Mehrere Warnungen, ein Angriff, Tausende Opfer und ein Premier, dem schwere Versäumnisse vorgeworfen werden.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert: Mehrere Warnungen vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober soll er ignoriert haben. Im laufenden Wahlkampf gerät der 76-Jährige dadurch zunehmend unter Druck.
Ignorierte Warnungen
Bereits etwa zehn Tage vor dem Angriff soll Mohammed bin Zayed Al Nahyan, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Netanjahu telefonisch über die Pläne der Hamas in Kenntnis gesetzt haben. Parallel dazu warnte Ägyptens Geheimdienstchef Abbas Kamel vor einer „schrecklichen Operation“ der Terrororganisation.
Am 1. Oktober informierte Shin-Bet-Chef Ronen Bar den Premier über eine drohende, außergewöhnlich schwere Attacke und empfahl gezielte Maßnahmen gegen Hamas-Führungspersonen – ein Vorschlag, den Netanjahu ablehnte. Sein Büro bestreitet hingegen, dass eine Warnung seitens der Vereinigten Arabischen Emirate überhaupt eingegangen sei.
Öffentlicher Druck
Die Enthüllungen, die im Buch „Kidnapped: 843 Days of Abandonment“ der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval dokumentiert sind, haben in der israelischen Öffentlichkeit tiefe Erschütterung ausgelöst. Ruby Chen, dessen Sohn Itay, ein israelischer Soldat, beim Angriff ums Leben kam – seine sterblichen Überreste wurden im November 2025 nach Israel überführt –, verlangt eine unabhängige Untersuchung der Vorgänge.
„Was wäre gewesen, wenn an diesem Morgen doppelt oder dreimal so viele Soldaten dort gewesen wären? Vielleicht hätte es deutlich weniger Opfer gegeben“, sagte Chen. Auch aus der Opposition kommt scharfe Kritik: Yonatan Shalev von der Partei B’Yachad erhebt schwere Anschuldigungen gegen den Premier. „Netanjahu persönlich trägt unmittelbare Verantwortung dafür, eine eindeutige Warnung ignoriert, die Führung der Sicherheitsbehörden nicht alarmiert und das Land nicht vorbereitet zu haben“, so Shalev.
Mit den Parlamentswahlen am 27. Oktober rückt die Debatte in ein politisch brisantes Umfeld. Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot, einer der prominentesten Kritiker Netanjahus, bringt es pointiert auf den Punkt: „Netanjahu hat Dutzende Warnungen vor dem 7. Oktober erhalten und hat sie alle ignoriert.“
Die Regierung weist die Vorwürfe entschieden zurück und lehnt die Einrichtung einer staatlichen Untersuchungskommission ab. Militärhistoriker Danny Orbach mahnt indes zur differenzierten Betrachtung: „Auch die Sicherheitsbehörden müssen sich fragen lassen, warum sie ihre Einsatzbereitschaft trotz eigener Warnungen nicht erhöht haben.“