Zwischen Waffenstillstand und Raketenbeschuss: Im Persischen Golf entscheidet sich gerade, wer die Weltschifffahrt kontrolliert.
Bhargavi Suresh, Mutter zweier Söhne, sitzt in einem grauen Sari vor dem gerahmten Porträt ihres Mannes und weint. „Mein Mann war kein Soldat“, zitiert die britisch-arabische Nachrichtenseite Middle East Eye die Frau. Ihr Ehemann gehört zu mindestens sieben indischen Seeleuten, die im Zuge der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran ums Leben kamen. Der indische Öltanker, auf dem er beschäftigt war, war bereits im Juni – noch vor Unterzeichnung des Rahmenabkommens – von US-Streitkräften angegriffen worden, weil er amerikanischen Anweisungen nicht nachgekommen war.
Auch die jüngste Eskalation zwischen Washington und Teheran trifft Schiffe und ihre Besatzungen unmittelbar: Nach dem Angriff auf das unter zypriotischer Flagge fahrende Containerschiff „GFS Galaxy“ – diesmal ein iranischer Luftangriff – wird ein weiterer indischer Matrose vermisst. Ein erheblicher Teil der nach wie vor im Persischen Golf festsitzenden Seeleute stammt aus Indien: 37 unter indischer Flagge fahrende Schiffe mit mehr als 1.100 Besatzungsmitgliedern sind blockiert. Laut Angaben der Vereinten Nationen sind es insgesamt knapp 6.000 Seeleute, die nicht auslaufen können.
Trumps Widersprüche
Solange der gegenseitige Beschuss zwischen dem Iran und den USA anhält und der ausgehandelte Waffenstillstand nicht hält, wird sich daran nichts ändern. US-Präsident Donald Trump bestand am Sonntag einmal mehr darauf, dass die Straße von Hormus passierbar sei – während Teheran die Meerenge bis auf Weiteres für gesperrt erklärt hatte. Die Sorge vor einem erneuten, deutlichen Anstieg der Ölpreise wächst. Zu Beginn der Krise war der Preis für ein Barrel Brent-Öl im außerbörslichen Handel an einem Tag um etwa zehn Prozent auf rund 80 US-Dollar gestiegen. Infolge der Sperrung stieg der Preis zeitweise auf rund 120 US-Dollar und lag damit etwa 50 US-Dollar über dem Niveau zu Kriegsbeginn. Laut dem Nachrichtenportal Axios wurden iranische Ziele im Bereich der wichtigen Schifffahrtsroute angegriffen. Das US-Militär betonte, Handelsschiffe könnten die Route weiterhin passieren.
Der Iran hatte in der Vorwoche drei Handelsschiffe angegriffen, die die Meerenge auf einer südlichen Route entlang der omanischen Küste durchquerten – einer Route, die Teheran nicht genehmigt hatte. Die USA antworteten mit Raketenangriffen. Seit Donnerstag habe das US-Militär mehr als 300 Ziele ins Visier genommen, rund 140 militärische Einrichtungen seien getroffen und ein iranischer Soldat getötet worden. Gegenüber NBC News erklärte Trump am Sonntag, man habe sie – gemeint ist der Iran – „letzte Nacht in Schutt und Asche gelegt“.
Trump hatte vergangene Woche am Rande des NATO-Gipfels in Ankara die seit Anfang April geltende Waffenruhe mit dem Iran für beendet erklärt. Diplomatische Gespräche laufen dennoch weiter. Seit Beginn des Krieges am 28. Februar hat Trump 40 Mal öffentlich von einem bevorstehenden Friedensabkommen gesprochen.
Der Iran antwortete seinerseits mit Angriffen auf Golfstaaten – zum ersten Mal seit Wochen: In Jordanien schlugen drei iranische Raketen ein. In Kuwait war nach Armeeangaben die Luftabwehr im Einsatz. In Bahrain ertönten in den frühen Morgenstunden die Warnsirenen. Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate gaben an, Raketenangriffe abgewehrt zu haben. Im Oman kam es zu Drohnenangriffen.
Streit um Hormus
Die iranischen Revolutionsgarden sind entschlossen, die Kontrolle über die Straße von Hormus nicht preiszugeben: Im Rahmen des Mitte Juni unterzeichneten Abkommens hatte Teheran durchgesetzt, dass Washington einer einzigen genehmigten Schiffsroute nahe der iranischen Küste zustimmt. Am Sonntag wurde Mohsen Rezaee, ein hochrangiger Berater des – öffentlich kaum in Erscheinung tretenden – iranischen Obersten Führers Mojtaba Khamenei, mit den Worten zitiert: „Dieser strategische Durchgang ist wichtiger als Dutzende von Atombomben, und die Islamische Republik Iran wird ihn schützen.“
„Die Zeit der einseitigen Abmachungen ist VORBEI. Wir haben es euch gesagt: Haltet euer Wort oder zahlt den Preis“, schrieb der iranische Parlamentspräsident und Verhandlungsführer Mohammad Baqer Qalibaf auf X. Auch das iranische Militär warf Trump vor, Zusagen nicht einzuhalten. „Die Amerikaner versuchen, südlich der Straße von Hormuz eine regelwidrige Route durchzusetzen, die der mit der Islamischen Republik Iran unterzeichneten Vereinbarung widerspricht“, sagte Militärsprecher Amir Akraminia laut der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim.
Gemäß dem Rahmenabkommen liege die Verantwortung beim Iran, ergänzte Akraminia. Teheran bemühe sich gemeinsam mit dem Golfstaat Oman, „eine gemeinsame Verständigung und gemeinsame Regelungen in der Region durchzusetzen“.