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Spielsucht

„Ich wollte nur mein Geld zurück“: Wie ein KOSMO-Leser durch Spielsucht fast alles verlor

„Ich wollte nur mein Geld zurück“: Wie ein KOSMO-Leser durch Spielsucht fast alles verlor
(FOTO: iStock)
11 Min. Lesezeit |

50 Euro, ein Automat, ein Gewinn – und dann Jahre des freien Falls. Ein Mann erzählt, wie nah er dem Ende war.

Es begann mit 50 Euro und einem scheinbar harmlosen Gewinn. Jahre später waren die Ersparnisse weg, die Familie belogen und die Verzweiflung so groß, dass selbst eine Straftat oder der eigene Tod plötzlich wie Auswege erschienen. Ein KOSMO-Leser erzählt anonym, wie ihn die Spielsucht beinahe zerstörte – und wie er dennoch zurück ins Leben fand. „Meine Familie hat mir verziehen“, sagt er. „Aber ich weiß nicht, ob sie mir jemals wieder so vertrauen wird wie früher.“

Wir nennen ihn Marko. Auch acht Jahre nach seinem letzten Spiel fällt es ihm schwer, offen über diese Zeit zu sprechen. Nicht, weil er vergessen hätte, was passiert ist. Im Gegenteil: Die Erinnerungen sind noch da. Ebenso die Scham. Seine Geschichte begann nicht mit einem großen Verlust, einem illegalen Hinterzimmer oder einem verzweifelten Kredit. Sie begann mit einem Freund, einem Glücksspielautomaten und einem 50-Euro-Schein.

„Komm, probier es einmal“, sagte sein Freund damals. Marko hatte bis dahin kaum Interesse am Glücksspiel. Dennoch steckte er 50 Euro in den Automaten. Er drückte auf eine Taste, sah die Walzen rotieren und beobachtete, wie Zahlen und Symbole aufleuchteten. Dann gewann er. Als er nach Hause ging, hatte er rund 100 Euro mehr in der Tasche. Rückblickend war dieser Betrag unbedeutend. Entscheidend war etwas anderes.

„Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern. Mein Herz schlug schneller, das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Ich hatte das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Dabei hatte ich überhaupt nichts geleistet. Ich hatte einfach Glück.“ Genau solche frühen Gewinne können den Einstieg in eine Abhängigkeit begünstigen. Das österreichische Gesundheitsportal beschreibt, dass Gewinne zu Beginn starke positive Gefühle auslösen können. Sie erscheinen den Betroffenen als persönlicher Erfolg. In der Folge steigen häufig die Einsätze und damit auch das Risiko.

Jagd nach Verlusten

Zunächst kehrte Marko nur gelegentlich zurück, später mehrmals pro Woche. Aus 20 Euro wurden 50, aus 50 wurden 1000. Mit der Zeit reichten kleinere Einsätze nicht mehr aus, um dasselbe Hochgefühl zu erzeugen. Über die Jahre wuchsen nicht nur die Verluste. Zwischenzeitlich gewann Marko auch erhebliche Summen – einmal mehr als 10.000 Euro. „Für ein paar Minuten war ich der glücklichste Mensch der Welt“, erinnert er sich. „Ich dachte: Jetzt ist alles wieder gut. Jetzt kann ich meine Schulden bezahlen und aufhören.“ Doch er bezahlte die Schulden nicht. Er spielte weiter.

Spätestens vier Wochen später war der gesamte Gewinn wieder weg. Häufig hatte er zusätzlich eigenes Geld verloren. „Heute verstehen viele Menschen nicht, warum ich mit 10.000 Euro Gewinn nicht einfach nach Hause gegangen bin. Ich verstehe die Frage. Aber in diesem Moment denkt man nicht mehr normal. Der Gewinn ist nicht das Ende. Er ist der Beweis, dass der nächste große Gewinn jederzeit wieder kommen könnte.“ Mit der Zeit veränderte sich sein Ziel. Er spielte nicht mehr, um Spaß zu haben oder zusätzliches Geld zu gewinnen. Er spielte, um frühere Verluste auszugleichen.

