. Die Anwältinnen bestehen auch darauf, dass die Frauen dem Straftäter vor Gericht nicht gegenübertreten müssen, sondern ihre Aussagen über einen Video-Link abgeben, denn sie sind ja gleichzeitig Zeuginnen und Opfer. Die Traumatisierung der Frauen durch die Gewalt und der Stress aufgrund des Auftritts vor Gericht sind für die Frauen eine sehr unangenehme Erfahrung. Sie fürchten sich auch davor, sich mit dem Täter im gleichen Raum aufzuhalten. Darum ist er im Gerichtssaal und die Frau in einem anderen Raum, in dem er nicht physisch anwesend ist. So sind der Stress und die Retraumatisierung für die Frau geringer und sie kann freier sprechen und ihre Aussage machen.

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