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REPORTAGE

Frauen für Frauen gegen Gewalt

Frauen für Frauen gegen Gewalt (FOTO: iStock)

Gewalt gegen Frauen, vor allem innerhalb der Familie, gibt es in allen Teilen der Welt, unabhängig vom Entwicklungsgrad eines Landes. Gegen dieses Übel kämpfen die staatlichen Systeme mithilfe von Gesetzen, aber auch mutige Frauen bieten den Gewaltopfern unschätzbare Unterstützung an.

Die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen ist in Gesetzen geregelt, die weltweit ähnlich und sehr human sind, und großer Fortschritt wurde 2011 mit der Verabschiedung der Istanbul-Konvention erzielt. Allerdings ist der Weg von der Verabschiedung eines Gesetzes bis zu seiner tatsächlichen Umsetzung lang, denn er ist von vielen Faktoren abhängig, vor allem von menschlichen. Alle Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien haben ihre Gesetzgebung in dieser Frage an die Normen der Europäischen Union angeglichen, was bedeutet, dass sie auch die Istanbul-Konvention ratifiziert haben. Unsere Redaktion hat nachgefragt, wie viel in der Frage der Verhinderung von Gewalt gegen Frauen tatsächlich unternommen wurde, und wir haben mit Aktivistinnen von Frauenorganisationen in Montenegro, Serbien, Kroatien und Bosnien und Herzegowina gesprochen, die untereinander eine außerordentlich gute Zusammenarbeit entwickelt haben.

Ljiljana Raičević,
Vorsitzende der Frauenhäuser in Podgorica

(FOTO: zVg.)

Unsere Gesprächspartnerin beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten in Podgorica mit dem Problem der häuslichen Gewalt und ihr Weg war nicht leicht, denn sie war in ihrem Bemühen, bedrohten Frauen zu helfen, oft selbst Beleidigungen und Drohungen ausgesetzt. Sie ließ sich jedoch nicht abschrecken, und so gibt es heute in Podgorica zwei Schutzhäuser bzw. Frauenhäuser.

KOSMO: Wie hat Ihr Kampf begonnen?
Ljiljana Raičević: Schon 1996 haben wir die erste Frauen-NGO in Montenegro gegründet. Das war ein SOS-Telefon für Frauen und Kinder, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden waren. Am Anfang haben uns die Frauen aus Belgrad sehr geholfen und uns drei Monate lang gecoacht. Nach drei Jahren SOS-Telefon habe ich mit einer Stichprobe von 1.500 Frauen eine Analyse gemacht und festgestellt, dass jede zweite Frau irgendwann von zu Hause geflüchtet war, um ihre Haut zu retten. Auch in späteren Erhebungen sind wir zu verheerenden Resultaten gelangt, und zwar dass jede dritte Frau in Montenegro gerade jetzt, während wir dieses Gespräch führen, irgendeine Form von Gewalt erleidet.

Wohin wenden sich die meisten Frauen, die ihre gewalttätigen Partner verlassen?
Sie kehren zu den Eltern zurück. Aber als ich gesehen habe, wie einige Eltern diese Frauen aufnehmen, sie erniedrigen und ihnen verbieten, die gewaltbelastete Beziehung zu verlassen, war ich entsetzt! Bisweilen sagen Eltern: „Dein Bett ist schon besetzt, wir können dich nicht wieder aufnehmen und auch noch SEINE Kinder ernähren.“ Am meisten Glück haben die Frauen, denen die Familie Rückendeckung und Unterstützung bietet, damit sie wieder auf die Beine kommen. Das Wichtigste ist, dass die Eltern der Tochter sagen, dass sie ihre rückhaltlose Unterstützung genießt, egal was passiert. Leider stehen dem häufig die montenegrinische Tradition und die patriarchalische Mentalität entgegen, die hier tief verwurzelt sind.

„Schon 1996 haben wir in Montenegro die erste Frauen-NGO gegründet. Das war ein SOS-Telefon.”

