Unter Wiens Straßen braut sich ein stilles Problem zusammen: Das Grundwasser heizt sich immer schneller auf. Forscher schlagen nun Alarm – und sehen überraschend auch Chancen.
Unter Wiens Oberfläche entwickelt sich ein besorgniserregendes Phänomen: Das Grundwasser erhitzt sich zunehmend. Eine aktuelle Untersuchung der Universität für Bodenkultur belegt, dass Klimaveränderungen und die fortschreitende Bodenversiegelung unterirdische Wärmeinseln entstehen lassen. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für das ökologische Gleichgewicht, die Wasserqualität und sogar die geothermische Energiegewinnung.
Die Sommerhitze in Wien macht sich längst nicht nur oberirdisch bemerkbar – auch im Untergrund steigen die Temperaturen kontinuierlich an. Die BOKU-Wissenschaftler (Universität für Bodenkultur) plädieren daher für ein durchdachtes Management des städtischen Untergrunds, um langfristige Schäden für die Wiener Bevölkerung abzuwenden.
Alarmierende Messdaten
Die Messdaten zeigen eine beunruhigende Dynamik: Während im Zeitraum 2001 bis 2010 die Grundwassertemperatur um 0,9 Grad anstieg, beschleunigte sich dieser Trend im darauffolgenden Jahrzehnt auf 1,4 Grad. Besonders auffällig ist der Temperaturkontrast zwischen dem urbanen Raum und dem Umland.
In stark versiegelten Stadtgebieten liegt die Grundwassertemperatur durchschnittlich vier bis acht Grad höher – ein klassisches Merkmal unterirdischer Wärmeinseln. Hauptverantwortlich für dieses Phänomen ist die dichte urbane Infrastruktur: Straßenbeläge, Betonkonstruktionen, unterirdische Verkehrswege, Abwasserkanäle und Tiefgaragen fungieren als Wärmespeicher und leiten die Hitze in tiefere Erdschichten.
Nachhaltige Lösungen
Für ihre Untersuchung wertete das Forscherteam Daten von etwa 800 Messstationen in Wien und der Umgebung aus. Die Erhebungen ergaben Durchschnittstemperaturen von 13 Grad Celsius im April und 15 Grad im Oktober.
Eva-Florina Kaminsky vom BOKU-Institut für Bodenphysik und landeskulturelle Wasserwirtschaft sieht in der Situation auch Chancen: „Als Gegenmaßnahme empfehlen wir die gezielte Nutzung der in städtischen Wärmeinseln gespeicherten unterirdischen Wärme zum Heizen.“
„Es darf uns nicht egal sein, was unter unseren Füßen passiert“, betont Kaminsky nachdrücklich. „Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung und Notwendigkeit einer unterirdischen Raumplanung mit sämtlicher unterirdischer Infrastruktur und Untergrundeinbauten sowie mit hochaufgelösten, kontinuierlich überwachten Temperatur- und Wasserqualitätsdaten.
Nur so kann eine nachhaltige Nutzung des Untergrunds gewährleistet werden.
Konkrete Anwendungen in Entwicklung
Die Stadt Wien prüft inzwischen gezielt die praktische Umsetzung dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Wiener Stadtplanung sieht in dem erwärmten Grundwasser eine potenzielle nachhaltige Energiequelle für städtische Heizsysteme. Zur Unterstützung dieser Bemühungen hat die Geosphere Austria bereits einen Geothermie-Atlas erstellt, der konkrete Potenzialberechnungen für einzelne Standorte im Wiener Stadtgebiet enthält.
Diese Datengrundlage ermöglicht es, die technische Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit von geothermischen Projekten standortgenau zu bewerten. In Kooperation mit der Universität für Bodenkultur und dem Wiener Wirtschafts-, Forschungs- und Technologiefonds werden derzeit erste Pilotprojekte und ein umfassender Maßnahmenkatalog entwickelt.
Ziel dieser Initiativen ist die systematische Integration der unterirdischen Wärmeinseln in die städtische Energieplanung. Damit könnte Wien nicht nur ein Problem in eine Ressource verwandeln, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung der städtischen Infrastruktur leisten.