Ein Datum kursiert in Tausenden Chats – und Spanien bereitet sich bereits auf das vor, was als nächstes kommen könnte.
In sozialen Netzwerken kursieren Aufrufe zu einem erneuten Massenansturm auf Ceuta – diesmal mit dem 15. August als konkretem Datum. Die spanischen Behörden nehmen diese Ankündigungen nach den Ereignissen der Vorwoche sehr ernst. Experten und Sicherheitsstellen verweisen dabei auf die zentrale Rolle, die soziale Medien, Falschinformationen und gezielte Desinformation durch Schleppernetzwerke bei der Mobilisierung junger Marokkaner spielen.
Auf einer Online-Konferenz der EU-Innenminister am Dienstag sprachen sich die Teilnehmer unter anderem für eine verstärkte Überwachung sozialer Netzwerke aus, um Massenbewegungen wie jene vom vergangenen Freitag in Ceuta künftig frühzeitiger erkennen und unterbinden zu können. Dass dieser Ansatz mehr als notwendig erscheint, zeigt ein Blick in die einschlägigen Foren: Auf Instagram, Facebook, TikTok und in zahlreichen WhatsApp-Gruppen laufen bereits Aufrufe für einen neuen Ansturm auf die spanische Nordafrika-Exklave – mit dem 15. August als fixem Termin. Wie das Portal El País und die Zeitung ABC berichten, haben spanische Medien Zugang zu Facebook-Gruppen mit fast 400.000 Mitgliedern sowie zu neun WhatsApp-Gruppen mit mehreren Hundert Teilnehmern erhalten.
Nach Angaben des spanischen Innenministeriums gelangten innerhalb von 24 Stunden rund 49.000 Migranten aus Marokko über See- und Landweg nach Ceuta, wobei die Gesamtzahl der im Zuge des Massenansturms angekommenen Personen von Behörden und Medien auf bis zu 60.000 geschätzt wird.
Desinformation als Treiber
Unterdessen hat das spanische KI-Unternehmen Golden Owl aus Alicante eine bemerkenswerte Überschneidung festgestellt: Offenbar sind es dieselben Nutzerkonten, die bereits in den Tagen vor dem Massenansturm vom 30. Juli aktiv waren und damals Menschen dazu aufriefen, sich im Viertel Castillejos an der Grenze zu versammeln, um gemeinsam nach Ceuta vorzudringen – und die nun über dieselben Kanäle den nächsten Versuch für den 15. August koordinieren. Angesichts dieser Erkenntnisse nehmen die spanischen Behörden die aktuellen Ankündigungen in den sozialen Netzwerken mit großer Ernsthaftigkeit zur Kenntnis.
„Marokkos Jugend ist sehr gut über soziale Netzwerke organisiert und vernetzt. In ländlichen und ärmeren Regionen haben viele nicht einmal die wichtigsten Grundnahrungsmittel, aber über Internet verfügen sie fast alle“, erklärt die spanische Soziologin Maria Guevara von der Universität Pablo de Olavide in Sevilla. Genau diese digitale Vernetzung habe es den Jugendlichen ermöglicht, sich vergangene Woche für einen gemeinsamen Ansturm zu organisieren. Zugleich berge sie eine ernste Schattenseite: „Die Abhängigkeit von Informationen über die sozialen Medien wirft aber auch das Problem auf, dass sie leicht Fake News und Manipulationen auf den Leim gehen“, so Guevara, die seit Jahren über den Gebrauch und Nutzen sozialer Medien durch Marokkos Jugend forscht.
Spaniens Geheimdienst CNI bestätigte bereits, dass die Jugendlichen auch beim Ansturm der Vorwoche Fehlinformationen von Schlepperbanden Glauben schenkten – konkret der Behauptung, ein jüngst ergangenes Urteil des Spanischen Obersten Gerichtshofs habe die sonst üblichen direkten Rückführungen marokkanischer Staatsangehöriger ausgesetzt und mache diesen Moment zum idealen Zeitpunkt für einen Grenzübertritt. Das entspricht nicht den Tatsachen.
Neue Grenzsicherung
Um einen weiteren Massenansturm zu erschweren, haben die Behörden bereits eine rund 500 Meter ins Meer reichende Bojenstruktur installiert. Der aufblasbare Schwimmkörper dürfte zwar kaum verhindern, dass Menschen die rund 300 Meter vom marokkanischen Ufer zur spanischen Seite durchschwimmen. Er gilt jedoch als offizielles Grenzsperrelement – und das ist insofern von Bedeutung, als der jüngste Massenansturm maßgeblich durch ein Urteil des Spanischen Obersten Gerichtshofs ausgelöst wurde, das direkte Rückführungen an der Grenze zu Ceuta untersagt, sofern Migranten das spanische Territorium schwimmend und ohne Überwindung von Grenzsperren erreicht haben.
Gleichzeitig zeigt die Auswertung sozialer Medien durch spanische Leitmedien, dass sich unter den Nutzern zunehmend Skepsis gegenüber den kursierenden Versprechungen breit macht. Fast alle Migranten hatten Ceuta bereits nach rund 24 Stunden wieder verlassen, nachdem sie festgestellt hatten, dass die in Aussicht gestellte problemlose Weiterreise aufs spanische Festland nicht der Realität entsprach. Viele Marokkaner äußerten gegenüber Reportern ihre Enttäuschung – sie hatten erwartet, in Ceuta als willkommene Arbeitskräfte empfangen zu werden.
Auch hierfür trägt die Dynamik sozialer Medien eine Mitverantwortung, wie Expertin Maria Guevara erläutert: Posts von in Spanien lebenden Bekannten, Freunden und Verwandten seien für die Jugendlichen in Marokko praktisch die einzige Informationsquelle über das Leben im Nachbarland. „Und bekanntlich postet fast niemand negative Dinge über sein Leben. So wissen die meisten Jugendlichen in Marokko nur wenig über Rassismus und die schwierigen Lebens- und Jobbedingungen marokkanischer Migranten in Spanien“, so Sozialforscherin Guevara.
Während in denselben Foren bereits wieder ein neuer Ansturm auf die sensible EU-Außengrenze vorbereitet wird, suchen andere Nutzer dort noch immer nach Angehörigen, von denen sie seit dem Ansturm der Vorwoche nichts mehr gehört haben. Sie posten Fotos der Vermissten. Eines soll nach Angaben von El País Mohamed Afasi in Badehose und mit einem Handtuch um den Hals zeigen. Er ist neun Jahre alt und verschwand im Meer, als er mit seiner Mutter am Wellenbrecher vorbeischwimmen wollte. Ein anderes Foto zeigt die 15-jährige Mariam, die es laut Zeugenaussagen offenbar nach Ceuta geschafft hat, deren Handy aber seitdem ausgeschaltet ist.
Viele Angehörige klammern sich daran: an das Fehlen eines Telefons, die Möglichkeit, dass sie es auf See verloren haben könnten oder dass der Akku leer ist. Sie hoffen, dass die ihrigen sich nicht unter den bereits 78 geborgenen Leichen befinden. Die Zahl der Todesopfer wird von spanischen Behörden und Medien inzwischen mit mindestens 67 bis über 80 Toten angegeben. Die spanische Flüchtlingsorganisation Caminando Fronteras berichtete am Mittwoch sogar, dass bereits 141 tote Migranten aus dem Meer geborgen wurden.