Ljiljana Raičević

Montenegro ist für seine patriarchalische Mentalität bekannt. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Wenn es um die Familie geht, ist eine patriarchalische Mentalität in gewissen Bereichen nicht schlecht, aber in der Frage der Frauen ist sie furchtbar und trennt uns vom Rest der Welt. Von einer Tochter sagt man, dass sie ein „fremdes Essen“ ist und mit der Heirat endet ihre Verbindung zum elterlichen Heim fast vollständig. Das schlimmste Beispiel ist die Abtreibung weiblicher Kinder, weil nur Söhne geschätzt werden. Es ist selbstverständlich, dass die Tochter zugunsten ihrer Brüder auf das Erbe der Eltern verzichtet, und es ist furchtbar, wenn Eltern einer Frau sagen: „Du bist selber gefallen, du hast dich selber umgebracht, du hast selber gewählt. Jetzt geh zu ihm zurück, denn er ist dir bestimmt.“ Daher empfinden die Frauen, die vor der Gewalt zu uns ins Frauenhaus flüchten, immer eine neue Art von Freiheit und Unterstützung.

Kommen in Ihre beiden Frauenhäuser, die Sie leiten, nur Frauen aus Montenegro?
Im Moment haben wir in beiden Frauenhäusern 18 Personen, Frauen mit Kindern, und das Zentrum für Sozialarbeit ruft uns täglich wegen neuer Fälle an. Zu uns kommen nicht nur Frauen aus Montenegro. Derzeit haben wir eine Frau aus Rumänien und es gab auch schon mehrere unserer Landsfrauen aus Österreich. Das sind Fälle, in denen die Männer in dem Moment, in dem sie die Grenze zu Montenegro überqueren, gewalttätig werden. Die Frauen erzählen uns, dass sie in den Ländern, in denen sie leben, den ganzen Tag in der Arbeit sind und zahlreichen Verpflichtungen nachgehen und dass es daher weniger häufig zu Gewalt kommt, und die Männer fürchten sich auch vor den dortigen Gesetzen und Strafen. Darum entladen sich alle aufgestauten Frustrationen erst nach der Heimkehr in Schlägen und Misshandlungen.

Wie ist das Gesetz in Montenegro?
Das Gesetz in Montenegro ist aus Österreich übernommen, das österreichische aus Deutschland und das deutsche von Amerika. Ich war gemeinsam mit Kolleginnen aus Kroatien in Österreich und habe dortige Frauenhäuser besucht und mir ihre Erfahrungen angehört und angeschaut. Ich betone, dass die Menschen aus unserer Region sich nicht sehr umstellen müssen, denn das jugoslawische Gesetz war tadellos. Alle unsere Gesetze sind an die EU angepasst und jetzt wird auch die Istanbul- Konvention implementiert.

„In Montenegro wurden in den letzten drei – vier Jahren acht Frauen von ihren Partnern getötet.”

Ljiljana Raičević

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit der Polizei?
In den ersten Jahren haben wir Fortbildungen für 800 Polizisten aus ganz Montenegro organisiert, die großartige Ergebnisse gebracht haben. Nach der Verabschiedung des Gesetzes über Gewalt in der Familie haben wir ein Memorandum über Zusammenarbeit unterzeichnet, in dem genau festgeschrieben ist, wer welche Aufgaben hat. Leider wird der Teil der Istanbul-Konvention, der besagt, dass die Polizei das Recht hat, einen Gewalttäter aus dem Haus zu weisen, nur selten umgesetzt. Das ist das schwächste Glied in der Kette und hier schalten wir uns ein und beurteilen, ob es besser ist, die Frau zu uns ins Frauenhaus zu holen, vor allem, wenn sie körperliche Verletzungen und kleine Kinder hat. Wir bringen die Kleinen zu einem Psychologen oder Logopäden, denn bei ihnen sehen wir große Probleme, vor allem eine Aggressivität, die zeigt, unter welchen Bedingungen sie aufwachsen. Manche Frauen bleiben über ein Jahr bei uns. In Montenegro wurden in den letzten drei – vier Jahren acht Frauen von ihren Partnern getötet.

Wie finanzieren Sie sich?
Die Umsetzung der Instanbul-Konvention steht auf wackligen Füßen und wir warten darauf, dass der Staat die Finanzierung der Frauenhäuser übernimmt. Mit kleineren finanziellen Beiträgen unterstützen uns die Norweger, Amerikaner und Österreicher im Rahmen von Projekten. Ehrlich gesagt können wir kaum überleben!

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