Gas-Poker am Balkan: Bosnien und Herzegowina treibt parallel zwei große Pipelineprojekte voran – eines Richtung Westen mit potenziellem Zugang zu LNG aus den USA, eines Richtung Osten entlang bestehender russisch dominierter Lieferwege. Zwischen Diversifizierung und Abhängigkeit entsteht ein energiepolitisches Spannungsfeld mit geopolitischer Signalwirkung.
Energiepolitische Weichenstellung
Nach jahrelangen politischen Blockaden steht Bosnien und Herzegowina vor einer entscheidenden Phase seiner Energiepolitik. Das Projekt der Südlichen Gasverbindung (Southern Interconnection) hat nach intensiven Verhandlungen einen politischen Durchbruch erzielt und befindet sich aktuell in der Phase der administrativen, rechtlichen und finanziellen Vorbereitung. Ziel ist es, das bosnisch-herzegowinische Gasnetz erstmals direkt mit Kroatien zu verbinden.
Über diese Verbindung soll Bosnien und Herzegowina künftig Gas aus dem kroatischen Netz beziehen können, das unter anderem an das LNG-Terminal auf der Insel Krk angeschlossen ist. Dort wird Flüssiggas aus unterschiedlichen Herkunftsländern angelandet – darunter auch Lieferungen aus den USA. Die Pipeline eröffnet somit erstmals einen potenziellen Zugang zu nicht-russischen Gasquellen, auch wenn konkrete Lieferverträge bislang noch nicht abgeschlossen sind.
Parallel dazu wurden jedoch auch Verfahren für ein zweites Großprojekt eingeleitet, das energiepolitisch in die entgegengesetzte Richtung weist. Während die südliche Verbindung auf Diversifizierung und alternative Bezugsquellen abzielt, soll die sogenannte Östliche Gasverbindung die bestehende Gasinfrastruktur über Serbien ausbauen – einen Korridor, über den Bosnien und Herzegowina derzeit überwiegend russisches Gas bezieht.
Die Südliche Gasverbindung ist auf bosnisch-herzegowinischem Staatsgebiet so konzipiert, dass sie sich in einen herzegowinischen und einen mittelbosnischen Ast verzweigt. Dadurch würden mehrere Regionen erstmals an eine alternative Gasquelle angebunden. Eine spätere Erweiterung in Richtung Banja Luka wird politisch diskutiert, ist jedoch aktuell nicht Teil des genehmigten Kernprojekts.
Östliche Gasverbindung
Während im Süden die Anbindung an Kroatien vorbereitet wird, nimmt im Norden und Osten des Landes ein weiteres Mammutprojekt Gestalt an. Das Unternehmen Sarajevo-gas Istočno Sarajevo hat eine internationale Ausschreibung für Planung und Bau der Hauptgasleitung Šepak – Novi Grad veröffentlicht, die als Östliche Gasverbindung bekannt ist.
Der geschätzte Auftragswert beläuft sich auf rund 900 Millionen Konvertible Mark (KM) ohne Mehrwertsteuer und zählt damit zu den größten Energieinvestitionen in der Geschichte der Republika Srpska. Ziel ist es, den bislang kaum an das Gasnetz angeschlossenen Norden des Landes – einschließlich wichtiger Städte und Industriegebiete – mit Erdgas zu versorgen.
Technisch ist auch diese Pipeline nicht exklusiv auf einen bestimmten Lieferstaat festgelegt. Faktisch jedoch nutzt Bosnien und Herzegowina derzeit ausschließlich eine Importachse über Serbien, über die vor allem russisches Gas aus der TurkStream-Infrastruktur fließt. Die neue Leitung würde diesen Versorgungsweg erheblich ausbauen und die Abhängigkeit von bestehenden Lieferstrukturen vertiefen – sofern keine alternativen Lieferverträge abgeschlossen werden.
Damit entsteht eine energiepolitisch bemerkenswerte Situation: Während Bosnien und Herzegowina im Süden versucht, sich schrittweise von russischem Gas zu lösen, wird im Osten gleichzeitig eine Infrastruktur errichtet, die den derzeitigen Importpfad weiter stärkt. Beobachter sprechen bereits von einem energiepolitischen Spagat zwischen West und Ost.
Technische Details
Die Südliche Gasverbindung ist als Verbindung zwischen dem kroatischen und dem bosnisch-herzegowinischen Gasnetz konzipiert. Auf kroatischer Seite verläuft die geplante Trasse von Dugopolje über Zagvozd bis nach Imotski, während sie auf bosnisch-herzegowinischem Gebiet über Posušje, Mostar, Travnik und Zenica bis nach Sarajevo führen soll. Die Gesamtlänge beträgt rund 243 Kilometer.
Die geschätzten Gesamtkosten liegen – je nach Projektstand und Finanzierungsmodell – im Bereich von mehreren hundert Millionen Euro. Die geplante Transportkapazität beträgt bis zu 1,5 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr, was den aktuellen Gasverbrauch des Landes deutlich übersteigen würde.
Für die Östliche Gasverbindung endet die Angebotsfrist für interessierte Unternehmen am 28. Jänner 2026. Die Pipeline soll Gas von der Grenze zu Serbien bei Šepak über Bijeljina und Banja Luka bis nach Novi Grad transportieren. Die geplante Trassenlänge umfasst rund 95 Kilometer auf serbischem Staatsgebiet sowie mehrere hundert Kilometer innerhalb der Republika Srpska.
Das Projekt ist als strategische Infrastrukturmaßnahme in der Energieentwicklungsstrategie der Republika Srpska bis 2035 verankert und umfasst neben der Hauptleitung auch den Bau zahlreicher Anschlussleitungen zu Städten und Industriegebieten entlang der Strecke.