Minen in Bosnien-Herzegowina: Auf Schritt und Tritt mit den Sprengstoffexperten

REPORTAGE

Minen in Bosnien-Herzegowina: Auf Schritt und Tritt mit den Sprengstoffexperten

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(FOTO: Mediha Adrović und FUCZ)

Auch 22 Jahre nach dem Ende des Krieges hat Bosnien-Herzegowina noch immer ein ernsthaftes Minenproblem. Minen stellen für das Leben der Bürger eine direkte Gefahr dar, die auch in den kommenden Jahrzehnten anhalten könnte.

Die Ernsthaftigkeit des Problems bestätigt alleine die Tatsache, dass seit 1992 etwa 8.386 Menschen in Bosnien-Herzegowina durch Minen getötet wurden, wie die Europäische Union in B-H, World Vision und UDAS (die Organisation der Amputierten) in einer gemeinsamen Veröffentlichung feststellten.

DER LOHN
„Die Bezahlung des Minenräumers ist der Lohn der Angst“, betont Sead.

Bosnien-Herzegowina ist der von dem Minenproblem am stärksten betroffene Staat in Europa. In einer Erklärung des Zentrums für Minenräumung in B-H (BH Mine Action Centre – MAC) wird festgestellt, dass seit 1996 3.140 km² Land durch nichttechnische Minenräumung zurückgewonnen wurden. Ca. 80.000 Minen sind noch in B-H verblieben.

Wie Tarik Šerak, Leiter der Abteilung für die Koordination der Minenräumungsaktivitäten beim Zentrum für Minenräumung in B-H (B-H MAC) betont, beträgt die minenverdächtige Fläche derzeit 1056,74 km².

„142 Gemeinden unseres Landes haben minenverdächtige Gebiete. In 40 Gemeinden beträgt die minenverdächtige Fläche mehr als 10 km². Die Gemeinden mit der größten potentiell verminten Fläche sind Konjic, Bihać, Zavidovići, Ilijaš, Trnovo, Sanski Most, Kupres u.a.“, erklärt Šerak.

Trotz des Stresses findet Sead Vrana in seiner Arbeit Befriedigung: „Wissen ist die beste Stressprävention.“ (FOTO: Mediha Adrović und FUCZ)

Bosnien-Herzegowina gehört zu den Ländern mit der größten Minenkontamination und das Leben seiner Einwohner ist in ständiger Gefahr. In der ersten Hälfte 2018 gab es keine Minenopfer, abgesehen von einem Zwischenfall, dem einige Schafe zum Opfer fielen. 2017 wurden fünf Minenunfälle verzeichnet, bei denen sieben Personen betroffen waren, drei von ihnen tödlich, während vier Personen mit Verletzungen davonkamen. Über die gesamte Nachkriegsperiode gesehen sind seit 1996 1756 Personen verwundet worden, 613 von ihnen tödlich und 250 waren Kinder.

Die meisten bedrohten Siedlungen liegen in ländlichen Gebieten. Es wird angenommen, dass die Einwohner der urbanen Regionen im Verhältnis zur Landbevölkerung, die ökonomisch vom Zugang zu den verminten Gebieten abhängig ist, ein relativ sicheres wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben führen.

(FOTO: Mediha Adrović und FUCZ)

„Die Analysen der Minenunfälle zeigen auch, dass die meisten Unfälle im Frühherbst und im späten Frühling passieren, in der Zeit der landwirtschaftlichen Arbeiten und beim Sammeln von Brennholz. Neben dem Sammeln von Brennholz und den landwirtschaftlichen Arbeiten ist einer der Hauptgründe für Unfälle in der Bevölkerung das Sammeln von sekundären Rohstoffen, die einen gewissen ökonomischen Wert haben. Daraus erklärt sich, dass die ländlichen Gebiete am gefährdetsten sind und dass dort die meisten Minenunfälle geschehen. Daher haben diese Gebiete bei der Minenräumung Vorrang. Aus all diesen Fakten können wir erkennen, dass man diesen Gebieten besondere Aufmerksamkeit widmen muss“, wird im B-H MAC betont. Das Zentrum für die Minenräumung in B-H betreibt neben der Räumungsarbeit vor Ort auch Aufklärung. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den Kindern gewidmet, die am häufigsten zu Opfern werden.

Bosnien-Herzegowina ist eines der am stärksten verminten Länder der Welt. Die Frist für die vollständige Minenräumung endet 2025.

„Zur Minenwarnung akkreditierte Organisationen beteiligen sich an der Umsetzung der Pläne zur Bewusstseinsbildung über die Minengefahr und engagieren sich in den meisten Fällen in der Aufklärung von Kindern im Schulalter. Eufor gibt regelmäßig Unterrichtsstunden für Schulkinder in ganz B-H. Die Vereinigungen Rotes Kreuz, Rotes Kreuz der Republika Srpska und Rotes Kreuz der Föderation von Bosnien-Herzegowina führen für Grundschulkinder auch Wettbewerbe unter dem Titel „Denk an Minen“ durch – eine wichtige Aktivität im Präventionsprogramm gegen die Minengefahr. Die Schüler lernen auf interaktive Weise und in einer Wettkampfsituation, wie man in Bosnien-Herzegowina sicher leben kann. Jährlich nehmen auf Gemeinde-, Kantons-, Regional-, Entitäts- und Staatsniveau sowie im Brcko-Distrikt ca. 3.200 Schüler an den Wettbewerben teil.

Entminung des gesamten Territoriums bis 2025?
Der Direktor des Zentrums für Minenräumung in B-H, Saša Obradović, sagt, dass B-H die Räumung des kompletten Territoriums der Ottawa-Konvention zufolge bis 2025 aschließen muss. Das Zentrum für Minenräumung hat gemeinsam mit der Norwegischen Volkshilfe, den Streitkräften von B-H und mit Hilfe der Europäischen Kommission ein Pilotprojekt konzipiert, um einen Gesamtüberblick über die Situation in B-H zu gewinnen. Nach unseren Schätzungen sollte 2025 wirklich die letzte Frist sein“, betont Obradović.
Im Zentrum für Minenräumung fügt man hinzu, dass in B-H derzeit eine neue Strategie für die Minenentfernung von 2009 – 2025 entwickelt wird. 2017 wurden für Entminungsaktivitäten nach den verfügbaren Daten des Zentrums für die Minenräumung in B-H (BH MAC) Finanzmittel in Höhe von 32.299.553 KM oder 78 % des Plans von 41.425.000 KM aufgewendet.
„Davon stammten 17.529.053 KM oder 54 % aus heimischen Quellen, während 14.770.500 KM oder 46 % von internationalen Spendern zur Verfügung gestellt wurden. Die wichtigsten Geldgeber unter den heimischen Institutionen ist der Ministerrat von B-H (das Zentrum für die Minenräumung in B-H, das Verteidigungsministerium von B-H), aber Mittel kamen auch von der Norwegischen Volkshilfe (internationale Spender), ITF (Enhancing Human Security, Botschaft Japans, Botschaft Großbritanniens und World without Mines aus der Schweiz). Eine Delegation der Europäischen Union in B-H spendete als Unterstützung für Minenopfer ca. 1.400.000 KM“, gibt das Zentrum für Minenräumung in B-H an.

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