Monate lang eingesperrt, allein, unsichtbar – bis ein Nachbar hinhörte. Ein Fall, der Frankreich erschüttert.
Ein neunjähriger Bub ist in Frankreich aus einem Lieferwagen befreit worden, in dem er seit November 2024 eingesperrt gewesen war. Das Kind wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, sein Vater festgenommen.
Aufmerksam auf den Fall wurde die Polizei am Montag durch einen Nachbarn, der „Geräusche eines Kindes“ aus einem geparkten Lieferwagen im elsässischen Dorf Hagenbach nahe der Schweizer und deutschen Grenze gemeldet hatte. Das geht aus einer Erklärung von Staatsanwalt Nicolas Heitz hervor, die am Samstag veröffentlicht wurde. Als die Beamten den Wagen gewaltsam öffneten, bot sich ihnen ein erschütterndes Bild: Der Bub lag laut Erklärung „in Embryonalstellung, nackt, mit einer Decke bedeckt, auf einem Müllhaufen und neben Exkrementen“.
Das Kind war sichtlich unterernährt und konnte nicht mehr gehen – die monatelange Enge hatte ihm das Aufstehen unmöglich gemacht.
Vaters Aussagen
Gegenüber den Ermittlern gab der Vater an, er habe seinen damals siebenjährigen Sohn im November 2024 in dem Fahrzeug eingeschlossen, „um ihn zu schützen“ – weil seine Partnerin darauf bestanden habe, den Buben in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Laut Staatsanwalt existieren jedoch keinerlei medizinische Unterlagen, die auf psychische Probleme des Kindes vor seinem Verschwinden hindeuten würden. Im Gegenteil: Der Bub habe gute Schulnoten gehabt.
Der Neunjährige selbst schilderte den Ermittlern, er habe „große Schwierigkeiten“ mit der Lebensgefährtin seines Vaters gehabt und sei davon überzeugt gewesen, dass seinem Vater „keine andere Wahl“ geblieben sei. Seit 2024, so das Kind, habe es sich nicht mehr geduscht.
Ermittlungen ausgeweitet
Dem Vater werden vorläufig Entführung sowie weitere Delikte zur Last gelegt, er befindet sich in Untersuchungshaft. Seine Partnerin bestritt nach Angaben der Staatsanwaltschaft, von der Situation gewusst zu haben. Gegen sie wurden dennoch vorläufige Anklagen erhoben – unter anderem wegen unterlassener Hilfeleistung gegenüber einem gefährdeten Minderjährigen. Sie wurde unter gerichtliche Aufsicht gestellt und auf freiem Fuß belassen. Die zwölfjährige Schwester des Buben sowie die zehnjährige Tochter der Partnerin wurden der Jugendwohlfahrt übergeben.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, ob weitere Personen von dem eingesperrten Kind gewusst haben könnten. Freunde und Verwandte der Familie gaben an, sie hätten geglaubt, der Bub befinde sich in einer psychiatrischen Einrichtung. Seinen Lehrern war mitgeteilt worden, er habe die Schule gewechselt. Namen des Opfers und der Familienmitglieder wurden von den Behörden nicht bekanntgegeben. Bewohner des Dorfes zeigten sich gegenüber der Nachrichtenagentur AP am Samstag tief erschüttert – über die näheren Umstände wollte jedoch niemand sprechen.
Staatsanwalt Heitz lehnte weitere Stellungnahmen gegenüber AP bis zum Abschluss der Ermittlungen ab.