Bogner-Strauß: „Man muss Frauen Mut machen, aus der Gewaltspirale auszubrechen“

INTERVIEW

Bogner-Strauß: „Man muss Frauen Mut machen, aus der Gewaltspirale auszubrechen“

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(FOTO: Amel Topčagić)

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Wir sprachen mit Bundesministerin Juliane Bogner-Strauß über Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen, die umstrittene Indexierung der Familienbeihilfe sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

KOSMO: Derzeit ist die Indexierung der Familienbeihilfe in aller Munde. Weshalb ist diese Indexierung, Ihrer Meinung nach, der richtige Weg?
Juliane Bogner-Strauß: Mir persönlich geht es hierbei um Gerechtigkeit. Dass die Indexierung der Familienleistungen ursprünglich eine Idee der EU war, ist die eine Seite. Aus diesem Grund herrscht bei mir auch ein gewisses Unverständnis, weshalb viele Mitgliedstaaten, die damals zugestimmt haben, diese nun hinterfragen. Damals wäre es zudem nicht nur eine Indexierung auf die Lebenserhaltungskosten, sondern auch auf die Familienbeihilfe gewesen, die im Ursprungsland ausgezahlt wird. Es wäre also eine doppelte Indexierung. Unterm Strich hätte man viel weniger herausbekommen als dies nun beim österreichischen Modell der Fall ist. Eine Indexierung ist für mich ganz klar, da die Lebenserhaltungskosten unterschiedlich sind und die Familienbeihilfe dafür da ist, einen partiellen Teil der Kosten für die Kinder zu ersetzen. Mit der Indexierung auf auf Basis der Eurostat-Statistik ist dies einfach gerecht. Andererseits würde ein Kind in Österreich viel weniger ersetzt bekommen als ein Kind in einem Land, wo die Lebenshaltungskosten um einiges niedriger als hierzulande sind. Wir behandeln somit alle Kinder gleich, unabhängig davon, woher sie kommen – nur abhängig davon, wo sie leben.

Rumänien ist einer der lautstärksten Kritiker hinsichtlich der Indexierung und drohte mit einer Klage. Nun leitet auch die EU ein Verfahren gegen Österreich ein. Wie geht es nun weiter, bzw. wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Was hier besonders wichtig ist, dass Österreich das gesamte Thema nun EU-weit zur Sprache bringt. Es gibt ja schließlich auch Länder, die Slowakei und Polen zum Beispiel, die überhaupt keine Familienbeihilfe exportieren. Kindergeld wird dort nur im Land ausbezahlt, bzw. nur an jene Familien ausbezahlt, in welchen alle Mitglieder in einem Haushalt leben. Wenn man in Europa von Gerechtigkeit und Fairness sprechen möchte, so wäre es auch gut, wenn sich die EU alle Mitgliedstaaten anschaut.

„Wir haben uns intensiv seit acht oder neun Monaten mit den Themen beschäftig, noch bevor es, leider, zu den Frauenmorden kam“, entgegnete die Bundesministerin den Vorwürfen der Opposition.

Gewalt in der Familie, bzw. Frauenhäuser werden zurzeit stark diskutiert. Wo sehen Sie diesbezüglich die größten Lücken bzw. Nachholbedarf?
Hier muss man zwei Seiten sehen. Die erste ist die Bewusstseinsbildung. Man muss Frauen Mut machen, aus der Gewaltspiral auszubrechen. Dafür, dass Frauen lange darin gefangen sind, gibt es mehrere Gründe. Oftmals haben sie alleine nicht genug Geld, um alleine leben zu können. Es ist mir ein großes Anliegen, dass Frauen danach trachten, einen eigenen Job zu haben und damit wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Partner zu erreichen. Wenn man schon anfangen muss zu überlegen, ob ich alleine überhaupt finanziell über die Runden kommen kann, dann ist das ein Grund, der einen davon abhält, die Beziehung zu verlassen. Außerdem ist es wichtig, Frauen schwierigen Situationen zu stärken und ihnen rasch zu helfen. Derzeit haben wir eine Frauen-Help-Line, eine zehnstellige Nummer. Eine Nummer, die nur schwer zu merken ist, wenn man sie sich nicht ständig einprägt und nicht nutzt. Aus diesem Grund wird es eine neue, dreistellige Nummer wie jene der Polizei, Feuerwehr und Rettung geben. Vor allem in Stresssituationen muss die Nummer eine einfache und schnell zu merkende sein. Von diesem Frauennotruf wird man dann dorthin weitergeleitet, wo man die notwendige Hilfe bekommt.

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Bogner-Strauß ist überzeugt, dass Sprache der Schlüssel für Integration ist. Ohne Sprache habe man es auf dem Arbeitsmarkt schwer und man sei wirtschaftlich Abhängig vom Partner. (FOTO: Amel Topčagić)

Gibt es in Österreich wirklich zu wenig Frauenhausplätze, wie dies von einigen Politikern kritisiert wird?
Generell sind wir in Österreich diesbezüglich sehr gut aufgestellt und Tirol und Wien bekommen jeweils ein neues Frauenhaus. Ein Problem hierbei ist jedoch, dass das Frauenhaus im eigenen Bundesland oftmals nicht weit genug vom Täter entfernt ist. Es ist mir daher wichtig, dass auch bundeslandübergreifend agiert wird. Derzeit gibt es bilaterale Abkommen zwischen zwei oder drei Bundesländern, jedoch gestaltet sich das Ganze in der Praxis immer noch schwierig. Ich habe bereits mit allen zuständigen Landesrätinnen über dieses Problem gesprochen. Ein weiterer Punkt ist jener der Übergangswohnungen. Betroffene bleiben oftmals viel länger als notwendig in Frauenhäusern, auch wenn sie nicht mehr von akuter Gewalt betroffen sind. Gleichzeitig haben viele wiederum nicht die wirtschaftliche Möglichkeit, sich eine eigene Wohnung zu leisten. Daher sind Übergangswohnungen so essentiell, um Frauen dabei zu helfen, wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Frauenhäuser sind großartig in Notsituationen, jedoch muss man Frauen auch dabei unterstützen, wieder in den Alltag zurückzufinden.

Wie stellt man sich diese Übergangswohnungen in der Praxis vor?
Eine Idee wäre es, gemeinnützigen Wohnbau dafür zu nützen. Diese Wohnungen würde dann vom Land – eventuell mit Unterstützung des Bundes – zur Verfügung gestellt. Mit dem Budget meines Ressorts würde die Betreuung und Beratung der Betroffenen finanziert. Ebenso setze ich mehr sehr dafür ein, dass das Thema Gewalt in der Familie in der Schule noch mehr diskutiert wird und man dort auch auf kulturelle Unterschiede eingeht. Auch wenn dies bereits Teilweise in den Unterrichtsplänen umgesetzt ist, so möchte ich noch mehr Fokus auf das Thema gewaltfreie Beziehung in der Erziehung legen.

Was die österreichische Familen- und Frauenministerin zum Thema Cyber-Mobbing, den Frauenmorden und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sagen hat, lest ihr auf der zweiten Seite!

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien der gebürtige Wiener bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.