Heiße Sommer, alte Mauern – der Wiener Gemeindebau steht vor einer Wende, die nicht alle gleich trifft.
Ab sofort können Bewohnerinnen und Bewohner des Wiener Gemeindebaus unter bestimmten Bedingungen Klimaanlagen in ihren Wohnungen installieren lassen. Wiener Wohnen hat entsprechende Regelungen geschaffen, die den Einbau solcher Geräte unter klar festgelegten Voraussetzungen gestatten. Bisher war eine solche Genehmigung nur in eng begrenzten Ausnahmesituationen möglich und für den Großteil der Mieterschaft de facto nicht zugänglich.
Hintergrund der Neuregelung sind die spürbar gestiegenen Sommertemperaturen und die damit verbundene wachsende Wärmebelastung in Wohnräumen. Ein erheblicher Teil des Gemeindebaubestands stammt aus früheren Jahrzehnten und wird im Rahmen laufender Sanierungsprogramme schrittweise an technische, energetische und gesellschaftliche Anforderungen der Gegenwart angepasst. Im Wiener Gemeindebau leben rund 500.000 Menschen in etwa 220.000 Gemeindewohnungen, womit Wiener Wohnen als größte kommunale Hausverwaltung Europas gilt.
Die Anschaffung einer Klimaanlage bleibt dennoch eine persönliche Entscheidung: Kaufpreis, Einbaukosten sowie der erhöhte Stromverbrauch liegen weiterhin im Verantwortungsbereich der Mieterinnen und Mieter. Wer finanziell in der Lage ist, eine solche Anlage anzuschaffen, kann seine Wohnsituation unmittelbar verbessern. Wer die nötigen Mittel nicht aufbringen kann, bleibt von dieser Möglichkeit vorerst ausgeschlossen.
Strukturelle Weichenstellung
Die Kammer der Ziviltechniker für Wien, Niederösterreich und Burgenland bewertet den Schritt grundsätzlich positiv, mahnt jedoch zu einem breiteren Blickwinkel. „Die Diskussion um Klimatisierung darf nicht allein auf individuelle Geräte reduziert werden, sondern muss noch stärker mit Fragen nachhaltiger Gebäudesanierung, erneuerbarer Energieversorgung und klimawirksamer Stadtplanung verknüpft werden“, sagt Kammerpräsident Bernhard Sommer.
Eine zentrale Frage lautet laut Sommer, ob die Verantwortung für klimafitte Energieinfrastruktur nicht stärker bei der Eigentümerin, also der Stadt Wien, liegen müsste. Denkbar wären etwa zentrale Lösungen mit erneuerbarer Energieversorgung oder gezieltere Sanierungen, die den Kühlbedarf langfristig weiter reduzieren.
Aus Sicht der Kammer steht der Wiener Gemeindebau damit vor einer strukturellen Weichenstellung. Standen in der Vergangenheit leistbarer Wohnraum und hygienische Mindeststandards im Vordergrund, gewinnt nun die Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen an Gewicht. Langfristig gehe es darum, klimafreundliche und energieeffiziente Lösungen zu entwickeln, die gleichzeitig wirtschaftlich leistbar bleiben.