In Russland werden Reisepässe zur Mangelware – und die Gründe dafür reichen tiefer als überlastete Behörden.
Wer in Russland einen Reisepass beantragen möchte, muss sich derzeit auf erhebliche Wartezeiten einstellen. Das Interesse an einer Ausreise aus dem Land ist zuletzt deutlich gestiegen – doch Termine beim Innenministerium zur Beantragung oder Abholung von Reisedokumenten sind kaum zu bekommen. Sowohl russische Medien als auch Nutzer sozialer Netzwerke berichten von dieser Lage, bestätigt durch eine Auswertung des Portals „Gosusluzhby“, die das russische Medium „Verstka“ vorgenommen hat.
Die Engpässe bei der Ausstellung von Reisedokumenten fallen zeitlich mit einem merklich gestiegenen Interesse an Auswanderung zusammen. Anhand von Google-Trends-Daten hat „Verstka“ nachgezeichnet, dass Suchanfragen zum Thema „Russland verlassen“ im Februar dieses Jahres 2,5-mal häufiger gestellt wurden als noch im Februar 2025. Im März setzte sich dieser Anstieg fort.
Überlastete Behörden
Als ein Journalist in Moskau versuchte, einen biometrischen Reisepass zu beantragen, wurde ihm keine einzige Behördenstelle als „frei“ oder „mäßig ausgelastet“ angezeigt. Sämtliche der mehr als hundert Stellen galten als „stark ausgelastet“, verbunden mit einem Hinweis auf die Schwierigkeit, überhaupt einen Termin zu erhalten. Dieses Bild beschränkt sich nicht auf die Hauptstadt: Auch in St. Petersburg, Jekaterinburg, Kasan und Krasnodar stellte sich die Situation ähnlich dar.
Aus den sozialen Netzwerken kommen ähnliche Schilderungen. Eine Nutzerin auf Threads berichtete, dass sie und ihr Mann seit Dezember des vergangenen Jahres in Moskau keine Dokumente mehr beantragen konnten. Ekaterina aus Jekaterinburg schilderte, dass sie ihren Reisepass seit dem 4. März „wegen der riesigen Warteschlangen“ nicht abholen konnte.
Dieser Trend verstärkt sich vor dem Hintergrund einer Reihe beunruhigender Entwicklungen: einer sich eintrübenden Wirtschaftslage, Internetbeschränkungen in Moskau und anderen Regionen, der Rekrutierung von Studierenden für die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium sowie anhaltender Gerüchte über eine mögliche neue Mobilisierungswelle. Analysen sozialer Netzwerke zeigen, dass zahlreiche Nutzer die Internetsperren als Vorboten weiterer unpopulärer Maßnahmen des Kremls deuten.
Offiziell weisen die Behörden derartige Befürchtungen zurück und erklären, es gebe keinen Personalmangel bei den Streitkräften. Gleichzeitig ist der Präsidialerlass vom 21. September 2022 „Über die Ankündigung der Teilmobilisierung in der Russischen Föderation“ bis heute nicht aufgehoben und bleibt rechtsgültig. Eine kürzlich vom Nachrichtenkanal Meduza durchgeführte Umfrage ergab, dass mehrere Befragte angaben, das Land verlassen zu wollen – darunter auch Frauen, die nicht der Wehrpflicht unterliegen.
Rückkehr und Reisepässe
In sozialen Netzwerken häufen sich Vergleiche zwischen der aktuellen Lage in Russland und jener in Nordkorea oder China. Befeuert wird diese Stimmung auch durch die Ankündigung von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, der die russische Bevölkerung auf längere Stromausfälle vorbereiten ließ. Der Kreml begründete dies laut einem Bericht des Senders RBC mit Sicherheitsinteressen, da die Ukraine „immer raffiniertere Methoden für Angriffe“ anwende.
Das Land dauerhaft zu verlassen ist ein komplexes und aufwendiges Vorhaben, das erhebliche Vorbereitung erfordert. Nicht zufällig sind viele jener, die im Zuge der Mobilisierung ausgereist waren, inzwischen zurückgekehrt. Die Behörden sprechen von „fast der Hälfte“ der Rückkehrer bis zum Winter 2025, Experten des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung gehen hingegen von rund zehn Prozent aus.
Als Gründe für die Rückkehr nannten Betroffene unter anderem in Russland verbliebene Angehörige, fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten am neuen Aufenthaltsort sowie Schwierigkeiten bei der Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen im Ausland. Russische Staatsbürger mit gültigem Reisepass können visumfrei in rund hundert Länder einreisen – darunter GUS-Staaten sowie Thailand, die Türkei, Montenegro und Vietnam. Doch diese Option steht nicht allen offen: Im vergangenen Sommer ermittelte der Dienst „Kupibilet“, dass 47 Prozent der Bürger kein Ausreisedokument besitzen, 29 Prozent noch nie eines hatten und 22 Prozent nur abgelaufene Dokumente vorweisen können.