Mittelohrentzündung bei Kindern: „Mit Antibiotika sparsam umgehen!“

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Mittelohrentzündung bei Kindern: „Mit Antibiotika sparsam umgehen!“

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(FOTO: iStockphoto, KOSMO)

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Mittelohrentzündungen sind als eine der häufigsten Erkrankungen bei Kindern der führende Grund für schlechtes Hören und der häufigste Grund für Antibiotikabehandlungen bei Vorschulkindern.

Eltern bekommen oft Panik, wenn sie hören, dass ihre Kinder eine Mittelohrentzündung haben, da sie Komplikationen und dauerhafte Folgen befürchten. Darüber, wie realistisch diese Angst ist, und über eine Reihe anderer Themen sprach KOSMO mit Dr. Lejla Kogler, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen.

KOSMO: Was sind die Symptome dieser Erkrankung und wann tritt sie am häufigsten auf?
Dr. Lejla Kogler: Eine Mittelohrentzündung geht mit allen Anzeichen einer akuten Ohreninfektion einher, das umfasst eine Rötung und Spannung des Trommelfells sowie auch Ohrenschmerzen, Fieber und Unruhe. Etwa 84 % aller Kinder machen mindestens einmal im Leben eine Mittelohrentzündung durch, meistens zwischen dem sechsten Monat und dem vierten Lebensjahr. Bei der Häufigkeit der Erkrankung gibt es saisonale Schwankungen, am häufigsten treten sie im Winter und im Vorfrühling auf.

Welche Ursachen hat diese Erkrankung?
Die Ursachen sind vielfältig und meistens mit einer Anomalie in Bau und Funktion der eustachischen Röhre (des Kanals, der den Nasenraum mit dem Mittelohr verbindet) verbunden, aber es gibt auch andere Faktoren wie Infektionen, den Immunstatus, eine familiäre Vorbelastung, die Ernährung, Allergien, Umweltfaktoren (Art der Tagesbetreuung des Kindes, schlechte sozioökonomische Lebensbedingungen, passives Rauchen). Die Unreife des Immunsystems verursacht häufigere Infektionen der Atemwege, die oft durch eine Mittelohrentzündung noch verkompliziert werden. Das Erkrankungsrisiko erhöht sich vor allem in den ersten beiden Lebensjahren durch den Aufenthalt in einer Krippe und durch eine höhere Anzahl von Kindern in der Gruppe. Es wurde bei Kindern auch eine Verbindung zwischen einer bestehenden Anämie und häufigeren Mittelohrentzündungen festgestellt. Man weiß auch, dass das Risiko einer Mittelohrentzündung bei Kindern im Alter zwischen drei und sechs Monaten, die auf dem Rücken schlafen, um 30 – 40 % geringer ist als bei Babys, die auf dem Bauch oder auf der Seite liegen. Neuere Forschungen zeigen, dass auch die Vererbung Einfluss auf eine individuelle Neigung zu dieser Erkrankung hat, aber die spezifischen Gene wurden bis heute nicht identifiziert.

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84 % aller Kinder bekommen mindestens einmal eine Mittelohrentzündung. (FOTO: KOSMO)

Was verursacht eine Mittelohrentzündung?
Die häufigsten Verursacher sind der Respiratorische Synzytial-Virus und der Rhinovirus, denn diese Viren erleichtern das Vordringen von Bakterien in das Mittelohr. Mikrobiologische Analysen, die auf einer Isolierung von Bakterienkulturen aus dem Mittelohrinhalt beruhen, zeigen, dass nach den Viren auch Bakterien häufige Verursacher von Mittelohrentzündungen sind: Streptococcus pneumoniae, Branhamella catarrhalis, Haemophilus influenzae. Die physikalischen Eigenschaften des Trommelfells erleichtern die Übertragung von Tönen, aber im klinischen Sinne dient das Trommelfell als „Fenster“ zur Mittelohrhöhle, sodass HNO-Fachärzte und Kinderärzte aufgrund einer veränderten Farbe, Beweglichkeit und Position des Trommelfells beurteilen können, um welche Entzündung es sich handelt. Einige klinische Symptome und Anzeichen sind mit bestimmten Verursachern verbunden. Der Streptococcus pneumoniae geht im Gegensatz zu anderen Verursachern mit erhöhter Temperatur, einer ausgeprägten Anspannung des Trommelfells und einer erhöhten Leukozytenzahl im peripheren Blutausstrich einher, während der Haemophilus influenzae öfter mit einer Konjunktivitis verbunden ist.

