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Informationsblockade

Informations-Blackout: Warum niemand weiß, was im Iran wirklich passiert

Informations-Blackout: Warum niemand weiß, was im Iran wirklich passiert
FOTO: Screenshot X
5 Min. Lesezeit |

Während im Iran die Proteste anhalten, schafft die Regierung ein gefährliches Informationsvakuum. Die Internetblockade macht Fakten zur Mangelware und Desinformation zum Alltag.

Im Iran dauern die Proteste gegen das Regime bereits seit mehr als zwei Wochen an. Aus zahlreichen Städten und Ortschaften werden Demonstrationen gemeldet. Die Verifizierung der in sozialen Netzwerken zirkulierenden Videos und Fotos gestaltet sich jedoch als nahezu unmöglich: Seit etwa einer Woche blockiert die iranische Regierung weitgehend den Internetzugang im Land, wodurch der Informationsfluss massiv eingeschränkt bleibt. Ausländischen Medien ist die Berichterstattung praktisch unmöglich gemacht. Iraner, die es dennoch wagen, die Proteste zu dokumentieren, setzen ihre persönliche Sicherheit aufs Spiel. Diese Umstände schaffen ein gefährliches Informationsvakuum.

Die Kommunikationsblockade geht weit über das Internet hinaus. Auch Telefongespräche oder der Versand von SMS sind kaum noch möglich. Internationale Anrufe konnten nach mehrtägigen vollständigen Unterbrechungen nur noch sporadisch durchgeführt werden. Diese systematischen Einschränkungen bestimmen maßgeblich, welche Bilder überhaupt ein Publikum innerhalb und außerhalb des Landes erreichen können. Das entstandene Informationsvakuum bietet einen idealen Nährboden für gezielte Desinformation.

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Gefälschte Protestvideos

Der DW Faktencheck hat mehrere Beispiele untersucht. Ein besonders verbreitetes Video zeigt eine große Menschenmenge, die nachts eine Straße entlangzieht, wobei die Teilnehmer ihre Smartphone-Taschenlampen eingeschaltet haben – angeblich aktuelle Aufnahmen der iranischen Proteste. „Die Regierung hat die Straßenbeleuchtung abgeschaltet, um das Ausmaß der Proteste zu verbergen, aber alle haben ihre Handylichter genutzt, um zu zeigen, dass sie da sind“, behauptet ein Facebook-Beitrag, der mehr als 770.000 Mal aufgerufen wurde. Zahlreiche Nutzer teilen das Material mit ähnlichen Behauptungen.

Das Ergebnis des DW Faktenchecks: Es handelt sich um eine Fälschung. Die Aufnahme weist typische Merkmale eines KI-generierten Videos auf: Vogelperspektive, fehlende Gesichter und auffällig gleichmäßig wirkende Lichtpunkte. Im zweiten Teil des Videos erscheinen Hände und Handys unnatürlich. Eine Instagram-Nutzerin bestätigte schließlich, das Video mittels KI erstellt zu haben – „inspiriert“ von den Protesten. Ihr Beitrag wurde über 60 Millionen Mal angesehen. Viele, die das Material weiterverbreiten, kennzeichnen es jedoch nicht mehr als KI-generiert.

Es kursieren weitere Videos, die angeblich die Proteste dokumentieren, deren Authentizität jedoch aufgrund der Internetblockade kaum zu überprüfen ist. „Es handelt sich um eine vollständige Abschaltung“, erklärt Farhad Souzanchi, Chefredakteur von Factnameh, einer aus Kanada betriebenen Faktencheck-Plattform, die sich auf Behauptungen aus und zum Iran spezialisiert hat. „Die Verifizierung bestimmter Videos, die aus dem Iran nach außen gelangen, gestaltet sich äußerst schwierig. Man muss Inhalte abgleichen und nach Querverweisen suchen.“

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Alte Aufnahmen recycelt

Da authentisches Material rar ist, tauchen im Netz vermehrt ältere Aufnahmen auf, die als aktuell deklariert werden – ein Muster, das in Krisensituationen regelmäßig zu beobachten ist. Ein in sozialen Netzwerken verbreitetes Video zeigt beispielsweise einen Mann, der eine Flagge von einem Gebäude reißt, was angeblich mit den aktuellen Protesten im Iran zusammenhängt. „Die Demonstranten, mutige Patrioten im Iran, haben ein Hauptquartier der IRGC (die Islamische Revolutionsgarde) übernommen und die Flagge der Republik entfernt“, behauptet ein Nutzer auf X in spanischer Sprache.

Der DW Faktencheck kommt zu einem klaren Ergebnis: Die Behauptung ist falsch. Eine Bilderrückwärtssuche belegt, dass das Video älter ist und bereits im Zusammenhang mit Protesten in Nepal im September 2025 geteilt wurde. Zudem tragen die Menschen sommerliche Kleidung – was nicht zu den aktuellen Temperaturen im Iran passt. Frühere Beiträge identifizieren den Ort als Hauptquartier der Nepalesischen Kommunistischen Partei. Die Wiederverwendung dieses Videos im Kontext der iranischen Proteste exemplifiziert, wie altes Material aus dem Zusammenhang gerissen wird, wenn aktuelle Aufnahmen fehlen.

Während Anti-Regime-Bilder schwer zu verifizieren sind, lassen sich Aufnahmen von regimetreuen Kundgebungen deutlich einfacher bestätigen. Viele dieser Veranstaltungen fanden öffentlich statt, teilweise mit deutlich sichtbarer Präsenz von Sicherheitskräften. Bildmaterial davon wurde sowohl von staatlichen Medien als auch internationalen Fotoagenturen verbreitet. Doch solche Bilder vermitteln kein vollständiges Bild der Hintergründe. „Es handelt sich um staatlich organisierte und genehmigte Kundgebungen mit umfassendem Schutz“, erläutert Souzanchi. Er bezeichnet diese Veranstaltungen als „hochgradig propagandistisch“.

Neben authentischen Aufnahmen solcher Kundgebungen kursieren auch Pro-Regime-Videos, die die Realität verzerren. Es ist nicht das erste Mal, dass der Iran mit größeren Protesten konfrontiert ist. Nach Einschätzung der Experten, mit denen der DW Faktencheck sprach, ist das Regime mit Methoden der Desinformation und Manipulation bestens vertraut. Zu Beginn der jüngsten Protestwelle verhielt sich das Regime jedoch überraschend zurückhaltend, wie Faktenchecker Souzanchi bemerkt. Es habe den Anschein erweckt, als sei bei den Behörden „eine gewisse Verwirrung spürbar“ und „das Fehlen einer Strategie“ erkennbar gewesen.

Bazoobandi bestätigt diese Einschätzung und fügt hinzu, einige Reaktionsmethoden des Regimes auf diese Proteste seien „sehr fehlerbehaftet“ und „meiner Meinung nach hastig ausgewählt“ gewesen.