In Wien produziert, quer durch Europa verschickt: Ein Untergrundlabor lieferte verbotene Substanzen im industriellen Ausmaß.
Im Rahmen der europaweit koordinierten „Operation SHIELD VI“ – durchgeführt unter der Leitung von Europol in 30 Staaten und unterstützt durch OLAF, EUIPO, Frontex, INTERPOL sowie die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA – wurden zwischen April und November des Vorjahres 3.354 Verdächtige identifiziert und Waren im Gesamtwert von rund 33 Millionen Euro sichergestellt. Die Aktion richtete sich gegen den illegalen Handel mit Arzneimitteln und leistungssteigernden Substanzen – auch Österreich war Teil der Operation.
Wiener Untergrundlabor
In Wien hoben die Behörden ein Untergrundlabor aus, in dem unter nicht sterilen Bedingungen anabole Steroide und sogenannte SARMs produziert wurden. Wie das Bundeskriminalamt am Mittwoch bekannt gab, waren in dem Labor fachfremde Personen tätig, die Arzneimittel abfüllten, verkapselten, etikettierten und für den Versand in andere europäische Länder vorbereiteten. Als Zieldestinationen wurden unter anderem Deutschland, Tschechien, Italien, Spanien und die Schweiz genannt.
Im Zuge einer Hausdurchsuchung stellten die Ermittler die verbotenen Substanzen in Kanistern und Säcken sicher. Darüber hinaus wurden umfangreiche Produktions- und Verpackungsmaterialien beschlagnahmt – darunter Millionen leerer Kapseln, Streckmittel, Pipetten, Etikettenrollen samt Drucker sowie Kapselfüllmaschinen. Die Rohsubstanzen und Hilfsstoffe waren zuvor aus Großbritannien nach Österreich geliefert worden.
Bereits die vorläufige Auswertung der sichergestellten elektronischen Beweismittel belegt den Versand von 3.602 Flaschen verbotener SARMs (Selektive Androgenrezeptor-Modulatoren), darunter MK-677 (Ibutamoren), MK-2866 (Ostarine), RAD-140 (Testolone) und Dianabol, so das Bundeskriminalamt. Diese Substanzen sind laut der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur der Kategorie S1 (anabole Stoffe) zugeordnet und sowohl im als auch außerhalb des Wettkampfs untersagt. Die gesetzlich festgelegte Grenzmenge nach der Anti-Doping-Grenzmengenverordnung wurde demnach um das 100.000-Fache überschritten, der potenziell erzielbare Umsatz lag knapp unter einer Million Euro. Die Beschuldigten wurden bei der Staatsanwaltschaft Wien angezeigt.
Millionenfache Beschlagnahmungen
Im Fokus der Ermittler standen ge- und verfälschte Arzneimittel, illegale Lebens- und Sportnahrungsergänzungsmittel, gefälschte Hygieneartikel und Medizinprodukte sowie der Handel mit anabolen androgenen Steroiden und anderen leistungssteigernden Substanzen. Bei Razzien wurden außerdem 71.610 Packungen an Medizinprodukten, 48.531 Packungen an Nahrungsergänzungsmitteln, 17.389 Packungen illegal verschriebener Medikamente, 13.050 Euro in bar sowie mehrere Waffen beschlagnahmt.
Das Bundeskriminalamt verwies in diesem Zusammenhang erneut auf die erheblichen Risiken durch gefälschte Arzneimittel, die die Operation einmal mehr verdeutlicht habe. Als besonders besorgniserregend wurden Fälschungen auf Semaglutid-Basis, die als Schlankheitsmittel vertrieben werden, sowie Präparate mit hochpotenten synthetischen Substanzen wie Nitazenen (synthetische Opioide) hervorgehoben, die legitimen Opioiden ähneln. „Arzneimittelkriminalität gefährdet die öffentliche Gesundheit, unterwandert legale Lieferketten und finanziert organisierte Kriminalität“, so das Bundeskriminalamt.
„Soziale Medien, Online-Marktplätze und das Dark Web spielen dabei eine zentrale Rolle.“