Wie wird man am schnellsten wieder gesund?
Ein Entzündungsprozess im Mittelohr, der lokale und systemische Symptome hervorruft, kann alleine mit einer symptomatischen Therapie spontan und folgenlos beendet werden. In einigen Fällen spielt eine Antibiotikabehandlung die Hauptrolle bei der klinischen Verbesserung und der Verhinderung von Komplikationen. Die Entscheidung, wann ein Kind mit Mittelohrentzündung mit Antibiotika behandelt werden sollte, hängt von mehreren Faktoren ab. Früher wurde bei der Behandlung solcher Fälle sehr oft eine Antibiotikatherapie per Injektion verschrieben. Aber bei Entzündungen reagiert das Mittelohr sehr empfindlich auf einige Antibiotika, sodass es zu einer Schädigung des Gehörs kommen kann. Wenn der Arzt sich dennoch entscheidet, Antibiotika einzusetzen, dann sind das sogenannte Antibiotika der ersten Linie. Sie müssen regelmäßig und hinreichend lange angewendet werden (nicht weniger als sieben Tage). Wenn innerhalb von 48 – 72 Stunden nach der ersten Antibiotikabehandlung keine Verbesserung eintritt, dann muss man das Kind mit Antibiotika der zweiten Linie behandeln.

In welchen Fällen sind Antibiotika unwirksam?
In einigen Fällen von sehr aggressiven Verursachern und einem schlechten Immunstatus des Kindes ist eine chirurgische Intervention erforderlich: die Anlage einer Öffnung im Trommelfell zur Einsetzung eines Ventilationsröhrchens, das das Sekret aus dem Ohr ableitet und Luft ins Mittelohr lässt, die für die vollständige Gesundung der Schleimhaut benötigt wird.

Warum sollte man mit Antibiotika sparsam umgehen?
Der unvernünftige Einsatz von Antibiotika fährt zur Schaffung von resistenten Bakterienstämmen sowie zur Vernichtung der gesunden saprophytischen Bakterienflora in der Nase und im Rachen, sodass die normale Schutzfunktion der Schleimhaut gegen die Bakterien und Viren, die die Verursacher der Mittelohrentzündung sind, untergraben wird. Einen viel besseren Effekt kann bei der Verringerung der Ohrenentzündungen, und damit auch des Gebrauchs von Antibiotika, die Vorbeugung erzielen:

1. Verkürzung der Zeit, die die Kinder in Vorschuleinrichtungen verbringen, sowie Verringerung der Kinderzahl pro Gruppe. Die prozentuelle Anzahl der Erkrankungen ist in Gruppen von sechs oder weniger Kindern erheblich geringer.
2. Empfohlen werden häufigeres Händewaschen und das Abwaschen von Spielzeug, frische Luft und Luftfilter, das Vermeiden von Irritanzien sowie von Zigarettenrauch.
3. Die Impfung mit einem Pneumokokken-Impfstoff. Die Einführung dieser Impfung hat zu einem erheblichen Rückgang der Zahl von invasiven Pneumokokken-Erkrankungen (Bakteriämie, Meningitis) und zu einem mäßigen Rückgang der Atemwegserkrankungen geführt.
4. Der Einsatz von Belüftungsröhrchen wird bei Kindern empfohlen, die mehr als vier Episoden akuter Ohrenentzündungen pro Jahr haben.
5. Chirurgische Entfernung des Entzündungsherds (Operation der Rachenmandeln).

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Dr. Lejla Kogler, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen (FOTO: KOSMO)

Kontakt:
Dr. Lejla Kogler, OÄ HNO-Abteilung
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder
Ordinationsadresse: An der Oberen Alten Donau 19/2
1210 Wien
Tel.: 0664 434 37 42

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