„Ich wollte immer nur einen Teil meines Geldes zurückholen. Nach jedem Verlust sagte ich mir: Noch ein Versuch. Wenn ich heute 1.000 Euro gewinne, höre ich endgültig auf.“ Doch am nächsten Tag war die Summe, die er „zurückholen“ musste, noch größer. Fachleute sprechen dabei von der Jagd nach Verlusten. Betroffene sind trotz zunehmender Schäden überzeugt, ihr verlorenes Geld durch weiteres Spielen zurückgewinnen zu können. In der sogenannten Verzweiflungsphase häufen sich Lügen, Schulden und familiäre Konflikte; mitunter wird auch die Grenze zu strafbarem Verhalten überschritten.

Nach außen führte Marko ein gewöhnliches Leben. Er arbeitete, hatte Freunde und eine Familie. Niemand wusste, dass er im Hintergrund immer größere Summen verspielte. „Man wird zu einem anderen Menschen“, sagt er. „Ich habe über Dinge gelogen, über die ich früher niemals gelogen hätte. Wo ich war, warum Geld fehlte, warum ich schlecht gelaunt war oder warum ich plötzlich dringend Geld brauchte.“ Er erfand Rechnungen, unerwartete Ausgaben und angebliche finanzielle Engpässe. Freunde liehen ihm Geld, weil sie ihm vertrauten. Seine Frau wusste lange nicht, dass die gemeinsamen Ersparnisse verschwunden waren.

Als das eigene Geld aufgebraucht war, wandte er sich an seine Bank. Solange Einkommen, Bonität und Kreditrahmen es zuließen, erhielt er weitere Finanzierungen. Für Marko bedeutete jeder neue Kredit keinen Neustart, sondern frisches Spielkapital. „Ich sagte mir, dass ich mit einem einzigen Gewinn alles zurückzahlen könnte. Genau deshalb landete ein Teil des Kreditgeldes wieder im Automaten.“ Irgendwann spielte auch die Bank nicht mehr mit. Weitere Kredite wurden abgelehnt. Die offenen Rechnungen blieben, die Raten liefen weiter und das Geld war weg.

Seine Familie bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Marko wurde nervös, zog sich zurück und reagierte gereizt auf Fragen. Dennoch leugnete er das Problem. „Die größte Angst war nicht, noch mehr Geld zu verlieren. Die größte Angst war, dass jemand herausfindet, wer ich wirklich geworden war.“

Was am Glücksspielautomaten begonnen hatte, verlagerte sich mit der Zeit zumindest teilweise ins Internet. Online-Casinos und Wettplattformen machten das Spielen noch zugänglicher. Marko musste nicht mehr in ein Lokal gehen. Ein Mobiltelefon und wenige Klicks genügten. „Früher musste ich zumindest das Haus verlassen. Online gab es keine Sperrstunde. Ich konnte morgens, nachts oder zwischendurch spielen. Niemand sah mich und niemand fragte, warum ich schon wieder dort war.“ Die ständige Verfügbarkeit zählt zu den großen Gefahren digitaler Glücksspielangebote. Laut Weltgesundheitsorganisation ist Online-Glücksspiel beinahe überall und jederzeit zugänglich. Österreichische Fachleute beobachten ebenfalls eine besonders dynamische Entwicklung bei Online-Angeboten und Sportwetten. Gerade die niedrige Zugangsschwelle kann problematisches Verhalten verstärken.

