Europas Gefängnisse füllen sich wieder: Nach einem Corona-bedingten Rückgang sitzen nun fast 500.000 Menschen hinter Gittern – in manchen Ländern herrscht dramatische Überbelegung.
Die Zahl der Inhaftierten in der Europäischen Union ist wieder auf dem Vormarsch. Im vergangenen Jahr saßen rund 499.000 Menschen hinter Gittern. Umgerechnet auf die Bevölkerung bedeutet das: Pro 100.000 EU-Bürger befinden sich 111 Personen in Haft.
Blickt man auf die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte, zeigt sich ein wechselhaftes Bild. Den Höchststand erreichten die Inhaftierungszahlen 2012 mit 553.000 Gefangenen. Nach einer Stabilisierungsphase zwischen 2017 und 2019 folgte mit Beginn der Corona-Pandemie ein deutlicher Rückgang um 6,6 Prozent auf 463.000 Häftlinge. Seither steigen die Zahlen wieder kontinuierlich an – seit 2021 um insgesamt 7,7 Prozent.
Dramatische Überbelegung
Besonders problematisch: In 13 EU-Staaten herrscht mittlerweile Überbelegung in den Gefängnissen. Die Situation ist vor allem in Zypern dramatisch, wo die Belegungsrate bei 226,2 Prozent liegt – die Haftanstalten beherbergen also mehr als doppelt so viele Menschen wie vorgesehen. Auch Frankreich (122,9 Prozent) und Italien (119,1 Prozent) kämpfen mit überfüllten Zellen.
Am entspanntesten ist die Lage in Estland, wo die Gefängnisse nur zu 56,2 Prozent ausgelastet sind, gefolgt von Luxemburg (60,8 Prozent) und Bulgarien (67,7 Prozent).
Ländervergleich EU
Im Ländervergleich führt Polen die Statistik an: Mit 203 Inhaftierten pro 100.000 Einwohner weist das Land die höchste Häftlingsquote in der EU auf. Dahinter folgen Ungarn (187) und Tschechien (181). Am anderen Ende der Skala steht Finnland mit nur 53 Gefangenen pro 100.000 Einwohner.
Auch die Niederlande (66) und Slowenien (68) setzen vergleichsweise selten auf Freiheitsstrafen.
Finnlands und Niederlande als Vorbilder
Der Erfolg in Finnland und den Niederlanden basiert auf einer konsequenten Umsetzung von Alternativen zur Haft. Bewährungsmaßnahmen, gemeinnützige Arbeit und eine ausgeprägte Fokussierung auf Resozialisierung halten die Inhaftierungsquoten seit Jahren auf sehr niedrigem Niveau. Beide Länder setzen zudem überwiegend auf kurze Haftstrafen und investieren gezielt in Programme zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft, was sich in deutlich niedrigeren Rückfallquoten widerspiegelt.
Herausforderung für Österreich
In Österreich stellt sich eine besondere Situation: Im April 2025 waren 51 Prozent der Häftlinge Ausländer, davon 19,4 Prozent aus anderen EU-Staaten und knapp 32 Prozent aus Drittstaaten. Diese Verteilung schafft zusätzliche Komplexität für den heimischen Strafvollzug, insbesondere bei Resozialisierungsmaßnahmen und der Frage nach Rückführungen in die Herkunftsländer.