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Kriegsverbrechen

Menschenjagd in Sarajevo: Hausdurchsuchung bei 80-jährigem Italiener

Menschenjagd in Sarajevo: Hausdurchsuchung bei 80-jährigem Italiener
FOTO: EPA/FEHIM DEMIR
3 Min. Lesezeit |

Reiche Westeuropäer sollen in Sarajevo für das Töten von Zivilisten bezahlt haben. Italienische Ermittler verfolgen nun die Spur der „Menschen-Safaris“ während der Belagerung.

Die blutige Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1996 gilt als längste des 20. Jahrhunderts. Täglich waren mehr als 300.000 Menschen dem Beschuss durch Artilleriegranaten, Infanterieangriffe und das Feuer serbischer Scharfschützen ausgesetzt, die auf den umliegenden Hügeln positioniert waren. Die Bilanz: über 13.000 Todesopfer in Sarajevo, darunter 1.600 Kinder. Nun verdichten sich die Hinweise, dass neben bosnisch-serbischen Soldaten offenbar auch wohlhabende Westeuropäer gegen Bezahlung gezielt Zivilisten ins Visier nahmen.

In Italien sorgt die Affäre um die sogenannten „Menschen-Safaris“ im belagerten Sarajevo seit Wochen für erhebliches Aufsehen. Die Staatsanwaltschaft Mailand leitete Ende November nach einer Anzeige des italienischen Autors Ezio Gavazzeni Ermittlungen ein. Dieser behauptet, dass zahlreiche vermögende Personen aus westlichen Ländern, vorwiegend aus Italien, damals gegen hohe Geldsummen Kurzreisen nach Sarajevo unternommen hätten, um dort systematisch Jagd auf Zivilisten – Kinder, Frauen und Männer – zu machen.

Gavazzeni gibt an, einige Namen mutmaßlicher italienischer Beteiligter zu kennen und dass viele dieser Reisen von Triest aus organisiert worden seien.

Erste Verhaftung

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Mailand gegen einen 80-jährigen ehemaligen Lastwagenfahrer aus der norditalienischen Provinz Pordenone. Die Anklage lautet auf vorsätzlichen Mord unter erschwerenden Umständen der Grausamkeit und Niedertracht. Laut Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte zwischen 1992 und 1995 wehrlose Zivilisten – darunter Frauen, ältere Menschen und Kinder – „durch Schüsse aus Scharfschützengewehren von den Hügeln rund um Sarajevo“ getötet haben.

Aufgrund von Zeugenaussagen konnten die Ermittler den 80-Jährigen identifizieren, der wiederholt damit geprahlt hatte, an solchen „Menschen-Safaris“ in Sarajevo teilgenommen zu haben. Der frühere Lkw-Fahrer erhielt am Mittwoch eine Vorladung und seine Räumlichkeiten wurden durchsucht, wie aus Kreisen der Staatsanwaltschaft Mailand verlautete. Bei der Hausdurchsuchung stellten die Carabinieri sieben legal besessene Waffen sicher: zwei Pistolen, ein Gewehr und vier Langwaffen.

Das Verhör des Mannes ist für den kommenden Montag angesetzt.

Internationale Ermittlungen

Nach Erkenntnissen der Ermittler reisten die Scharfschützen mutmaßlich mit einer „serbischen Fluggesellschaft“ an und wurden in Belgrad von Personen empfangen, die sie per Hubschrauber zum Einsatzort transportierten. Italienische Ermittler schätzen, dass ein solcher „Jagdausflug“ umgerechnet zwischen 80.000 und 100.000 Euro gekostet haben soll, wobei das Schießen auf Kinder offenbar mit einem noch höheren Preis verbunden war.

Für diese „Menschen-Safaris“ soll es sowohl legale als auch illegale Geldflüsse gegeben haben – Dokumentationen über diese Transaktionen könnten nach Angaben Gavazzenis bei den italienischen Geheimdiensten vorliegen. Nach Bekanntwerden der Ermittlungen in Italien hat der Stadtrat von Sarajevo vergangene Woche beschlossen, sich dem Strafverfahren in Mailand anzuschließen.

Die Untersuchungen werden im Rahmen einer internationalen Kooperation ausgeweitet. Neben den bosnischen Behörden sind auch Frankreich, die Schweiz und Belgien in die Ermittlungen eingebunden. Parallel dazu arbeitet die Staatsanwaltschaft Mailand daran, weitere mutmaßliche „Wochenend-Scharfschützen“ zu identifizieren. Aus Justizkreisen verlautete, dass derzeit insbesondere ein weiterer Name überprüft wird.

Berichte über die Menschen-Safaris in Sarajevo tauchten in den Nachkriegsjahren immer wieder auf. Bislang fehlten jedoch konkrete Beweise dafür, dass ausländische Scharfschützen tatsächlich für das Schießen auf Menschen bezahlten.

Als gesichert gilt hingegen, dass Hunderte Ausländer als Söldner am Krieg in Bosnien und Herzegowina teilnahmen.

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KO KOSMO-Redaktion
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