Auch das Gefühl für das eingesetzte Geld veränderte sich. Am Automaten musste Marko noch Scheine aus der Geldbörse nehmen. Online waren es nur noch Zahlen auf einem Bildschirm. „Wenn man 500 Euro in Scheinen auf einen Tisch legt, sieht man, wie viel Geld das ist. Auf dem Handy drückt man auf Einzahlen. Wenige Minuten später ist alles weg.“

Mit den Schulden wuchs die Verzweiflung. Marko schlief schlecht, konnte sich bei der Arbeit kaum konzentrieren und lebte in ständiger Angst, dass seine Frau einen Brief, einen Kontoauszug oder eine offene Forderung entdecken könnte. Als weder eigenes Geld noch weitere Kredite verfügbar waren, erreichte er seinen persönlichen Tiefpunkt. „Ich dachte darüber nach, eine Tankstelle zu überfallen. Nicht, weil ich plötzlich ein Krimineller sein wollte. Ich sah einfach keinen anderen Weg mehr, schnell an Geld zu kommen. In meinem Kopf ging es noch immer darum, wieder spielen und die Verluste zurückholen zu können.“ Er setzte diesen Gedanken nicht um. Doch allein die Tatsache, dass er ernsthaft darüber nachdachte, erschreckte ihn.

Wenig später kamen Suizidgedanken hinzu. „Ich dachte, meine Familie wäre ohne mich vielleicht besser dran. Dann müsste sie meine Lügen nicht mehr ertragen und ich müsste ihnen nicht erzählen, was ich getan hatte.“ Glücksspielsucht ist mit einem stark erhöhten Suizidrisiko verbunden. Die Weltgesundheitsorganisation nennt neben finanziellen Problemen und dem Zerbrechen von Beziehungen auch psychische Erkrankungen und Suizid als mögliche Folgen. Die Gesundheit Österreich GmbH berichtet ebenfalls von Suizidgedanken und Suizidversuchen im Zusammenhang mit pathologischem Glücksspiel.

Weg zurück

Markos Weg aus der Sucht begann nicht mit einem Gewinn. Er begann an dem Tag, an dem er aufhörte zu lügen. Er legte seiner Frau alle Kontoauszüge, Kreditverträge, Mahnungen und offenen Forderungen vor. Zum ersten Mal erzählte er, wie lange er bereits spielte und wie viel Geld verloren gegangen war. „Ich hatte jahrelang Angst vor diesem Gespräch. Als es dann so weit war, war es noch schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Meine Frau war schockiert. Sie weinte und fragte mich immer wieder, wie ich ihr das antun konnte.“ Es gab Streit, Enttäuschung und Wut. Trotzdem war das Geständnis der erste Moment seit Jahren, in dem Marko nicht mehr allein mit seinem Geheimnis war.

Er suchte eine Schuldnerberatung auf, ordnete gemeinsam mit den Beratern seine finanzielle Situation und stellte sich schließlich einem Schuldenregulierungsverfahren – umgangssprachlich Privatkonkurs genannt. Staatlich anerkannte Schuldenberatungsstellen beraten in Österreich kostenlos und flächendeckend. Sie dürfen Betroffene auch in Konkursverfahren vor Gericht vertreten. Der Privatkonkurs löste nicht alle Probleme auf einmal. Er bedeutete Einschränkungen, Disziplin und mehrere Jahre, in denen jeder Euro genau geplant werden musste. Aber zum ersten Mal gab es einen realistischen Weg aus den Schulden. „Es war kein leichter Weg. Aber es war ein Weg. Vorher drehte ich mich nur im Kreis.“

Heute spielt Marko seit acht Jahren nicht mehr. Seine finanzielle Situation ist geordnet, sein Alltag stabil. Dennoch sind die Folgen geblieben. „Meine Familie hat mir verziehen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Aber Vertrauen ist wie Glas. Man kann es kleben, doch die Bruchstellen bleiben sichtbar.“ Bei größeren Ausgaben wird bis heute genauer nachgefragt. Finanzielle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Manchmal spürt Marko, dass seine Frau unsicher wird, wenn er länger nicht erreichbar ist oder unerwartet Bargeld benötigt. „Ich kann ihr das nicht vorwerfen. Ich habe jahrelang gelogen. Sie muss nicht so tun, als wäre nie etwas passiert, nur damit ich mich besser fühle.“

