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Umarmung mit Folgen

Muslimin mit Kopftuch nach Foto mit Serben bedroht (FOTO)

Serbien, Hijab
FOTO: Instagram beyond_the.invisible’s

Ein Foto zweier Studenten – sie mit Kopftuch, er mit serbischer Mütze – löste eine Welle von Hass aus. Nun spricht der Vater der bedrohten jungen Frau.

Muamer Delimedzac, Vater der Studentin Nadija von der Staatlichen Universität in Novi Pazar, zeigt sich tief besorgt über die massiven Anfeindungen gegen seine Tochter. Im Gespräch mit Nova.rs betont er, dass für ihn nun vor allem eines zähle: “Dass meine Tochter wieder sicher auf die Straße gehen kann.” Er wünscht sich, dass die öffentliche Aufmerksamkeit zu den eigentlichen Anliegen der Studentenproteste zurückkehrt.

Auslöser der Kontroverse war ein Foto, das seine Tochter Nadija – eine junge Muslimin mit Kopftuch – in einer Umarmung mit dem Studenten Sava Nikolic aus Cuprija zeigt, der stets eine traditionelle serbische Sajkaca-Mütze trägt. Während viele Bürger das Bild als Symbol der Einheit feierten, sah sich Nadija nach der Gedenkveranstaltung in Novi Sad plötzlich mit schwerwiegenden Drohungen konfrontiert – darunter sogar Aufrufe zu Vertreibung und Gewalt.

“Sie hat diese schrecklichen Anfeindungen sehr schwer verkraftet”, schildert der Vater. “Sie ist jung und natürlich verängstigt – niemand rechnet damit, dass ein einfaches Foto solche Reaktionen auslösen kann.” Auch er selbst habe Angst gehabt, könne die Situation aber aufgrund seiner Lebenserfahrung anders einordnen. “Ihre Sicherheit steht für mich an erster Stelle. Jeder, der eine Tochter hat, sollte sich fragen, ob er möchte, dass sie so etwas durchmachen muss.”

Wachsende Unterstützung

Mittlerweile beruhige sich die Lage jedoch, betont Delimedzac. “Wir erhalten Unterstützung von Bosniaken, Serben und allen Bürgern. Die Spannungen lassen nach, und das soll auch so bleiben – wir wollen keine weiteren Konflikte schüren.” Die meisten Drohungen seien ohnehin von Personen mit gefälschten Profilen gekommen. “Entscheidend ist für uns die Unterstützung der lokalen Behörden und dass Nadija sich in Novi Pazar wieder sicher fühlen kann.”

Die Geschichte der beiden Studenten begann, als sie sich bei einem Protestmarsch in Kraljevo kennenlernten. Schon damals entstand ein gemeinsames Foto, das in Serbien für Begeisterung sorgte – allerdings ohne Umarmung, weshalb es keine negativen Reaktionen gab. Bei ihrem erneuten Treffen fand Sava die weinende Nadija vor und nahm sie tröstend in den Arm. Dieses Bild sorgte besonders in Novi Pazar für gespaltene Reaktionen.

“Es gab genug Spaltung”, findet Delimedzac. “Die Tatsache, dass sich die Aufregung um dieses Bild langsam legt, zeigt, dass die meisten Bürger meine Meinung teilen. Der Fokus sollte wieder auf die eigentlichen Anliegen der Studenten gerichtet werden – auf die 16 Tage des Marsches, den Wunsch und Kampf für eine bessere Zukunft und Bildung.”

Religiöse Kontroverse

Die Welle der Anfeindungen begann, nachdem der religiöse Prediger Elvedin Pezic auf Facebook erklärt hatte, es sei “eine Schande für die Familie und nach dem Glauben haram (religiös verboten), dass ein muslimisches, verschleiertes Mädchen öffentlich einen Jungen umarmt, der eine Sajkaca trägt”. Doch nicht nur Nadija, auch Sava Nikolic wurde zur Zielscheibe. Gegenüber Nova.rs berichtete er, dass er seit Tagen erschüttert sei und sich nach dem Marsch nicht erholen könne, da er ständig bedrohliche Kommentare lese.

“Ich versuche, Nadija beizustehen, weil sie unter enormem Druck steht, und jetzt greifen sie auch mich an”, erklärt Sava. “Ich habe Pezic öffentlich aufgefordert, mit den Spaltungsversuchen aufzuhören. Es ist doch völlig normal, jemanden zu umarmen, der weint.” In sozialen Netzwerken erhält er nun Drohungen wie “du wirst es bereuen” und “du wirst dich nie wieder nach Novi Pazar trauen”. “Das sind alles Bot-Profile, aber ich möchte nicht, dass die Menschen Nadija mit Argwohn betrachten – sie hat das nicht verdient und muss in dieser Stadt leben”, betont Sava.

“Es war unmöglich, sie nicht zu umarmen, als ich sah, wie sie weinte.”