Auch die Scham ist nicht vollständig verschwunden. Sie ist der Grund, warum er anonym bleiben möchte. Gleichzeitig ist sie der Grund, warum er seine Geschichte erzählt. Markos Geschichte ist kein Einzelfall. Nach dem im April 2026 veröffentlichten österreichischen Epidemiologiebericht nimmt rund die Hälfte der Bevölkerung ab 15 Jahren zumindest einmal jährlich an Glücksspielen oder Sportwetten teil. Etwa vier Prozent – rund 300.000 Menschen – erfüllen die Kriterien für zumindest eine milde Form pathologischen Glücksspielverhaltens. Bei ungefähr einem Prozent wird eine schwere Form festgestellt.

Besonders riskant sind Glücksspielautomaten, Sportwetten und Poker. Unter den Menschen, die die jeweilige Spielform nutzen, wurde schweres pathologisches Spielverhalten bei rund 14 Prozent der Automatenspieler, acht Prozent der Sportwetter und 20 Prozent der Pokerspieler festgestellt. Bei behandelten Personen liegt die Verschuldung laut Gesundheit Österreich im Median bei rund 28.000 Euro. Männer und jüngere Menschen weisen ein erhöhtes Risiko auf. Gleichzeitig verhindern gerade Scham und Angst vor Verurteilung häufig, dass Betroffene frühzeitig Hilfe suchen.

Marko möchte vor allem jene Männer erreichen, die nach außen funktionieren, während sie im Geheimen spielen, Schulden machen und ihre Familie belügen. „Du denkst vielleicht, du brauchst nur noch einen großen Gewinn. Du glaubst, dass danach alles wieder gut wird. Aber genau dieser Gedanke hält dich im Spiel.“ Natürlich können Menschen beim Glücksspiel kurzfristig gewinnen. Auch Marko gewann hohe Summen. Doch kein einzelner Gewinn änderte sein Verhalten. Im Gegenteil: Jeder Gewinn gab ihm einen neuen Grund weiterzumachen.

„Ich habe jahrelang versucht, verlorenes Geld zurückzuholen. Am Ende verlor ich nicht nur noch mehr Geld. Ich verlor meine Ehrlichkeit, meine Ruhe und beinahe meine Familie.“ Sein wichtigster Rat lautet deshalb nicht, bessere Limits festzulegen, vorsichtiger zu spielen oder nach einem Gewinn rechtzeitig aufzuhören. „Wenn du nicht mehr selbst entscheiden kannst, wann Schluss ist, dann brauchst du Hilfe. Nicht morgen und nicht nach dem nächsten Gewinn. HEUTE.“ Das verlorene Geld müsse man irgendwann als verloren akzeptieren, sagt Marko. Das sei schmerzhaft, aber notwendig.

„Mein erster echter Gewinn war nicht das Geld, das ich am Automaten gewonnen hatte. Mein erster echter Gewinn war der Tag, an dem ich die Wahrheit gesagt und nicht mehr gespielt habe.“

Die österreichische Spielsuchthilfe bietet Betroffenen und Angehörigen kostenlose und vertrauliche Beratung, Therapie und Betreuung. Die Hilfe kann auf Wunsch anonym und österreichweit in Anspruch genommen werden. Staatlich anerkannte Schuldenberatungsstellen beraten kostenlos in allen Bundesländern und unterstützen auch bei einem möglichen Privatkonkurs. Wer sich in einer seelischen Krise befindet oder Suizidgedanken hat, erreicht die Telefonseelsorge unter 142 rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich. Bei akuter Selbstgefährdung sind sofort die Rettung unter 144 oder der Euronotruf unter 112 zu verständigen.

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KO KOSMO-Redaktion
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